Jeden Morgen zogen die Kinder los, noch vor der Schule, sogar noch vor dem Sonnenaufgang. In der Hand der Kessel, manche mit langen Stöcken dazu, marschierten sie an den Waldrand und machten Jagd. Jagd auf die Maikäfer. Rüttelten an den Bäumchen, bis die Käfer purzelten, und wo es nichts zu rütteln gab, schlugen sie mit den Stecken ins Laub, so lange, bis die Käfer zuhauf unten auf den ausgebreiteten Tüchern auf dem Rücken lagen und noch taub vom Schlaf mit den Beinen ruderten.

Viele Jahre ist es her, dass sich frühmorgens solche Szenen abspielten. Und zwar schweizweit. Für die Maikäferflugjahre 1936, 1939, 1942 und 1945, die sogenannten «Berner Flugjahre», findet man in Chroniken landauf, landab entsprechende Einträge und Hinweise auf die Schädlinge, deren in den Boden gelegte Larven, die Engerlinge, Kulturen radikal kaputt frassen. In Aarau findet man die Maikäfer nicht nur in der Chronik, sondern seit 1954 auch im Strassenverzeichnis: «Im Käfergrund». Der Strassenname bedeutet genau das, was es ist: im Untergrund liegen Abertausende toter Maikäfer.

11 000 Liter Schädlinge

Heidi Wehrli (88) kann sich noch gut an diese morgendlichen Maikäfer-Jagden als Primarschülerin erinnern – auch wenn sie es sich etwas bequemer machte. «Wir wohnten direkt am Herzogplatz, auf dem eine grosse Laterne stand», sagt sie. Um diese Laterne surrten die trägen Maikäfer in Schwärmen. «Ich musste nur lange genug warten, bis den Käfern von dem ewigen Kreisen sturm wurde und sie von alleine auf den Boden fielen», so Wehrli.

Mit den vollen Kesseln zogen die Kinder dann zur Sammelstelle bei der Keba, wo die Kessel gewogen wurden. «Wer einen Garten hatte, musste Käfer sammeln», sagt Heidi Wehrli. «Wenn ich mich recht erinnere, war es pro Quadratmeter Garten ein Kilogramm Maikäfer, den man abgeben musste.» Über die gesammelten Käfer wurde Buch geführt, wer seinen Kessel auskippte, bekam ein Zettelchen in die Hand gedrückt, auf dem das Gewicht der gesammelten Käfer notiert war. Jahre später gab es pro Kilogramm Maikäfer jeweils einen Batzen für die Schüler, die damit ihre Klassenkasse aufpolierten.

Waren die Käfer erst einmal abgeliefert, ging es ihnen an den Kragen. In grossen Waschzubern wurden sie gesotten, danach wurden sie in aus dem lehmigen Boden ausgehobene Gruben geschüttet und zugedeckt. «Das waren unglaubliche Mengen Käfer», erinnert sich Wehrli, aber Zahlen hat sie keine mehr im Kopf. Eine Zahl liefert das Aarauer Neujahrsblatt 1949 mit der Chronik über das Jahr 1948: «Der Mai brachte mit einer langen Reihe schöner und warmer Tage eine mächtige, seit Menschengedenken nicht mehr erlebte Invasion von Maikäfern», notierte der Aarauer Chronist. «In Aarau wurden rund 11 000 Liter dieser Schädlinge gesammelt und abgeliefert.»

Ein Käfer fürs Schächteli

Wo die Käfer damals verscharrt wurden, stand weit und breit kein Haus. «Da war nur ein Bauernhof, mehr nicht», sagt Wehrli. Irgendwann in den Fünfzigerjahren wurde aus dem Wiesland Wohngebiet. Die Strasse, an der diese Wohnhäuser gebaut wurden, benannte man 1954 «Im Käfergrund». Sie begann beim alten ehemaligen Bauernhof «Goldern». Die Strasse wurde in den Sechzigerjahren nach Osten verlängert, im Zusammenhang mit der ganzen Goldern-Überbauung mit drei Hochhäusern, Mehrfamilienhäusern, Einfamilienhäusern. Seit 1966 wohnen Heidi und Eugen Wehrli in diesen Einfamilienhäusern, und seither erzählt Heidi Wehrli immer wieder ihre Käfer-Geschichte.

Hatte sie nie Verbarmen mit den Maikäfern? «Doch, natürlich», sagt sie, «das waren ja herzige Tierchen.» Ab und zu habe sie heimlich einen am Leben gelassen und ihn in eine Zündholzschachtel gesteckt, um ihn in der Schule zu zeigen. «Den musste ich jeweils vor dem Vater verstecken», sagt Heidi Wehrli und lacht. «Der hatte kein Herz für die Schädlinge.»