Neue Wäscherei

Der Fleckenteufel von Aarau: Daniel Kartal wäscht von Hand

«Ich bringe jeden Fleck raus», sagt Daniel Kartal. Seine Arbeitsinstrumente: Ein paar Plastikkübel und Bürsten. «Bei uns ist alles Handarbeit», sagt er. Die Waschmaschinen braucht er nur für die Hemden, die er vor dem Waschgang auch von Hand bearbeitet.

Ursprünglich ist Daniel Kartal Schneider. Er betreibt in Aarau eine Filiale des Familienunternehmens «Atelier Kartal», das seine Eltern 1987 in Niedergösgen gegründet haben. Kartal ist türkisch und bedeutet Adler. Die Familie aber ist aramäisch. Aufgrund von politischen Entwicklungen – die christlichen Aramäer werden in der Türkei nicht als Minderheit anerkannt – verliessen seine Eltern in den 60er-Jahren ihre Heimat und liessen sich in der Schweiz nieder. Kartals Vater nähte zuerst für die «Bally», bevor er 1987 sein eigenes Geschäft gründete. Von den vier Kindern nahmen die beiden Söhne ebenfalls die Nadel in die Hand. Daniel Kartal (36) lehrte Damenschneider in Solothurn und eröffnete nach einigen Wanderjahren in anderen Berufen die Kartal-Filiale im Tellizentrum.

Eigene Öffnungszeiten

Nach neun Jahren wagte er 2017 den Sprung über die Strasse und mietete ein Lokal im Neubau der Helvetia-Versicherung an der Tellistrasse 92. Ein Sprung auch, was die Lokalgrösse angeht; von 20 auf 165 Quadratmeter. «Mein Vater hat mich x-mal gefragt, ob ich mir das gut überlegt habe», sagt Kartal. Doch der Sohn war bereit für das Risiko, das er im Gegenzug für mehr Freiheit in Kauf nahm. «Ich wollte raus aus dem Einkaufscenter. Eigene Öffnungszeiten haben.»

Zusätzlich zur Schneiderei, der Polsterei und der Stickerei beschloss Daniel Kartal, auch noch zu waschen. Aber ohne Chemikalien, so wie es gewöhnlich von den Reinigungen gemacht wird. «Ich setze auf alte Tradition», sagt er. Seine Waschmittel kauft er im Detailhandel. Welche es sind, will er nicht verraten. Das neue Geschäft mit den Flecken macht ihm Spass, er mag die Herausforderung. «Die Säcke mit den fleckigen Kleidern sind wie eine Wundertüte.»

Zu sehr möchte er über seine Techniken nicht ins Detail gehen. Aber so viel sei gesagt: «Ich fange immer mit dem Einweichen an.» Dafür braucht er die Plastikkübel. Die Wassertemperatur, das Waschmittel und die Einweichdauer sind jeweils unterschiedlich. Kartal schreibt nichts auf, er hat alles im Kopf. Wenn das Gewebe weich geworden ist, versucht er, den Fleck rauszubürsten. Bleibt er drin, wird das Ganze wiederholt. Es gibt auch Kleidungsstücke, die Kartal in den Kühlschrank oder den Tiefkühler steckt. Der Fleck muss raus. Das sei der Unterschied zu gewissen chemischen Reinigungsverfahren, erklärt er. Dort werde der Fleck nur gebleicht oder übermalt, aber nicht aus dem Gewebe entfernt. Auch bei den Hemden, die bei ihm in die Reinigung gegeben werden, bürstet er zuerst die Schweiss- und Deorückstände raus, bevor er sie in die Waschmaschine gibt.

Rotwein auf Kaschmir

Flecken sind der Albtraum aller Waschenden. Ein weisses T-Shirt und ein saftiger Pfirsich. Ein Sommerrock und die Fahrradkette. Kombinationen, die die Beziehung zum Lieblingskleidungsstück abrupt beenden können. Was war der hartnäckigste Fleck, den Kartal je behandelt hat? Der Fachmann überlegt. «Es kommt immer auf die Textilien an», sagt er. Ein weisser Kaschmirpullover hatte ihm einst mehrere Stunden Arbeit beschert, denn er war zur Hälfte rot wie der Rotwein, der darüber geschüttet worden ist. Kartal brachte es fertig, dass der Pulli wieder so weiss und kuschlig wurde wie vorher.

Entgegen dem Glauben, dass bestimmte Fasern nur trocken – also wie in der chemischen Reinigung – behandelt werden können, wäscht Daniel Kartal alles, was ihm anvertraut wird, mit Wasser. «Bei Seidenschals heisst es zum Beispiel, die können nicht nass werden, weil sie sonst die Farben verlieren.» Mit seiner Technik werden sie sauber und bleiben farbig.

Das Wäschereigeschäft ist bei Daniel Kartal noch im Aufbau. Auch deshalb ist es ihm wichtig, dass er jeden Fleck wegbringt. «Wenn man sauber arbeitet, kommen die Leute wieder.» Mit dem Waschen macht er momentan bis zu dreissig Prozent seines Umsatzes. Das Nähen dagegen ist seine Paradedisziplin, und Arbeit sei genug da, für ihn und die anderen Schneidereien in Aarau. «Am Anfang waren meine Kunden eher älter», sagt er. Doch er hat gemerkt, wie sich das geändert habe. Junge Leute kommen, um ihre Kleider perfekt passend zu machen. Zum Beispiel die Jeans-Hosenbeine. Die sollen eng sein. Ein Grundsatz der Familie Kartal ist, dass alles genäht wird, das unter die Nähmaschine passt. «Von Seidenbluse bis zum Töffkombi», sagt Kartal. Mit dem Frühling kommen Letztere wieder. Ein Töffgwändli aufzutrennen, zu ändern und dann wieder zusammenzunähen sei extrem aufwendig. «Danach bin ich fix und fertig.» Auch Leder näht er, das hat Kartal schon als Kind vom Vater gelernt.

Er flickt die Skihose

Bei den Schneiderarbeiten spiele der Nachhaltigkeitsgedanke der Kunden eine immer grössere Rolle. Oft erhält er Kleider zum Reparieren. Auch spezielle Kleider: Die Kartal Ateliers besitzen eine offizielle Lizenz zum Reparieren von Goretex- und Sympatex-Stoffen. Mit einer speziellen Technik ist das Loch in der Skihose nach der Reparatur nicht mehr zu sehen, und alles bleibt wasserdicht. Als Neustes will er einen Hauslieferdienst auf- ziehen.

Auf dem Tresen liegt ein weisses T-Shirt. «Mein Sohn hat mir das mitgegeben», sagt Daniel Kartal. Auf den ersten Blick sieht alles gut aus, doch er sucht weiter, bis er das Loch findet. «Er ist halt pingelig», sagt Kartal und lächelt. Wie der Vater, so der Sohn.

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