Mägenwil

Der altehrwürdige «Affenkasten» lebt weiter – in einem Imbiss bei der Autobahnausfahrt

Osman «Ossi» Can (li.) hat es geschafft, im Imbiss seines Sohnes Emrah Can seine Liebe zum «Aff» weiterleben zu lassen.

Osman «Ossi» Can (li.) hat es geschafft, im Imbiss seines Sohnes Emrah Can seine Liebe zum «Aff» weiterleben zu lassen.

Ossi war über 30 Jahre Chef de Service im «Aff». Sein Imbiss in Mägenwil erinnert an die legendäre Aarauer Beiz.

Eines Nachts im Jahr 1974, es war gegen Mitternacht, stieg in Aarau ein junger Türke aus dem Zug. Er ist 16 Jahre alt und heisst Osman Can. Aber nicht mehr lange. Am nächsten Morgen um sieben Uhr beginnt er seine erste Schicht im Restaurant Stadtkeller im Hübscherhaus. Von da an hiess er Ossi und sollte später als Chef de Service im «Affenkasten» eine der legendärsten Beizen Aaraus für Jahrzehnte prägen. Als das Lokal 2006 schloss, verlor Ossi mehr als nur seinen Arbeitsort. Er hat es nicht über das Herz gebracht, den «Affenkasten» ganz aufzugeben. Zusammen mit seinem Sohn hat er in Mägenwil einen Imbiss aufgebaut, in dem der «Aff» ein bisschen weiterleben kann.

Weiter entfernt vom «Affenkasten», der ehrwürdigen Bierhalle, die 1877 zum ersten Mal erwähnt wird, könnte der Imbiss Affenkasten in Mägenwil kaum sein. Hinter der Coop-Tankstelle bei der Autobahnausfahrt befindet er sich; im Containerformat. Nüchtern, mit dem gleichen Frittiergeruch wie alle Imbisse seiner Art. Doch das Logo an der Tür mit dem sitzenden Affen und dem Schriftzug in gotischen Lettern verrät, dass es sich hier um etwas Spezielles handelt. Der Imbiss ist eine Reminiszenz des Aarauer «Affenkastens», ein Vermächtnis von einem, der nicht akzeptieren wollte, dass es nach der Schliessung des «Affenkastens» Ende Oktober 2006 einfach fertig war.

Aus dem Ur-«Aff» durfte nichts mit, die Figuren im Imbiss sind alle neu.

Aus dem Ur-«Aff» durfte nichts mit, die Figuren im Imbiss sind alle neu.

Vom Buffetburschen zum Chef de Service

«Nach 30 Jahren wollte ich etwas machen, das den Namen weiterleben lässt», sagt Ossi (62). Seine dunklen Haare haben in seiner Zeit in der Schweiz verschiedene Längen erlebt, der Schnauz ist konstant geblieben, heute ein wenig angegraut. Ossis ist damals seinem Vater nach Aarau gefolgt, der im «Stadtkeller» in der Küche arbeitete. Der junge Ossi startete seine Laufbahn als «Buffetburst». Konnte er denn damals schon Deutsch? «Eben nicht», sagt er und lacht. Genau wie alles andere hat Ossi auch Deutsch im Restaurant gelernt. «Einmal habe ich wie wild in der Schublade ein Spezli gesucht», sagt er. Ohne zu wissen, wonach er suchen musste. Eine resolute Serviertochter habe ihn dann am Ohrläppchen zu den richtigen Flaschen gezogen. Nach einem Jahr aufpassen, Wörter merken und nachsprechen wechselte Ossi in den Service. Der Wirt des Stadtkellers hiess Lorenz Gadient. Und als er ein paar Jahre später in den «Affenkasten» wechselte, nahm er Ossi mit.

Wenn Ossi von Gadient, wie er ihn nennt, erzählt, kommt er ins Schwärmen. Ein grossartiger Chef. Und noch mehr: Wie ein Vater sei er ihm gewesen. Sein eigener Vater kehrte in die Türkei zurück. Ossi blieb im «Affenkasten». Unter der genauen Beobachtung von Lorenz und Susanne Gadient. «Ich be gsecklet», sagt Ossi rückblickend. Nach ein paar Jahren habe es geheissen: «Hier sind die Schlüssel». Aus dem jungen Türken, der eines Nachts in Aarau auftauchte, war der Chef de Service geworden. Und Ossi blieb den Gadients treu. «Ich habe den Laden behandelt, wie wenn es mein eigener wäre.»

Wenn Ossi an den «Affenkasten» zurückdenkt, ist er voller Wärme. «Wie soll ich das beschreiben», sagt er und greift sich an die Brust. Es sei immer schön gewesen, immer lustig. Vom Kantischüler über den Büezer bis zum Oberrichter seien alle im «Aff» verkehrt. Das Militär sowieso. «Alle waren per Du und ich bin mit jedem gut ausgekommen.» Eine Stangenbeiz sei der «Aff» gewesen, sagt er. Am Anfang, als der Laden so richtig lief, seien die Leute jeweils sogar im Gang gestanden.

Ossi denkt an die Abende zurück, an denen der «Aff» pumpenvoll war. Er muss lachen, wenn er an die Schüler denkt. Mit Strichen hielt er deren Getränke auf den Bierdeckeln fest. «Die hatten doch kein Geld und versuchten manchmal, einen Strich durchzustreichen», sagt er. Ossi hat das natürlich jedes Mal gemerkt und die Burschen zur Rechenschaft gezogen. Oder eine Runde ausgegeben. «Da haben sie sich gefreut.» Und es ihm gedankt, indem sie die Hallen des «Affs» mit ihren Studentenliedern füllten.

Grosse Portionen sind zur Gewohnheit geworden

Auch die Soldaten wusste Ossi zufriedenzustellen. Die assen am liebsten Schnipo oder Cordon bleu. Und in die Tischmitte stellte Ossi noch einen zusätzlichen Teller Pommes frites. Noch heute im Imbiss serviere er immer grosse Portionen. «Ich kann einfach nicht anders.»

Auch Frauen seien im «Affenkasten» verkehrt. Er musste seiner Ehefrau klarmachen, dass es nichts bedeute, wenn er mit anderen Frauen Kaffee trinke. «Als Chef de Service war es mein Job, freundlich zu sein.» Ossi ist Vater von drei Kindern und sehr stolz auf seinen Nachwuchs. Sein Sohn Emrah Can (33) führt den Imbiss. «Ich helfe ihm bis zur Pension», sagt Ossi. Emrah Can zeigt auf seinem Smartphone alte Fotos von seinem Vater. Auch er ist stolz.

Der «Aff» war für ganz Aarau ein Treffpunkt. «Darum hat es mir so wehgetan, als wir schliessen mussten», sagt Ossi. Der Hausbesitzer hat den Mietvertrag nicht verlängert. Von der Hiobsbotschaft bis zur Schliessung dauerte es ein Jahr. «Keiner der Angestellten ist vorher gegangen», sagt er; Chef de Service bis zur letzten Minute. «Am letzten Tag haben wir zusammen aufgeräumt und einen Kaffee getrunken.» Den letzten Lohn gab es bar auf die Hand. Ossis Ziehvater Lorenz Gadient ist schon drei Mal im Imbiss vorbeigekommen. Geld akzeptiert Ossi von seinem ehemaligen Chef nicht mehr. «35 Jahre lang habe ich mit Geld von ihm für meine Familie Brot auf den Tisch gebracht», sagt Ossi. «Gadient muss bei mir nie bezahlen.»

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