Aarau
Dem Bauamtsleiter wurde das Trinkgeld zum Verhängnis

Ein ehemaliger Bauamtsleiter stand wegen Veruntreuung, ungetreuer Amtsführung und Drohung vor Bezirksgericht – angeklagt hatte ihn sein damaliger Chef.

Carla Stampfli
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Der Beschuldigte verteilte das Trinkgeld der Tür-zu-Tür-Sammlung jeweils an Weihnachten unter den Mitarbeitern. (Symbolbild)

Der Beschuldigte verteilte das Trinkgeld der Tür-zu-Tür-Sammlung jeweils an Weihnachten unter den Mitarbeitern. (Symbolbild)

Dieter Minder

Am Ende der Verhandlung entschuldigte sich der Angeklagte vor Gerichtspräsident Andreas Schöb für sein Handeln. Aber, sagte Hans (alle Namen geändert), er sei überzeugt, dass er nichts Unrechtes getan habe. Das Geld habe er gerne und mit Freude unter den Mitarbeitern verteilt. Schliesslich habe der vor-vormalige Bauverwalter ihm dafür sein Einverständnis gegeben.

Doch der Reihe nach: Hans, ein Mann mit stattlicher Figur, war als Bauamtsleiter einer Westaargauer Gemeinde tätig, über 20 Jahre lang. In dieser Zeit war er für die Altmetallsammlung verantwortlich. Und genau dafür stand er diese Woche vor dem Bezirksgericht Aarau.

Die Vorgeschichte: Nebst fixen Mulden beim Bauamt gingen die Mitarbeiter vier Mal pro Jahr von Tür zu Tür und sammelten Altmetall. Abgegeben wurden hauptsächlich Pfannen, etwa aus Aluminium oder Chromstahl. Sowohl das Altmetall aus den Mulden als auch dasjenige der Tür-zu-Tür-Sammlung wurde an eine Entsorgungsfirma übergeben. Den Erlös aus der Muldensammelstelle zahlte das Unternehmen direkt der Gemeinde aus. Der Erlös der Tür-zu-Tür-Sammlung wurde den Bauamtsmitarbeitern in bar ausgehändigt. Diese übergaben das Bargeld an Hans, der das Geld wiederum den Mitarbeitern jeweils an Weihnachten verteilte.

Bei der Vergütung sprach man von «Trinkgeld», als Entschädigung für das Vorsortieren: Die Entsorgungsfirma hatte das Bauamt gebeten, bereits während der Tür-zu-Tür-Sammlung das wertvollere Gut auszusortieren und es mit dem restlichen Altmetall in separaten Fässern zu übergeben.

Es fehlten rund 4200 Franken

Diese Praxis wurde Hans zum Verhängnis: Ende 2011 stellte die Gemeinde den neuen Bauverwalter Urs ein. Somit war Hans neu Urs unterstellt. Dem neuen Bauverwalter fiel nach einer gewissen Zeit auf, dass Geld fehlt, rund 4200 Franken zwischen 2011 und 2012. Wie er das bemerkt hat, wurde an der Verhandlung nicht näher erklärt. Als Urs klar wurde, dass Hans die Bar-Vergütung der Tür-zu-Tür-Sammlung nicht der Gemeinde übergab, sondern jeweils unter den Mitarbeitern verteilte, informierte er den Gemeinderat und stellte Hans im März 2013 zur Rede.

Urs und die Gemeinde warfen Hans Verfehlungen in seiner Funktion als Bauamtsleiter vor: Er hätte doch wissen müssen, dass in der Vergütung nicht nur das Trinkgeld für die Separierung des wertvolleren Guts enthalten sei, sondern auch der Erlös für das gesammelte Altmetall.

Dem Gerichtspräsidenten erklärte Hans nun, dass er mit dem vor-vormaligen Bauverwalter die Abmachung hatte, das Trinkgeld zu behalten und es unter den Mitarbeitern zu verteilen. Das sei eine Praxis gewesen, die er so von seinem Vorgänger übernommen habe: «Dass in diesem Trinkgeld auch ein Erlös enthalten war, das wusste ich nicht.»

Von Schuld und Strafe freigesprochen

Gerichtspräsident Andreas Schöb sprach den ehemaligen Bauamtsleiter von Schuld und Strafe frei. Es sei erstellt, dass die Weisungen, ausdrückliche und stillschweigende, einmal so gewesen sind, dass Hans das Trinkgeld entgegennehmen und verteilen darf. Es sei hingegen nicht bekannt, dass es inzwischen eine abweichende Weisung gegeben habe, so die Begründung.

Auch vom Vorwurf der Drohung wurde Hans freigesprochen: Urs behauptete, Hans habe nach der Aussprache im März 2013 seiner Frau gesagt, dass er Urs umlegen wolle. Der Gerichtspräsident argumentierte, dass dieser Punkt sehr wenig Fleisch am Knochen hätte. Denn die Drohung sei, das hatte Urs bestätigt, bloss ein Gerücht gewesen. Eines, das über mehrere Ecken zu ihm gelangt sei. Zudem habe Hans’ Frau den Sachverhalt bestritten. Er glaube zwar nicht, fügte Schöb an, dass Hans an diesem Tag fröhlich nach Hause gekommen sei. «Aber es bleibt im Dunkeln, was genau gesagt wurde.»

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