Marion Kittel, Sie haben gut drei Jahre im SBB-Provisorium auf dem Bahnhofplatz Aarau inmitten einer grossen Baustelle gearbeitet. Hand aufs Herz, litt die Arbeitsmotivation nie darunter?

Marion Kittel: Nein, überhaupt nicht. Denn wir haben uns sehr darauf gefreut, als wir sahen, wie schön das Provisorium wird. Wir hatten uns vorgestellt, dass es, wie bei Provisorien üblich, einen Container geben wird, was tatsächlich provisorisch ausgesehen hätte. Doch unser Provisorium war aus Holzbauelementen, und die Technik war viel moderner als im alten Bahnhof. Für uns war es eigentlich gar kein Provisorium, sondern schon fast der erste Schritt der Erneuerung.

Und trotz dem Provisorium ist nie das Chaos ausgebrochen?

Wir hatten nie Chaos. Im Gegenteil, viele Kunden lobten das Provisorium. Sie mögen sich vielleicht erinnern: Früher hatten wir schiessstandartige Schalter mit Glasscheiben, das ist nun eine ganz andere Welt, so zu arbeiten.

Jetzt dürften Sie also glücklich sein, einen fixen, modernen Arbeitsplatz zu haben. Würden Sie das Wort «Luxus» brauchen?

Ich finde den Bahnhof an sich sehr modern, hell und urban – wie es sich für einen Bahnhof einer Kantonshauptstadt gehört. Für uns hat sich von der Grösse der Räume nicht viel geändert. Die Schalter präsentieren sich ähnlich wie im Provisorium. Im Vergleich zum alten Bahnhof sind die offenen Schalter luxuriös – mit diesen sind wir noch näher bei den Kunden.

Sie finden also, dass der Bahnhof der Stadt Aarau gerecht wird?

Ja, auf jeden Fall. Viele Kunden haben den Vergleich gemacht mit einem Flughafen, diesem weltstädtischen Ambiente. Ich glaube, die Stadt profitiert enorm vom Bahnhof, auch mit den Geschäften und den Öffnungszeiten. Das hat bislang vielen gefehlt.

Was vermissen Sie an der alten, vergangenen Bahnhofszeit?

Mir kommt beim besten Willen nichts in den Sinn. Ich habe mich darüber schon mit Alteingesessenen unterhalten. Auch sie, von denen man noch eher nostalgische Gefühle erwarten könnte, vermissen nichts. Vielmehr sind ihnen Sachen wie das Leck in der Decke, die Mäuse im Keller oder das WC, auf dem man im Winter gefroren hatte, in den Sinn gekommen.

Sie bedienen mit Ihrem Team bis zu 2500 Personen pro Tag am Schalter. Haben Sie seit dem Neubau mehr zu tun?

In der ersten Woche, das war im August, war die Bahnhofshalle tatsächlich immer voll. Viele waren neugierig und haben die Gelegenheit genutzt, bei uns vorbeizuschauen. Wir hatten versucht, diesen Ansturm mit mehr Personal aufzufangen. Als dann die Sommerferien zu Ende waren, war ohnehin Hochsaison mit den Schülern, Lehrlingen und Studenten, die wieder pendelten. Danach ging es weiter mit den Herbstferien. Nun merken wir, dass die Nebensaison beginnt und es erstmals etwas ruhiger ist bis zum Fahrplanwechsel im Dezember.

Spüren Sie eine Veränderung beim Kundenverhalten mit dem neuen Bahnhof?

Im Vergleich zu früher besuchen uns die Kundinnen und Kunden vermehrt am frühen Abend. Als wir auf dem Bahnhofplatz waren, hatten die Kunden am Morgen noch schnell Zeit, beispielsweise ihr Abo zu verlängern. Und jetzt gehen die Leute am Morgen tendenziell direkt zu den Perrons. Nun bedienen wir die meisten Kunden zwischen 17 und 19 Uhr.

Erwägen Sie durch diese Erkenntnisse die Öffnungszeiten anzupassen, um auch mit den anderen Geschäften mitzuziehen?

Die Öffnungszeiten haben sich bisher bewährt. Wir haben unter der Woche bis 19.30 Uhr offen, das entspricht der Nachfrage. Denn nach 19 Uhr wird’s rasch ruhiger. Wir passen jedoch ab Anfang Jahr die Dienstorganisation so an, dass abends noch mehr Schalter bedient sind.

Man muss längst nicht mehr zwingend an den Schalter, um ein Billett zu lösen. Stellen Sie diese Entwicklung selbst auch fest?

Wir stellen fest, dass Leute vermehrt die Billette über das Handy oder im Internet lösen – auch werden die Billettautomaten sehr gut genutzt. An die Schalter kommen deshalb oftmals Kunden, die komplexere Reisepläne haben und Beratung brauchen.

Ihre Dienstleistung geht mit Eventtickets oder Geldwechseln über den Billettverkauf hinaus. Wie wird dies genutzt?

Wir haben viele Kunden, vor allem jüngere, die die Gelegenheit nutzen, hier Eventtickets zu kaufen. Auch der Geldwechsel wird rege genutzt. Wer Auslandreisen bucht, wechselt meist auch gleich Geld. Weiter ist auch das Check-In für Flugreisen beliebt.

Zum Schluss: Wohin reisen die Aarauer am liebsten?

In dieser Jahreszeit lassen die Aarauer am liebsten den Nebel hinter sich. Dann sind etwa Reisen auf das Brienzer Rothorn oder den Pilatus sehr gefragt. Oder schon nur das Postauto aufs Benkerjoch, die Staffelegg oder ins Fricktal, wo immer etwas mehr die Sonne scheint als bei uns, ist gefragt. Bei den Abos zählt die Strecke Aarau–Baden zu den Spitzenreitern.