An einem Samstagabend im Juli 2018 fuhr ein 66-jähriger Schweizer aus der Region nach Aarau, stellte sein Auto an der Hinteren Bahnhofstrasse ab und sprach beim Bahnhof einen 20-jährigen Eritreer an. Wie dieser am Mittwoch vor dem Bezirksgericht aussagte, gab ihm der homosexuelle Mann zu verstehen, wenn er 100 Franken verdienen wolle, solle er ihm zur Bahnhoftoilette folgen. Der unter Drogen- und Alkoholeinfluss stehende Afrikaner ging auf das Angebot ein.

Nach getaner Arbeit drückte ihm der Schweizer 50 Franken in die Hand. Der Eritreer beschwerte sich: Er schulde ihm noch 50 Franken. Ohne dass es der Schweizer bemerkte, folgte ihm der Eritreer durch die Unterführung bis zum Auto. Dort wiederholte er seine Forderung, worauf er zur Antwort bekam, für das, was er geleistet habe, genügten 50 Franken. Er habe sich verhöhnt gefühlt, sagte der junge Mann vor Gericht. Da sei er quasi aus dem Drogenrausch aufgewacht. Und es habe ihn vor ihm selbst und dem, was er getan hatte, geekelt. Dann schlug er zu. Der Faustschlag galt dem Kopf des 66-Jährigen.

«Durch die extreme Wucht des Schlages», heisst es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, «verlor der Zivil- und Strafkläger das Bewusstsein, stürzte ungebremst zu Boden, schlug mit der linken Seite seines Kopfes auf dem Betonboden auf und blieb bewusstlos und röchelnd liegen.»

Lebensgefährliche Verletzungen und Erinnerungs-Blackout

Der seit 2008 in der Schweiz lebende Eritreer nutzte die Gunst der Stunde: Er behändigte das Bargeld, das sein Opfer auf sich trug (150 Franken) sowie dessen Kreditkarten und durchsuchte das Auto nach Brauchbarem. Nach etwa drei Minuten machte er sich davon, ohne sich um den Bewusstlosen zu kümmern.

Dessen Verletzungen waren lebensgefährlich. Womöglich, sagte Staatsanwältin Karin Scheidegger, habe der 66-Jährige nur überlebt, weil ihn der Sicherheitsdienst der Gemalto AG per Zufall rechtzeitig gefunden habe. Das Opfer lag vier Wochen auf der Intensivstation, kam dann in die Reha und musste kürzlich noch einmal operiert werden. Zurückgeblieben ist eine mittelschwere bis schwere kognitive Störung. Der gestrigen Verhandlung blieb der Mann fern. Zum Vorfall kann er sich nach Angaben der Staatsanwältin mangels Erinnerungsvermögen nicht äussern.

Das bedeutet aber auch, dass es zum Vorfall nur Aussagen des Beschuldigten gibt. Und eine Videoaufzeichnung, die zeigt, dass der Beschuldigte den Schwerverletzten seinem Schicksal überliess. Wenn er nun behaupte, es sei nicht seine Absicht gewesen, den 66-Jährigen derart schwer zu verletzen, sagte die Staatsanwältin, sei das nicht glaubhaft. Für Karin Scheidegger handelte der – teilweise einschlägig – vorbestrafte Eritreer vorsätzlich, mit dem Ziel, seinem Opfer alles zu nehmen, nicht nur die geschuldeten 50 Franken. Wegen qualifizierten Raubes sei er zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren zu verurteilen – und für 10 Jahre des Landes zu verweisen. Er ist bereits im Strafvollzug.

Verteidiger Michael Ritter bestritt, dass sein Mandant mit der Absicht, sich zu bereichern, zugeschlagen habe. Sondern vielmehr, weil er sich ausgenützt und ausgelacht gefühlt habe. Raub setze indessen voraus, dass im Zeitpunkt des Zuschlagens eine Bereicherungsabsicht vorliege. Vom Vorhalt des qualifizierten Raubs sei der junge Mann deshalb freizusprechen. Mehr als ein geringfügiger Dienstahl sei das nicht gewesen. Und wenn der Zivil- und Strafkläger, dessen Genugtuungsforderung von 60 000 Franken bestritten werde, die geschuldeten 50 Franken bezahlt hätte, wäre es gar nie so weit gekommen.

Das Gefühl, ausgenützt worden zu sein, rechtfertigt die Tat nicht

Das fünfköpfige Gericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Patricia Berger folgte im Wesentlichen der Anklage. Es sprach den Eritreer einstimmig schuldig des qualifizierten Raubs und verurteilte ihn deswegen zu einer Freiheitsstrafe von 5 Jahren sowie zu 8 Jahren Landesverweisung. Das Vorliegen des vom Verteidiger geltend gemachten Härtefalls verneinte es klar. Der Beschuldigte habe vorsätzlich und in Bereicherungsabsicht gehandelt, sagte die Präsidentin. Es möge sein, dass er sich ausgenützt gefühlt habe. Aber das rechtfertige eine solche Tat niemals. Zudem habe er beim Sex in der Bahnhoftoilette freiwillig mitgemacht. Dem Opfer sprach das Gericht eine Genugtuung von 30 000 (statt der geforderten 60 000) Franken zu.