Für einen 19-Jährigen wirkt Gabriel Sabo überraschend reif. Jedes seiner Worte ist überlegt, Versprecher hört man nicht. Mit seiner tiefen, unaufgeregten Stimme zieht er den Zuhörer in seinen Bann. Sabo wirkt wie ein Gentleman. Und dieser zuvorkommende und besonnene junge Mann soll Schweizer Meister im Mixed Martial Arts (MMA), der reinsten und für den Zuschauer brutalen Form des Kampfes Mann gegen Mann, sein?

Im Gespräch mit der az Aargauer Zeitung erklärt der Mediamatiker-Lehrling, wie er den Spagat zwischen Kampfsport, Beruf und Privatleben meistert und gelernt hat, seine Aggressionen zum richtigen Zeitpunkt richtig einzusetzen.

Gabriel Sabo, im MMA müssen sich die Kämpfer nur an wenige Regeln halten. Fällt es Ihnen schwer, die vielen Gesetze des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuhalten?

Gabriel Sabo: In der Pubertät fiel mir dies schon schwerer als heute. Dazumal habe ich viel Mist gebaut. Aber seit ich Kampfsport betreibe, bin ich viel ruhiger geworden.

Sie haben also durch den Kampfsport an Vernunft gewonnen?

Genau. Ich habe gelernt, die Aggressionen am richtigen Ort rauszulassen. Ich habe acht Jahre Fussball gespielt und war immer ein schlechter Verlierer. Beim Duell eins gegen eins muss ich es akzeptieren, wenn der Gegner besser ist. Mein Trainer hat mir bei diesem Lernprozess sehr geholfen.

Angenommen, Sie geraten in eine Schlägerei. Dürfen Sie in einer solchen Situation Ihre Kampfsportkenntnisse anwenden?

Als Erstes: Ich hoffe, ich komme nie in eine grosse Schlägerei. Zu der Frage: nur so lange, bis ich weglaufen kann. Zum Angriff darf ich sie nicht gebrauchen. Wenn Waffen ins Spiel kommen, bringt mir das MMA aber wenig.

Was fasziniert Sie am MMA?

Es ist die reinste Form des Kampfes, das Duell Mann gegen Mann. Hilfsmittel sind nicht erlaubt. Ich habe es schon immer geliebt, mich im Duell zu messen. Sei dies im Sport oder beim Kartenspielen.

Wie bauen Sie vor Kämpfen die nötige Aggression, die es beim MMA braucht, auf?

Ich übe im Training, die Grenzen der Normalität zu überschreiten. Dort kämpfe ich gegen meine Kollegen. Das Ziel muss sein, immer den Respekt zu behalten oder – nach Niederlagen – zurückzuholen. Und nicht, einen Hass auf den Gegner zu haben. Dieser hat mir ja nichts getan.

Wie viele Stunden pro Woche beansprucht Sie Ihr Hobby?

Ich habe jeden Abend und am Samstagmorgen Training. So komme ich auf rund zwölf Stunden MMA pro Woche. Zudem bin ich Kassier im Fight Gym Aarau, wo ich tagtäglich trainiere.

Und daneben müssen Sie auch noch eine Ausbildung stemmen. Wie geht das?

Ich habe zum Glück einen sehr kulanten Arbeitgeber und darf auch mal im Büro für die Prüfungen lernen. Jetzt, wo ich mitten in den Lehrabschlussprüfungen stecke, ist die Belastung schon gross. Der Stoff in der Schule wird immer mehr und anspruchsvoller. Aber der Ehrgeiz im MMA steigt ebenfalls.

Finden Sie Zeit für andere Freizeitaktivitäten wie Ausgang oder eine Freundin?

Momentan nicht. Mit Lehre und MMA bin ich voll ausgelastet. Das Wochenende geht, wenn ich nicht an Kämpfen bin, vollends fürs Lernen drauf. Aber ich mache es gerne und vermisse nichts.

Müssen Sie in der Zukunft mit gesundheitlichen Schäden rechnen?

Höchstens an den Handgelenken sind Abnützungserscheinungen zu erwarten. Ansonsten ist MMA nicht ungesünder als Boxen oder Fussball.

Was meinen Ihre Eltern zu Ihrem aussergewöhnlichen Hobby?

Sie stehen dem MMA kritisch gegenüber. Grosse Begeisterung erfahre ich von ihnen nicht. Dafür ist es meinen Eltern zu gefährlich. Sie hätten es wohl lieber, wenn ich wieder Fussball spielen würde. Mit der Zeit haben sie aber erkannt, wie viel mir der Kampfsport bedeutet. Sie ärgern sich nicht mehr, dass ich fast nie zum Abendessen da bin.

Kampfsportler haben in der Gesellschaft nicht den besten Ruf. Spüren Sie das?

Schwarze Schafe gibt es überall. Und wenn ausgerechnet ein Kampfsportler kriminell wird, ist dies umso aufsehenerregender. Mir hat mein Hobby noch nie geschadet. Manche Leute reissen Witze oder fordern mich spasseshalber zum Kampf auf. Solche Dinge sehe ich locker. Wichtig ist mir, dass ich in erster Linie als Gabriel Sabo und erst dann als Kampfsportler angesehen werde. Dazu eine kleine Anekdote: Mein Chef erfuhr erst am letzten Weihnachtsessen, dass ich einen Monat zuvor Schweizer Meister wurde. Er war leicht verärgert. Sie sehen, mir liegt nichts daran, mit meinen Erfolgen hausieren zu gehen.