Aarau

Der Kettenbrücke geht es nach 71 Jahren an den Kragen – auch für ihre Zerpflücker ist der Abbruch emotional

Abbrechen ist ihr Beruf – doch der Rückbau von Aaraus wichtigstem Bauwerk ist auch für die Beteiligten speziell. Speziell schön ist aber auch die Aufmerksamkeit, die sie von den zahlreichen Zuschauern bekommen.

Fast zärtlich, mit einem Gebiss, mannsgross, nagt der Bagger am Beton. Kappt Armierungseisen, so leicht, als wären es Strohhalme, unter ihm poltern die Brocken in den Ponton. Am Geländer stehen Zuschauer mit Fotoapparaten und schauen, manche stundenlang. Und auf den Stahlträgern sitzen die Tauben und verstehen die Welt nicht mehr.

71 Jahre lang war sie da, die Kettenbrücke, die keine Kettenbrücke war. Jetzt verschwindet sie, jeden Tag ein bisschen mehr. Bis in drei Wochen wird sie weg sein. Schön war sie nicht, scheppern tat sie auch, und doch ist ihr Verschwinden ein Jahrhundertereignis. Aufgereiht steht das Publikum da, hauptsächlich Männer von Jung bis Alt, manche würden jeden Tag kommen, bei Wind und Wetter, sagt Hauptpolier Markus Knubel.

Die Walzen 1949 beim Belastungstest auf der Kettenbrücke. Bild: zvg

Die Walzen 1949 beim Belastungstest auf der Kettenbrücke. Bild: zvg

Viele von ihnen sind so alt, dass sie mit Sicherheit etwas von damals zu erzählen hätten, damals anno 1948, als die echte Kettenbrücke abgerissen und ersetzt wurde. Damals, als sie noch an den Händen ihrer Väter und Grossväter gingen; noch heute hüten sie die Fotografien von damals in ihren Alben, von den Erinnerungen ganz zu schweigen. Denn so etwas vergisst man nicht, so ein Brückenbau.

In diesen Tagen ist ihr Rücken gerader als sonst

So geht es auch den Männern, die die Brücke verschwinden lassen. Es ist nicht gelogen, wenn man sagt, dass sie in diesen Tagen mit etwas geraderem Rücken herumlaufen als sonst. Die Arbeit an dieser Brücke macht sie stolz. Nicht, dass es ihre erste wäre. Aber Brücken sind auch für sie speziell, und diese erst recht. Mit teils unbekanntem Bestand, mit einer gewaltigen Spannweite von 108 Metern, mit dem Risikofaktor Wasser; mal ist die Aare tief, mal kommt sie hoch, mit allerlei Schwemmmaterial versetzt.

In Aarau hat der Abriss der Kettenbrücke begonnen

In Aarau hat der Abriss der Kettenbrücke begonnen (Video vom 3. Mai 2020)

Doch speziell macht die Brücke vor allem das Emotionale. Brücken verbinden, überwinden. Ohne Brücke wäre Aarau nicht entstanden; gebaut auf dem sicheren Felsen, über der weitherum günstigsten Stelle. Hier war das Passieren des Flusses möglich, ob mit Fähren oder Brücken, schon die Römer sollen hier Übergänge gebaut haben. Doch kam die Aare während Jahrhunderten so rau und wild daher, dass sie die Brücke regelmässig mit sich riss, und immer wieder mussten die Aarauer tief in den Säckel greifen, um eine neue Brücke zu bauen. Ohne ging es einfach nicht.

«Eine Brücke weckt andere Emotionen»

«Eine Brücke weckt andere Emotionen als jedes Gebäude, das ist unbestritten so», sagt Antonio La Cola von Implenia. Er ist der Projektleiter der Arbeitsgemeinschaft Kettenbrücke, eines Zusammenschlusses von Implenia Schweiz AG, Meier + Jäggi AG und Rothpletz, Lienhard + Cie AG. Die drei Unternehmen teilen sich die Arbeit, je nach Kernkompetenz kommt mal die Firma, mal die andere zum Zuge.

Aktuell sind es hauptsächlich die Mitarbeiter des Subunternehmens Gebrüder Huber AG aus Wöschnau, die der Brücke zu Leibe rücken. So wie Andreas Hochuli, der in der Kabine seines 40-Tonnen-Baggers sitzt. Er ist diesbezüglich der Neuling in der Truppe. Zwar arbeitet er seit elf Jahren mit Baggern, aber erst seit einem Jahr im Rückbau. Jetzt ist er einer der Männer, die Baggerarm und Werkzeug mit solcher Präzision führen, dass die Brücke mehr liebevoll zerpflückt denn zerstört wird. Einer der Männer, von denen sein Chef Hugo Huber sagt, sie seien mit diesem Talent geboren.

71 Jahre lang hat diese Brücke Aaraus Stadtbild mitgeprägt. In drei Wochen wird sie verschwunden sein.

71 Jahre lang hat diese Brücke Aaraus Stadtbild mitgeprägt. In drei Wochen wird sie verschwunden sein.

Die Zuschauer schauen nicht nur, sie backen auch

So was zu hören, tut den Arbeitern gut. Auch die Aufmerksamkeit, die sie tagtäglich bekommen. Am Anfang sei es etwas merkwürdig gewesen, so beobachtet zu werden, sagt Maschinist Andreas Hochuli. «Aber man gewöhnt sich dran.» Und die Freude sei jedes Mal gross, wenn die Zuschauer begeistert auf sie zukämen, und das passiere oft. Es komme sogar vor, sagt Hauptpolier Markus Knubel, dass jemand aus dem «Fanclub»– so nennen die Arbeiter die Zaungäste liebevoll – ihnen Kuchen bringe. «Das ist nicht alltäglich, das freut uns schon sehr.»

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Natürlich haben nicht alle Freude daran, dass die Brücke wegkommt. Da sind die, die nicht müde werden, über die neue Brücke zu schnöden. Und die, die sich an den Arbeiten stören; am Lärm, den Vibrationen, dem Staub. Vorwürfe, die Projektleiter Antonio La Cola ratlos machen. «Wir möchten niemandem das Leben schwer machen. Aber eine Brücke hinzaubern können wir nicht.»

Und dann sind da noch die, denen die Brücke jetzt schon schmerzlich fehlt. Die Tauben, die verwirrten, die während Jahren in den Widerlagern genistet haben. Markus Knubel lächelt, sagt, die Tiere hätten Ausdauer: «Auch sie kommen noch immer jeden Tag.»

Galerie: Die Kettenbrücke von früher bis heute:

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