Die Bohnen dampfen im Steingut-Geschirr. Rasch säbelt die Mutter ein feisses Stück vom geräucherten Speck ab, steckt es zwischen die Bohnen. Dann bindet sie ein Tuch um das Geschirr und verstaut es im Weidenkorb, stopft die Ecken mit zerknülltem Zeitungspapier aus.

Es ist kurz vor halb 11, die Zeit drängt. Der «Chacheli-Fritz» kommt jede Minute. Wehe, wenn sie ihn verpasst. Dann bekommt der Vater in der Fabrik in Aarau nichts zu Essen.

Im zügigen Trab nach Aarau

Auf den Tag genau 55 Jahre ist es her, seit sich Szenen wie diese das letzte Mal abgespielt haben. Am 28. Juli 1961 spannte der Erlinsbacher Fritz Schmid, genannt «Chacheli-Fritz», zum letzten Mal seine beiden Rösser vor den Wagen. Für diesen denkwürdigen Anlass hatte man den Kastenwagen mit den Fächern für die Weidenkörbe mit Blumen geschmückt.

Ab halb 11 fuhr er die fünf Sammelstellen entlang der Kantonsgrenze ab, bis es im zügigen Trab nach Aarau ging, in den Fächern die letzten 28 verbleibenden Weidekörbe mit den Mittagessen für die Fabrikarbeiter. Einst waren es über 200 gewesen.

Erstmals erwähnt wird ein «Chacheliwagen» 1885, und zwar in Unterlagen der Bally-Fabrik in Schönenwerd. Damals gabe es noch keine Kantinen und den Fabrikarbeitern fehlte es an Geld, sich auswärts in einem Restaurant zu verpflegen. Und um über Mittag nach Hause zu laufen, reichte die Zeit nicht.

Also organisierte man ein Fuhrwerk, mit dem die daheim gekochten Mahlzeiten eingesammelt, in die Fabriken gefahren und danach wieder ins Dorf zurückgebracht wurden. Um 1900 wurde der Speisewagendienst ausgebaut; nebst Erlinsbach gründeten unter anderem auch Küttigen, Biberstein und Unterentfelden «Speisewagengesellschaften». In Erlinsbach gab es sogar zwei Chacheliwagen – der eine fuhr nach Aarau, der andere nach Schönenwerd zur Bally. Kutschiert wurde dieser von Walter Lüthy.

Freie Fahrt für «Rösti-Express»

Mit den hungrigen Arbeitern in den Fabriken war nicht zu spassen. Und so hatte der «Rösti-Express», wie der «Chacheliwagen» genannt wurde, auf der Aarauer Bahnhofstrasse freie Fahrt: «Auf der Bahnhofstrasse stand jeweils ein Polizist», schreibt das Aarauer Tagblatt in einem Artikel vom 26. Juli 1993. Dieser hatte ausschliesslich dafür zu sorgen, dass der «Chacheliwagen» freie Fahrt Richtung Kaserne und wieder zurück auf die Hauptstrasse hatte.

Zwölf Abladestellen musste der «Chacheli-Fritz» in Aarau bedienen. Bei der Station bei Oehler im Torfeld Süd habe er jeweils gewartet, bis die Geschirre leer gegessen waren, und alle Körbe wieder eingesammelt. Zwischen Zwei und halb Drei sei er dann wieder in Erlinsbach angekommen. «Als böses Gerücht abgetan wird die Behauptung», so der Artikel im Tagblatt weiter, «dass einige Frauen ihren Schwatz an den Sammelstellen jeweils so lange ausdehnten, dass sie die Körbe gleich wieder in Empfang nehmen konnten.»

Als die Männer im Laufe der Zeit immer besser verdienten und sich das Mittagessen in der Beiz oder gar ein Töffli leisten konnten, mit denen sie über Mittag nach Hause knatterten, wurde der «Chacheliwagen» zum Auslaufmodell. Von den einst 300 Erlinsbachern, die in Aarau arbeiteten, nutzten 1961 nur noch gerade 28 den Mahlzeitendienst. Nur 17 Monate nach der letzten Fahrt nach Aarau schlug übrigens auch für den Schönenwerder «Rösti-Express» das letzte Stündlein.

Das vergisst man nicht

55 Jahre – eine halbe Ewigkeit. Doch wer den «Chacheliwagen» einmal erlebt hat, vergisst ihn nicht. Auch Gemeindeschreiber Bruno Vogel damals ein Knirps von fünf Jahren, kann sich noch daran erinnern: «Damals waren die Strassen noch schmal, es waren kaum Autos unterwegs. Wenn der grosse Kastenwagen mit den beiden Pferden daherkam, dann war das schon sehr eindrücklich», sagt er.

Entsprechend stolz ist Vogel darauf, dass Erlinsbach als einzige Gemeinde einen ihrer beiden «Chacheliwagen» nicht zerlegt hat, sondern ihn seit Jahrzehnten hütet wie ein Schatz. Geschützt vor Staub und Verwitterung steht der Schönenwerder Wagen beim Fuhrpark der Gemeinde. «Wir werden immer wieder auf den Wagen angesprochen», sagt Vogel. Auch gebe es Anfragen, ob man den Wagen nicht mieten könne. Aber da sind die Erlinsbacher vorsichtig. «Der Wagen ist uns einfach zu wertvoll», sagt Vogel.