Aarau
Der Kormoran stillt seinen Hunger mit seltenen Nasen

Peter Jean-Richard vom Aarauer Bachverein fürchtet um den Bestand der seltenen Fischart im Frey-Kanal. Die Nasen stehen auf der Menükarte des Kormorans

Hubert Keller
Merken
Drucken
Teilen
Peter Jean-Richard beobachtet die Entwicklung der Nasen im Frey-Kanal mit Sorge. Sandra Ardizzone

Peter Jean-Richard beobachtet die Entwicklung der Nasen im Frey-Kanal mit Sorge. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

«Ich habe Schlimmeres befürchtet», sagt Peter Jean-Richard vom Aarauer Bachverein nach der einstündigen zügigen Wanderung dem Frey-Kanal entlang. Es war nach acht Uhr und bereits stockdunkle Nacht, als er alle paar Meter mit der starken Taschenlampe in den Bach zündete und Fische zählte, deren Zahl zumindest schätzte: 1 Alet bei der Mündung in die Aare, keine Fische bei der untersten Brücke bis zur Moosbrücke, oberhalb des Rüscheli 200 kleine Fische, nur vier bis zehn Zentimeter lang, Grundeli, Lauben. Und dann, endlich, zwischen Aaredörflisteg und unterem Holzsteg Jungfischschwärme, in denen Jean-Richard endlich auch junge Nasen ausmachte. 15 Stück, schätzte er. Die Nasen stellen eine bedrohte Fischart dar. In der Schweiz hat es nur noch rund hundert Laichplätze, unter anderem an der Aare und in der Suhre.

Laichfähige Nasen, 30 bis 40 Zentimeter lange Prachtskerle, fing er bei der nächtlichen Wanderung mit dem Lichtkegel zwischen dem oberen und unteren Holzsteg ein. Rund 20 gesunde Exemplare. Bis zum Ende der Exkursion machte er etwa 50 erwachsene Nasen aus. Fische, die dem Kormoran nicht zum Opfer gefallen sind. Und als Jean-Richard am Tag darauf rund 40 Kormorane in Keilformation Richtung Nord-Osten fliegen sah, war er beruhigt: Die ärgsten Feinde der Nasen zogen in ihre Brutgebiete. Solche hat es mittlerweile auch an den Seen im Mittelland. Im Herbst kehren sie wieder zurück.

Laichablage im Frey-Kanal

Im Mai und Juni des letzten Jahres hatten Jean-Richard und Kollegen vom Bachverein im Frey-Kanal ganze Gruppen von laichbereiten Nasen beobachtet. Sie wussten seit einiger Zeit, dass auch im Frey-Kanal Nasen leben. Doch sie gingen davon aus, dass sich hier nur Jungfische aufhalten und diese im fortpflanzungsfähigen Alter wieder in die Aare und die Suhre abwandern. Wenn aber die Nasen auch im Frey-Kanal laichen, ist das eine Sensation. Die Nase gehört zu den gefährdeten Fischarten. Nur, sie steht auf der Menükarte des Kormorans.

Jean-Richard will die Entwicklung der Fischbestände im Frey-Kanal regelmässig beobachten. Alle zwei Wochen will er die Fische zählen und bestimmen. Welche Arten pflanzen sich fort? Welche Abschnitte werden von welchen Fischen benutzt? Welche Bedeutung haben die Unterstände, die mit gefällten Bäumen geschaffen wurden? Und, wie verhalten sich die Raubvögel?

«Ich möchte Grundlagen erarbeiten, um den Lebensraum speziell der Nasen zu verbessern», sagt Jean-Richard. Ihn interessiert vor allem auch eine Frage: Wie entwickelt sich der Lebensraum der Nasen, wenn der neue Zufluss aus der Aare in Betrieb ist, der den Fischen weniger Schutz bietet als die beiden Röhren. Für den Frey-Kanal ist im Zuge der Kraftwerkerneuerung Rüchlig ein neues Einlaufwerk mit einer Brücke erstellt worden.

«Man unterschätzt die Fische», ist Jean-Richard überzeugt. «Sie wissen nicht nur, wo die besten Nahrungsplätze sind, sondern auch wo sie am besten vor dem Zugriff der Raubvögel geschützt sind.» Nur, auch der Kormoran ist nicht zu unterschätzen. Und so hofft Jean-Richard, dass der gefrässige Vogel nicht auf den Geschmack kommt und im Bereich der Aare und ihren Nebenarmen, dem Frey-Kanal und der Suhre, sein dauerhaftes ganzjähriges Quartier aufschlägt.

Wie eine stumpfe Nase

Die Nase erreicht bei uns eine Länge von rund 50 Zentimetern. Der Fisch lebt dort, wo er mit Algen bewachsene Steine abschaben kann. Dafür ist sein Maul, dem er seinen Namen verdankt, wie geschaffen. Die Kopfspitze sieht aus wie eine stumpfe Nase. Die Maulspalte verläuft quer, die Unterlippe ist scharfkantig und verhornt. Zur Laichzeit im Frühsommer ziehen die Nasen in Schwärmen flussaufwärts oder dringen in geeignete Nebenbäche ein. Beide Geschlechter zeigen dann einen Laichausschlag in Form von sternförmigen Punkten am Kopf. Die Weibchen bekommen zusätzlich einen rötlich schimmernden Bauch. Während der heftigen Laichspiele legen sie 1,5 Millimeter grosse Eier ab, die am Kies kleben bleiben. Anschliessend wandern die Altfische in ihre Reviere zurück.