Leben in Aarau

Das WEF ist nicht nur Davos – und Davos ist nicht nur das WEF

Letzte Woche fand in Davos das WEF statt. Grund genug einen Blick von Aarau nach Davos zu werfen.

Letzte Woche fand in Davos das WEF statt. Grund genug einen Blick von Aarau nach Davos zu werfen.

AZ-Kolumnistin Martina Suter schreibt über ihre Gedanken zum WEF.

Während rund zehn Tagen ist Davos nicht wiederzuerkennen. Die meisten Ladenlokale an den Hauptachsen sind kreativ umgestaltet, auf freien Flächen stehen modern designte Holzpavillons, das öffentliche Verkehrsnetz ist neu konzipiert und ausgebaut.

Das Städtische, Internationale ist für einmal im Mittelpunkt – die traumhafte Bergkulisse bildet den perfekten Hintergrundrahmen dazu. Attraktive Bilder von schweizerischer Märchenwelt gehen um den Globus – genau so, wie es sich die lokale und schweizerische Tourismusbranche wünscht und sich während des ganzen Jahres bei jeder Gelegenheit dafür einsetzt.

Der Gesamtbundesrat ist vor Ort, trifft von frühmorgens bis spätabends im Stundentakt Führungspersönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und diversen Nichtregierungsorganisationen – genau so, wie er sich aufgrund des Volksauftrags auch während des Jahres um solche Kontakte bemüht und engagiert.

Jedes Jahr bin ich fasziniert in welcher Geschwindigkeit, Effizienz und Qualität der grosse Wandel des Bergstadtbilds vonstattengeht – auch mit Aarauer Beteiligung. Bereits zwei Wochen vor dem WEF begegnete ich Lieferwagen der auf Veranstaltungstechnik spezialisierten Firma «smartec». Die auffällig schwarz/gelb gekennzeichneten Laster fallen danach Tag für Tag auf.

Es scheint ein Grossauftrag zu sein für die Aarauer Unternehmung – und damit auch bedeutend für deren Arbeitsplatzerhaltung. Nebst Trucks mit Aargauer Autokennzeichen säumen unzählige Lieferwagen mit unterschiedlichen Kantonsschildern die Davoser Strassen. Das WEF generiert eine Wertschöpfung von rund 100 Millionen Franken! Und wie das Beispiel der Aarauer Unternehmung zeigt, profitieren davon bei weitem nicht nur Davos oder Graubünden, sondern direkt oder via Steuererträge indirekt die ganze Schweiz.

Anders sieht es aus, wenn man sich ein Bild aus der allgemeinen Berichterstattung in Fernsehen und Tageszeitungen machen will. Dann besteht das WEF aus dem Besuch von Trump und Greta, überhöhten Mieten und Anti-WEF- Demonstrationen. Was aber bietet das Weltwirtschaftsforum wirklich? Vorab hilft ein Blick auf die Internetseite www.weforum.org.

Schnell wird klar, dass diese in Genf ansässige gemeinnützige Stiftung mit ihren hochkarätigen Fachkräften einen bemerkenswerten, global ausgerichteten Leistungsausweis vorweisen kann. Das Jahrestreffen in Davos ist nur eines von vielen Highlights im WEF Kalender, macht aber am meisten auf das Weltwirtschaftsforum aufmerksam.

In Davos gibt es nicht nur einige grosse Reden und Tausende von Gesprächen zwischen den Führungskräften von Arbeitnehmer-, Gewerkschafts-, Umweltorganisationen, Religionsvertretenden sowie aus Politik und Wirtschaft. Parallel dazu passiert so einiges zusätzlich Positives.

Jedermann ist beispielsweise ans «Open Forum» eingeladen und kann täglich spannende Gespräche und Diskussionsrunden mit Entscheidungsträgern und Fachexperten hautnah mitverfolgen. In Zusammenarbeit mit der Schweizer Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung werden im «House of Switzerland» Veranstaltungen durchgeführt, die der internationalen Besucherschar aufzeigen sollen, welche Ideen und Lösungen für die Zukunft die Schweiz beitragen kann.

Die Limousinenflotte ist zu 90 Prozent elektrisch oder hybrid unterwegs. Die vegetarische Küche erhält am WEF mit einem fleischlosen Tag eine viel beachtete Plattform. Davoser Gastronomen lancieren ein Pop-up Restaurant. Dort werden erstklassige, während des WEF zu viel produzierte Lebensmittel gegen eine freiwillige Spende angeboten.

Die ETH ist während Tagen präsent in den Davoser Schulzimmern. Im Wisdom House erhalten gemeinnützige Organisationen gratis Ausstellungsflächen. Viele Davoser Angestellte kommen zu zwei zusätzlich bezahlten Ferienwochen, da «ihre» Laden- oder Bürolokale untervermietet werden. Diese zusätzlichen Einnahmen sind beim leidgeprüften Detailhandel hoch willkommen.

Von den Medien gefördert erwartet die Öffentlichkeit im Rahmen des Jahrestreffens schnelle und einfache Lösungen für äusserst komplexe Fragestellungen. Mit «War das alles?» wurden einzelne Treffen oder Auftritte kommentiert. Diese Erwartungshaltung greift viel kurz. Das Jahrestreffen des WEF bringt jene zusammen, die sonst nicht miteinander reden.

Es stösst neue Diskussionen an, nimmt wichtige Themen in neuen Arbeitskreisen auf und liefert dazugehörige Daten und Analysen für alle Beteiligten. Das WEF ist kein Entscheidungsgremium. Dazu ist es weder geschaffen noch legitimiert.

Aber es leistet in einem einzigartigen Rahmen in völliger Offenheit und Transparenz einen wichtigen Beitrag zum Verständnis drängender Fragen unserer Zeit und möglichen Antworten. WEF ist bei weitem nicht nur Davos und Davos ist bei weitem nicht nur WEF!

*Martina Suter (55) ist Unternehmerin, Präsidentin des Kreisschulrats und Vizepräsidentin der FDP Aarau. 

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