Der ältere der beiden Erstbesteiger der Jungfrau, Johann Rudolf Meyer Sohn (1768–1825), ist in Aarau vor allem als Erbauer der Meyerstollen bekannt. Ausgerechnet vor dem heutigen 200. Jahrestag der alpinistischen Grosstat der Brüder Meyer hat sich nun herausgestellt, dass das zählebige Gerücht, wonach besagter Rudolf sich der Falschmünzerei schuldig gemacht habe, nichts anderes als die Wahrheit ist.

Obwohl diese seinerzeit zumindest in Deutschland öffentlich bekannt gewesen war, ist sie in Aarau – zunächst aus Rücksicht auf die 1930 ausgestorbene Familie Meyer, dann aus falsch verstandenem Lokalpatriotismus – bis heute geheim gehalten worden.

Mit Prägestempeln verhaftet

Nach seinen eigenen Angaben hatte Rudolf nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters (1739–1813) sein Privatvermögen geopfert, um zu verhindern, dass die Familienfirma in Konkurs ging. Dies wäre umso peinlicher gewesen, als Vater Meyer durch seinen Biografen Ernst August Evers eine eigentliche Verklärung erfahren hatte. Am 24. Oktober 1820 berichtete dann die in Augsburg erscheinende «Allgemeine Zeitung», dass in Karlsruhe, der Hauptstadt des Grossherzogtums Baden, ein Falschmünzer verhaftet worden sei: «Wir scheuen uns, den Namen desselben, der einer der geachtetsten Familien in der Schweiz angehört, und in der Literatur mit Auszeichnung genannt wird, zu nennen. Man begreift nicht, wie der geachtete, kenntnisreiche und auch wohlhabende Mann so tief hat sinken können.»

Weniger diskret war das offizielle Organ des Königreichs Württemberg, das den Falschmünzer beim Namen nannte: «Johann Rudolph Mayer aus Aarau.» Dieser Quelle ist auch zu entnehmen, dass man bei Rudolf falsche badische und württembergische Sechser (entsprechen im Wert etwa heutigen Fünffrankenstücken) sowie Prägestempel zu solchen von Baden, Württemberg, Nassau und Hessen-Darmstadt gefunden hatte.

Fälscherwerkstätte in Aarau?

Verschiedene Indizien sprechen dafür, dass auch der von Evers überlieferte Bestandteil des Gerüchts zutrifft, wonach sich schon zu Lebzeiten Vater Meyers unter der 1939 zum römisch-katholischen Pfarrhaus umgebauten Villa seines Sohnes eine Fälscherwerkstätte befunden habe. Obwohl keine Akten über den Fall mehr zu existieren scheinen, liess sich eruieren, dass Rudolf 1822 vom zuständigen Hofgericht in Rastatt zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, die er in Mannheim oder Freiburg im Breisgau absass. Wenn man seinem Freund Ludwig Thilo glaubt, hatte die Tat auch politische Motive. Laut Franz Xaver Bronner starb Rudolf 1825, als er wieder in Freiheit gesetzt worden wäre.

Die Meyers hatten sich für die Helvetische Revolution engagiert und darum nach Bayern auswandern müssen, wo sie aufgehobene Klöster kauften. Zwar wurde der Versuch, ihre Fabrik dort neu aufzubauen, vom Basler Seidenbandkartell torpediert, doch machte sich die Familie um die Modernisierung der bayrischen Landwirtschaft verdient. Finanzielle Probleme führten aber zu Spannungen zwischen Vater Meyer und Rudolf junior. Letzterer musste die Herausgabe der «Meyerschen Naturlehre», einer Enzyklopädie der Chemie, einstellen. Schliesslich baute er hinter seiner Villa in Aarau eine neue Fabrik mit Wasserkraftanlage, die 1982 dem Erweiterungsbau der Post weichen musste. Seine naturwissenschaftliche Bibliothek – mit 40000 Bänden die drittgrösste im deutschen Sprachraum – ging der Stadt nach seinem Tod verloren.

Hieronymus wurde geadelt

Obwohl die Brüder Meyer ein Herz und eine Seele waren, und der ältere sogar die Stieftochter des jüngeren heiratete, hätte ihr späteres Schicksal nicht verschiedener sein können: Hieronymus (1769–1844) wurde 1814 in den bayrischen Adelsstand erhoben und lebte später auf einem Schloss am Starnberger See beziehungsweise als Privatier in München. Eine seiner Töchter heiratete das Oberhaupt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern.

* Peter Genner ist Historiker in Zürich. Der erste Teil seiner Forschungsarbeit über die Familie Meyer erschien in den Aarauer Neujahrsblättern 2011, der zweite Teil befindet sich im Druck.