Ab heute Abend muss da ein Kleber drauf: «Pensioniert». «Ein schöner, grosser Kleber», sagt Röbi Fischer (64) und schaut sein Auto an. Da klebt sein Gesicht drauf, zusammen mit dem Spruch: «Wer nur ein bisschen nachdenkt, entsorgt Abfälle korrekt.» Vor einem Jahr hat er sich davon überzeugen lassen, bei der Plakataktion des Werkhofes Aarau mitzumachen. Auf dem Plakat steht auch: «Schon um 3 in der Früh geht Röbi Fischer auf Putztour.» Das ist ab heute Abend Geschichte. Nach 48 Jahren bei der Stadt geht Röbi Fischer, genannt Fischi, in Rente.

48 Jahre, eine lange Zeit. Erst war er 21 Jahre lang bei den Elektrizitätswerken Aarau, damals noch ein städtischer Betrieb, erst als Antennenbauer, dann als Magaziner. Danach 27 Jahre beim Bauamt, auch da erst als Magaziner und seit 17 Jahren bei der Reinigung. Und in all diesen Jahren war Fischer morgens immer der Erste am Arbeitsplatz. Das mit 3 Uhr auf dem Plakat ist nicht gelogen. «Morgens hat man seine Ruhe, man kann ganz anders arbeiten», sagt er. Ausserdem habe es in dieser Herrgottsfrühe noch keinen Verkehr. «Keine Autos, keine Busse, da kommt man niemandem in die Quere.»

Stau oder freie Fahrt, das hat bei Fischers Tagesprogramm eine grosse Rolle gespielt: Er war nicht nur für die Reinigung der Bachrechen, der Bushäuser, der Unterführungen und der Parkhäuser zuständig, sondern auch für die zehn Feuerstellen, die auf dem Stadtgebiet verteilt sind. Kreuz und quer gondelte Fischer mit seinem Auto durch die Stadt, da brauchte er freie Fahrt, sonst hats gedauert.

Ausschlafen? Doch, ausschlafen könne er trotzdem wunderbar. «Nach der Pensionierung werde ich nicht mehr um 3 Uhr aufwachen. Und wenn doch, drehe ich mich einfach um und schlafe weiter.» Fischer grinst. Darauf freut er sich am meisten; nicht mehr auf die Uhr schauen zu müssen. Und auch sonst freut er sich gewaltig auf seinen Ruhestand. «Es ist Zeit», sagt er.

Eine Erdbeere besänftigt

Röbi Fischer hat seinen Job gern gemacht. Besonders der Kontakt mit den Leuten habe ihm gefallen. Oft habe er mit ihnen geplaudert, besonders mit den Älteren. «Die Leute schätzen unsere Arbeit sehr.» Auch bei Wind und Wetter draussen zu sein hat ihm gefallen. Am schönsten sei es frühmorgens bei der Echolinde, wenn die Sonne aufgeht. Dann habe er sich manchmal ein paar Minuten genommen und es genossen. «Ich mache gern vorwärts, ich musste mich jeweils zu einer Pause zwingen», sagt er. Aber es habe sich gelohnt. Und selbst wenn es geregnet hat, hat ihm das nicht die Laune verdorben. Im Gegenteil. «Regen bedeutet weniger Güsel.»

Das mit dem Güsel, das ist so eine Sache. Eine, die sich in den 17 Jahren, in denen Fischer mit Zange, Schaufel und Abfallsack unterwegs war, stark verändert hat. «Es ist verrückt, was die Leute heute alles fortschmeissen und liegenlassen. Das werde ich nie verstehen können.»

Fischer zieht sein Handy aus dem Sack, zeigt Bilder vom Aareufer beim «Summertime», vollgestellt mit Bierflaschen, Büchsen, dazwischen Abfall, Zigarettenstummel. Eigentlich ist sich Fischer viel gewohnt, aber ab und zu hat ihn das Vorgefundene sprachlos gemacht. «Obwohl, es hatte jeweils keinen Wert, mich den ganzen Tag aufzuregen. Aufräumen musste ich es ja sowieso», sagt er und schon taucht beim Durchblättern der Bilder eines einer besonders schönen und grossen Erdbeere aus seiner Bündte auf – und Fischer ist wieder zufrieden.

Die Schoggi wird ihm fehlen

Das Aufräumen wird Fischer nicht fehlen. Wohl aber sein Team. «Wir haben es gut untereinander», sagt er. Jeden Tag treffen sich die über 40 Mitarbeiter Punkt neun zum Znüni. Für Fischer gab es Toastbrot mit Fleischkäse, danach ein schwarzes Schoggistängeli. Seit Jahr und Tag. «Diese 20 Minuten Pause sind uns heilig, da muss keiner etwas von uns wollen.»

Das Schoggistängeli wird ihm fehlen, ebenso das Schwatzen mit den Kollegen. Auch muss Fischer sich abgewöhnen, aus lauter Gewohnheit in jeden Abfallkübel zu linsen. Und er muss sich daran gewöhnen, den Maienzug wieder geniessen zu können. «26 Jahre lang hat der Maienzug nur Arbeit bedeutet», sagt Fischer, der Uraarauer, der seit 64 Jahren im Dammquartier wohnt. «Den Maienzug zum ersten Mal wieder geniessen zu können, darauf freue ich mich ganz besonders.»