Aarau

Der Glöckner von Aarau muss jeden Tag die Räderuhr aufziehen

Die Uhr im Aarauer Obertorturm ist als einzige in der Stadt nicht elektrifiziert, sie wird seit 500 Jahren von Hand aufgezogen. Dafür verantwortlich ist der 69-jährige Werner Ziswiler.

Werner Ziswiler ist heute 69 Jahre alt. Seit 33 Jahren – fast die Hälfte seines Lebens – ist er dafür zuständig, dass die öffentlichen Uhren in Aarau die korrekte Uhrzeit anzeigen. «Ich bin so was wie der Glöckner von Aarau», sagt er. Als städtischer Uhrenrichter muss Ziswiler jeden Tag den Obertorturm hinaufsteigen, die grosse Räderuhr aufziehen und den Pendel nach der Uhrzeit richten.

«1979, als ich noch als Buschauffeur arbeitete, wurde ich von einem Fahrgast angefragt, ob ich mich als Nachfolger für seine Stelle als Uhrenrichter bewerben möchte», erzählt Ziswiler. Er bewarb sich und wurde eingestellt. Bis zu seiner Pension vor vier Jahren war er gleichzeitig Buschauffeur und städtischer Uhrenrichter. «Ich hatte wahrscheinlich Glück, denn eine Mechanikerlehre habe ich nie gemacht.»

Früher musste Ziswiler die Uhren im Rathaus, der Stadtkirche, im Amtshaus oder in verschiedenen Aarauer Schulen richten. Inzwischen sind diese mit elektrischen Sendern ausgestattet, die die Uhrzeit automatisch regulieren. Ziswiler bleibt heute nur noch der Obertorturm.

130 Treppentritte zum Uhrwerk

Mit 73 Jahren hatte Ziswilers Vorgänger die Stelle übergeben. Wegen eines lädierten Knies war er nicht mehr in der Lage, die vielen Treppen hinaufzusteigen. Ziswiler hingegen sieht heute keinen Anlass, mit seiner Arbeit aufzuhören. «Solange die Stadt diese Uhr nicht modernisiert, will ich Uhrenrichter bleiben», sagt er. Der tägliche Weg mit dem Fahrrad in die Altstadt und die 130 Treppentritte hinauf zum Uhrwerk im neunten Stock des Obertorturms hielten ihn in Form. Zudem spüre er nach wie vor eine grosse Faszination für das alte Urwerk – ja für alles mechanische. «Schon als Kind habe ich gerne Wecker auseinandergenommen und wieder zusammengeschraubt. Es hat mich immer interessiert, wie Uhren funktionieren.»

Werner Ziswiler muss täglich die Uhr im Aarauer Obertorturm richten.

Werner Ziswiler muss täglich die Uhr im Aarauer Obertorturm richten.

1532 wurde in Zürich die Räderuhr hergestellt, die heute im Obertorturm tickt. Nur zweimal habe sie repariert werden müssen. Hie und da ölt Ziswiler die alten, eisernen Zahnräder. «Ich darf aber ja nicht zu viel Öl darauf tröpfeln lassen, sonst ballt sich Staub an den Zahnrädern zusammen», sagt er. Die langen Faserseile, die sich fein säuberlich um die drei Walzen winden und an denen die Gewichte hängen, habe er im Verlauf der Jahren ausgewechselt.

«Die Uhr funktioniert komplett mechanisch. Derjenige, der diese Maschine erfunden hat, war ein Genie.» Ein kleines, weisses Schild an der Wand des Holzhäuschens, in dem das Uhrwerk steht, verrät: Das Genie hinter der bald 500-jährigen Uhr hiess Johannes Luterer. Und von Luterers Uhr kennt Ziswiler jedes Detail. Voller Begeisterung erklärt er minutiös, wie die vielen Zahnräder und Hebel miteinander verbunden sind und wie das ausgeklügelte Uhrwerk funktioniert. «An den Zahnrädern sehe ich, wann die Glocken an der Turmspitze ausgelöst werden.»

Ziswiler schaut auf seine Armbanduhr: «Das müsste jetzt gleich geschehen – es ist Halbzeit.» Plötzlich hört man einen Knall. Ein Hebel schlägt auf eine eiserne Stange. Spindeln und propellerartige Stäbe mit Flügeln an beiden Enden beginnen zu drehen. Nach etwa fünf Sekunden kommen sie wieder zum Stillstand. «Zwei Mal wurde der Hebel hinunter gedrückt. Das heisst, dass die Glocken zweimal geläutet wurden.» Prompt führt es Ziswiler vor – und zieht selber am Hebel, der die Glocken auslöst. «Hör genau hin!» Draussen läutet die Glocke einmal mehr. Die Passanten auf der Strasse denken jetzt wohl, es sei bereits Viertel vor.

Immer wieder ankurbeln

«Wenn ich hierherkomme, um die Uhr anzukurbeln, muss ich immer schauen, dass ich sie nicht kurz vor einem Glockenschlag aufziehe», sagt Ziswiler. 15-mal dreht er die Seilwalze auf und zieht das Gewicht, das daran hängt, nach oben. Höchstens 48 Stunden lang läuft die Uhr danach weiter. Was ist, wenn Ziswiler mal krank ist oder in die Ferien geht? «Bei Wintereinbruch reise ich normalerweise nach Brasilien und bleibe dort den Sommer hindurch», erzählt er. Dann springen Bekannte für ihn ein und schauen, dass die Uhr in Aarau weiterhin korrekt tickt.

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