Es dürften wohl gegen 80 000 Frisuren oder Rasuren gewesen sein, die Werner Fellmann im Laufe seines langen Berufsleben ausgeführt hat. Nun geht der stadtbekannte Coiffeur Ende März in den Ruhestand und übergibt nach 36 Jahren das Geschäft an der Pelzgasse 8 in Aarau an die junge Gülistan Dag.

Fellmann wuchs im Luzerner Teil des Wiggertals auf und kam «der Liebe wegen» in die Region Aarau. 1980 bot sich für ihn die einmalige Chance, den Coiffeur-Salon Döbeli an der Pelzgasse zu übernehmen und sich damit selbstständig zu machen. Er richtete die Innenausstattung neu ein und bezog ein paar Monate nach dem gelungenen Start privat in Muhen ein Eigenheim. Gold wert für die nachhaltige Integration des gebürtigen Luzerners war das Fest «700 Jahre Stadtrecht» anno 1983, an dem er während zwei Wochen den Feierabend in den Festbeizen an der Pelzgasse, namentlich im «Artischöckli», verbrachte und «tout Aarau» kennenlernte.

Leute wollten nicht warten

Er schuf sich als reiner Herren-Coiffeur einen Namen und hatte bis ins Jahr 2000 noch eine Angestellte. Seither führte Werner Fellmann den Salon alleine. «Anfänglich arbeitete ich wie mein Vorgänger ohne Voranmeldung. Das führte zunehmend zu Problemen, denn vor allem die zahlreichen Geschäftsleute wollten nicht mehr lange auf einen Haarschnitt warten, nach dem Motto Zeit ist Geld», erinnert sich Fellmann. Heute hat sich das eingependelt, «nur junge Kunden erscheinen noch spontan zu einem Coiffeurbesuch». Laufkundschaft sei in diesem Metier aber rar geworden. Fellmann verfügt über eine Kartei mit rund 400 Stammkunden, die primär aus der Stadt und Region Aarau stammen, aber auch aus Zürich, Zuoz, Luzern oder vom Genfersee her anreisen.

Ja keine Gerüchteküche

Diskretion ist oberstes Berufsgebot, auch wenn in einem Coiffeursalon naturgemäss ab und zu kommuniziert wird. Fellmann war kein Vielredner und vermied es tunlichst, dass sein Geschäft zur Gerüchteküche mutierte. Er kannte seine Pappenheimer, hatte aber zumindest beim neuen Stadion für den FC Aarau, in Sachen Parkplätze in der Innenstadt und bei der Neugestaltung der Altstadtgassen eine klare Meinung, wenn man ihn auf dem Coiffeurstuhl sitzend darauf ansprach.

Jetzt wird gereist

Einmal, so erzählt Fellmann schmunzelnd, habe er sich aber gründlich vertan, als er einem Kunden einen klerikalen Witz erzählte. Der Mann entpuppte sich als Pfarrer, zeigte sich alles andere als amüsiert und ward fortan nicht mehr gesehen. In einem anderen Fall konnte ein Kunde nach erledigtem Haarschnitt die Dienstleistung nicht begleichen, er hatte zu wenig Geld im Portemonnaie. Werner Fellmann liess sich das nicht bieten und zog mit dem säumigen Zahler ohne Federlesens und eigenhändig zum nächsten Bankomaten.

Nun ist der Aarauer Figaro mit dem Eintritt ins AHV-Alter solche Sorgen los. «Ich ziehe beruflich einen sauberen Strich und hänge meine Schere definitiv an den Nagel», betont Fellmann, der sich nun auf ausgedehnte Reisen mit seiner Ehegattin im Wohnmobil freut.

Erhalten bleibt mindestens der Name des Geschäftes, das weiterhin «Coiffeur-Salon Fellmann» heissen wird. Allerdings ab anfangs April nicht mehr nur für Herren, sondern auch für Damen. Denn die Nachfolgerin, die 26-jährige Gülistan Dag, hat ihre Ausbildung sowohl für Damen als auch für Herren absolviert. Mein Geschäft wird auch in Zukunft im gleichen Sinne wie in den letzten 36 Jahren weitergeführt», versichert Werner Fellmann, dem damit der Abschied aus dem Berufsleben noch ein wenig leichter fällt.