Aarau

Datenabgabe zum Biertrinken? Der Reiz des Barbesuchs lässt den Ausweis leichter zücken

Ausweispflicht, QR-Codes am Eingang und Abstandhalten. Für den Ausgang gelten derzeit besondere Regeln. Dennoch werden die Massnahmen gern in Kauf genommen, wie ein Augenschein zeigt.

«Das ist unser erster Ausgang, seit der Lockdown zu Ende ist», sagt Susanne Veneziano, die sich mit ihrem Mann und einer Gruppe Freunden um einen Stehtisch vor der Aarauer Bar Platzhirsch reiht. Als die Bars im Mai wieder öffnen durften, hätten sie beide sich noch nicht unter die Leute im Ausgang getraut. Um im Freundeskreis ein Feierabendbier zu trinken, mussten sie via QR-Code ihre Kontaktdaten hinterlegen. Durch das Scannen des Codes per Handykamera öffnet sich eine Website, auf der die persönlichen Angaben eingetragen werden.

Wie «Platzhirsch»-Geschäftsführer Sven Larcher sagt, muss er im Fall eines Falles ausser den Namen seiner Gäste auch Wohnort, Mail und Telefonnummer weiterleiten können. Ein kleines Opfer, wenn man sich dafür mit den Kollegen in der Bar treffen kann, findet Susanne Veneziano. «Ich arbeite im Gesundheitswesen und weiss: Die Rückverfolgung bei Infektionen ist entscheidend, um das Virus in den Griff zu bekommen.» Und Ehemann Francesco fügt hinzu: «Wir geben unsere Daten via soziale Medien jeden Tag freiwillig preis. Beim Bar­besuch kneifen zu wollen, wirkt dagegen lächerlich.»

Seit die verschärften Tracing-Regeln in Kraft sind, ist beim «Platzhirsch» an den Wochenenden ein Türsteher beim Eingang im Einsatz, der sicherstellt, dass die Kontaktdaten auch tatsächlich abgegeben werden. Wird Sven Larcher nach der effektivsten Methode gefragt, zuckt er die Schultern: «Ich kann bei der QR-Variante zwar einen falschen Namen angeben, aber mir auch einen Ausweis vom Kollegen mit derselben Frisur leihen.»

Bargäste haben sich bereits an die Datenabgabe gewöhnt

Vom grossen Erstaunen, dass ihre Daten gesammelt werden, scheinen sich Barbesucher aber seit Mitte Mai erholt zu haben. Sind laut Larcher manche Gäste zu Beginn gleich wieder aufgestanden und weggegangen, sobald sie den QR-Code auf dem Tisch sahen, scheinen sie ihre Kontakte nun bereitwillig herzugeben. Die verschärfte Kontrolle scheint keine wirkliche Hürde darzustellen. «Die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr stört mich mehr, als dass ich hier meine Daten angeben muss», sagt etwa der 35-jährige Martin Wyss, der mit seinem Kollegen vor der Jojo Bar ein Bier trinkt.

Auch «Jojo»-Gäste müssen sich via QR-Code registrieren, am Wochenende werden die Ausweise kontrolliert. Er sei Asthmatiker, so Wyss, und habe auch die Covid-App im Handy installiert. «Firmen wie Google geben wir ja haufenweise Daten, aber was wir an Tracing-Daten abgeben, bleibt wenigstens in der Schweiz gespeichert.» Bedenken wegen ihrer Daten hat auch das Trio mit Dame auf der «Jojo»-Terrasse keine. «Die Einsamkeit im Lockdown war schlimm, da ist die Kontrolle nichts dagegen», sagt einer der jungen Männer. Die Gäste würden auf die Ausweiskontrolle durchgehend verständnisvoll reagieren, so «Jojo»-Wirt Peter Locher. Das Problem seien für seine Bar denn auch nicht strenge Coronaregeln, sondern die stetige Änderung derselben. Das findet auch «Platzhirsch»-Chef Sven Larcher und Ronny Kurek vom «Oscar One». Die Gäste, so Kurek, hätten die Regeln nach der Öffnung im Mai schnell einmal akzeptiert. Die schnelle Lockerung, die nun wieder eine Verschärfung mit sich ziehe, sei eher kontraproduktiv gewesen.

Draussen ist die Registrierung fürs «Oscar One» freiwillig. Hier sitzen zwei Kritiker der Datenabgabe. «Überall möchte ich meinen Kontakt nicht hinterlegen», sagt einer, «nur in einer Bar, deren Besitzer ich gut kenne.»

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