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Der Frühling naht: Die Vögel machen ihre ersten Stimmübungen

Stephanie Michler beobachtet im Schneeregen am Dienstagmorgen zwei Kernbeisser auf einer hohen Birke. kus

Stephanie Michler beobachtet im Schneeregen am Dienstagmorgen zwei Kernbeisser auf einer hohen Birke. kus

Die Vögel sind die ersten Vorboten des Frühlings. Das Gezwitscher in der Dämmerung wird jeden Tag lauter, für die Vögel ist es die Vorbereitung für die Balzsaison.

Der Frühling kommt. Doch dann strafte der kalte Schneeregen am Dienstagmorgen die Behauptung der Journalistin Lügen. Die Flocken fielen gross und schwer und landeten auf dem Feldstecher von Stephanie Michler. Die Suhrerin ist im Vorstand von Birdlife Aarau und arbeitet als Ornithologin bei der Vogelwarte Sempach.

«Hören Sie das? Eine Dohle!», sagt sie. Wir stehen beim Suhrer Schulhaus Feld an der Bachstrasse und blicken in die nackten Äste der grossen umstehenden Bäume. Es dämmert. Ein Laie kann die Vogelstimmen nicht zuordnen, aber jeder merkt: Sie pfeifen wieder. Sind die Zugvögel am Ende schon aus dem Süden zurück?

Stephanie Michler verneint: «Jene, die man jetzt hört, sind den Winter über hiergeblieben. Jetzt machen sie erste Stimmübungen.» Die Männchen der Amseln sind es, Grünfinken oder Meisen, die ihre Stimme aufwärmen, damit sie bereit sind, wenn das Balzen losgeht und das Revier markiert werden will. Am Brüten sind erst die Eulen. «Die meisten Zugvögel kehren erst gegen April zurück, dann ist das eigentliche grosse Frühlingserwachen», sagt Michler.

Balzzeit ist vom Wetter unabhängig

Die Menschen nehmen die ersten Zeichen des Frühlings schon jetzt dankbar wahr, dennoch hängt der Beginn der Vogelbalz nur wenig vom Wetter ab. Die Vögel richten ihren Lebensrhythmus mehr nach der Länge der Tage. Dass viele Vögel, darunter die Amseln, schon lange vor Sonnenaufgang mit dem Singen beginnen, kommt daher, dass Vögel Licht schon wahrnehmen können, wenn für die Menschen noch stockfinstere Nacht herrscht.

Schneeregen mögen aber auch sie nicht. Stephanie Michler findet deshalb, es sei an diesem Morgen eher still. «Die Vögel mögen es, wenns trocken und windstill ist, dann hört man sie auch besser», erklärt sie. Und doch: «Zizizizjazjazoritiu-zip!» Ein Buchfink meldet sich. Er ist der häufigste Brutvogel bei uns und bleibt den Winter über hier.

Auf den Buchfink folgt ein Hausspatz. Übrigens von SVS/Birdlife Schweiz zum Vogel des Jahres gewählt, weil der Bestand abnimmt. «Das mag überraschen, aber der Haussperling findet im Siedlungsgebiet immer weniger Brutgelegenheiten, weil es weniger Häuser mit Giebeldächern und Nischen gibt», sagt Michler. Und von Brotkrumen alleine, welche die Spatzen in der Stadt genügend finden, können sie ihre Jungen nicht ernähren. Die benötigen Insekten und Raupen. In den letzten 30 Jahren ist der Bestand der Hausspatzen in der Schweiz um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen.

Wir gehen den Bach entlang. Sogar Eisvögel sehe man hier manchmal, sagt die Ornithologin und bleibt stehen: «Dort oben zwei Kernbeisser!» Es ist der Höhepunkt der akustischen Suche. «Zick-zicks-zick», beschreibt Michler die Rufe. Man sieht die beiden kaum, hinter dem Schneeschleier hoch oben auf der Birke. Sind sie schon ein Paar? «Einige Vogelpaare finden sich schon im Herbst», bestätigt Michler, bei den Zugvögeln beginnt die Partnersuche in der Regel erst im Frühling.

Der Gesang zehrt an den Kräften

Im tiefen Winter schweigen die Vögel hier fast ganz. Denn die kunstvollen Gesänge der Vogelmännchen sind kräftezehrend. Die momentanen Stimmübungen beeindrucken die Weibchen noch nicht gross. «Die Weibchen haben es nicht pressant», sagt Michler. Weibliche Vögel pfeifen übrigens auch, aber bloss zur Kommunikation, als Warnung vor Feinden zum Beispiel. Sie müssen die Männchen nicht mit kunstvollen Arien beeindrucken.

Dass das Gezwitscher lauter geworden ist, hat auch die Fachfrau gefreut. «Allmählich wird es wohl doch Frühling», sagt sie und rückt ihre Mütze zurecht. «Die Vögel spüren den Frühling und wir ja auch.»

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