Olympische Spiele
Der Frust über Sotschi im Aarauer Russen-Shop ist gross

Die heftigen Diskussionen vor den Olympischen Spielen über den russischen Austragsort enttäuschen die Inhaber des Geschäfts im Aarauer Gais-Center. «Der Frust über die ewig negativen Schlagzeilen ist gewaltig.»

Katja Schlegel
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Marcel und Marina Helfenstein-Rubtosva in ihrem Russen-Shop für Heimweh- und Fernweh-Russen im Aarauer Gais-Center. Annika Bütschi

Marcel und Marina Helfenstein-Rubtosva in ihrem Russen-Shop für Heimweh- und Fernweh-Russen im Aarauer Gais-Center. Annika Bütschi

Warnungen vor Bomben in Zahnpastatuben, Olympia-Boykotte, Korruption, unfertige Hotels und Unterkünfte, Drohungen gegen Sportler, ein Bürgermeister, der Sotschi für schwulenfrei erklärt – die Schlagzeilen und Berichte über Russland und die Olympischen Spiele in Sotschi waren in den letzten Wochen und Monaten wenig schmeichelhaft.

Marcel Helfenstein und seine Frau Marina – sie gebürtige Moskauerin, er überzeugter Russland-Fan – können sie nicht mehr lesen und sehen.

«Der Frust und die Ohnmacht, die solche Schlagzeilen bei den Russen hinterlassen, sind gewaltig», sagt Marcel Helfenstein.

Das Ehepaar führt seit sieben Jahren einen Russen-Shop in Aarau. Erst am Ziegelrain, seit 2010 im Gais-Center.

Hier gibt es Lebensmittel aus Russland, der Ukraine, Moldawien, Estland, Lettland, Litauen, Georgien, Armenien und der Mongolei.

Alles, was lange haltbar ist: eingelegtes Gemüse, Kondensmilch, Suppen, Gewürzmischungen, Fisch, Kaviar, Gebäck und Pralinen.

Und natürlich Wodka sowie andere Spirituosen. Verkaufsschlager sind tiefgefrorene Pelmeni, das sind mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen.

Und aus dem Kühlschrank starren einen kleine Fische an: in Salz eingelegte Snacks fürs Feierabendbier.

«Gewöhnungsbedürftig», sagt Marcel Helfenstein und lacht, während seine Frau erklärt, wie man die Fische isst: Haut abziehen, Kopf abbrechen und mit den Fingern das Fleisch abzupfen. Sie sagt, das schmecke ausgezeichnet.

Viele Kunden treibt nicht das Heimweh in den Laden, sondern das Fernweh: «Über die Hälfte der Kunden sind Schweizer, die russische Spezialitäten auf Reisen kennen gelernt haben», sagt Marina Helfenstein.

Die restlichen Kunden seien Russen, die im Grossraum Aarau leben. Das Geschäft samt Online-Handel und Catering läuft inzwischen gut, so gut, dass Helfensteins ihren Laden gar vergrössern möchten.

Über der Tiefkühltruhe mit den Teigtaschen hängt ein Poster mit Fotografien und dem Logo der Olympischen Spiele.

Eigentlich freuen sich Helfensteins auf die Spiele. Eigentlich. Wenn die anprangernden Schlagzeilen nicht wären.

Das tut ihnen nicht nur als Geschäftsleute weh – negative Schlagzeilen sind tatsächlich am Umsatz spürbar –, sondern in erster Linie als Russin und Russland-Liebhaber.

Die Olympischen Spiele wären die perfekte Möglichkeit für die Russen, sich losgelöst von der Politik in einem anderen Licht und als gute Gastgeber zu präsentieren, sagt Marcel Helfenstein.

«Man tut der Bevölkerung Unrecht, wenn man sich nur auf das Negative fokussiert. Auch bei uns gibt es Korruption und Pfusch am Bau.»

Natürlich sei nicht alles gut in Russland, und was falsch laufe dürfe nicht totgeschwiegen werden und unkritisiert bleiben.

«Aber man darf nicht mit den gleichen Ellen wie in Europa messen. Nach 80 Jahren Sowjet-Diktatur kann man nicht den gleichen Grad an Demokratie erwarten wie bei uns.»

Dass man die Politik, die Gesetze und die Korruption kritisiere, sei legitim, sagt auch Marina Helfenstein. Was sie aber zutiefst kränkt, sind die Vorurteile gegenüber den Menschen.

«Wird über Russen berichtet, sind es entweder in Pelz gehüllte Neureiche in Nobelorten oder Holz sammelnde Mütterchen in der Einöde. Beides sind Klischees.»

Doch wie sind sie denn, die Russen? Die beiden schauen sich an und lachen. Dann zählen sie auf: einfach, spontan, lebhaft, emotional, beim Aufeinandertreffen im ersten Moment kühl, dann aber umso herzlicher.

«Freundschaften sind in Russland viel enger als in der Schweiz», sagt Marina Helfenstein. Ihr Mann ergänzt: «Die Welt wird überrascht sein, wie gastfreundlich die Russen sind.»

Dann nimmt er eine Flasche Johannisbeer-Likör aus dem Regal und schenkt winzige Schlucke in Plastikbecher.

So ein Gläschen gehöre zur russischen Gastfreundschaft, egal zu welcher Tageszeit. «Aber Trinken ohne Trinkspruch gilt als Sauferei», sagt Marcel Helfenstein und hält den Becher in die Luft. Deshalb: «Auf Sotschi, auf gelungene Spiele!»