Wenn es in Asien mit der Demokratisierung vorwärtsgeht, hat das unter anderem etwas mit dem Przewalski-Urpferd zu tun – und mit Aarau. Eine lange, spannende Geschichte, bei der zwei miteinander befreundete Männer eine wichtige Rolle spielen: der Aarauer alt Stände- und Regierungsrat Thomas Pfisterer und Lundeg Purevsuren, seit Juni dieses Jahres Botschafter der Mongolei in der Schweiz. Die beiden trafen sich dieser Tage in Aarau, als Purevsuren das Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) in Heinrich Zschokkes «Blumenhalde» besuchte.

«Wir kennen uns seit vielen Jahren», sagt Thomas Pfisterer, «durch das Projekt ‹Demokratie für Naturschutz› in der Mongolei. Das ist im Wesentlichen ein Schweizer Projekt zur Rückführung des Ur-Pferdes in die Mongolei.» Pfisterer war lange Zeit Präsident der 1999 gegründeten International Thaki Group (ITG). Inzwischen ist er Ehrenpräsident.

«Thaki» heisst das Urpfferd bei den Mongolen. Das letzte wurde dort in den 60er-Jahren geschossen. Überlebt hat das Thaki nur in den zoologischen Gärten, unter anderem im Wildpark Langenberg in Langnau am Albis ZH. Von dort aus hat man es auf Initiative der UNO hin seit den 90er-Jahren rückgeführt in die Mongolei.

«Inzwischen», konstatiert Pfisterer, «leben wieder über 200 Pferde in unserem Nationalpark, der etwa so gross ist wie ein Viertel der Schweiz.» Eigentümer ist die mongolische Regierung. Die Schweizer – Veterinäre, Biologen, Zoologen und Juristen – helfen mit Geld und Beratung. Die sieben Gemeinden, in denen der Nationalpark liegt, haben, wie Pfisterer erzählt, vom Volk gewählte Gemeindepräsidenten. Sie kennen auch die Gemeindeversammlung.

Die Mongolei, im Sandwich zwischen Russland und China gelegen, konnte sich bei der Wende 1989 aus dem Griff der Sowjetunion beziehungsweise Russlands lösen und gilt heute als eine der am besten funktionierenden Demokratien Asiens. Pfisterer erinnert sich: «Mit dem Demokratieanliegen sind wir von der ITG seinerzeit zu den Behörden gegangen.» Einer der ersten Exponenten, mit denen er zu tun hatte, war Lundeg Purevsuren, Berater für Sicherheit und Aussenpolitik des damaligen mongolischen Präsidenten.

Vor sieben Jahren besuchte Purevsuren, zusammen mit diesem, erstmals das Zentrum für Demokratie in Aarau. Dies, wie er selber sagt, «mit der Hilfe und durch die langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft wegen der Pferde mit Thomas Pfisterer». Das Thaki-Ansiedlungsprojekt befindet in Purevsurens Heimat, im Westen der Mongolei. «Seither», so der Botschafter, «pflegen wir eine interessante und erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem ZDA, um die Elemente der direkten Demokratie einzuführen – dies auch mithilfe der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und der Schweizer Regierung.»

Für die Mongolei, sagt Purevsuren, sei die Schweiz ein Modell: «Stabil und neutral zwischen den grossen Nachbarn – das ist eine Überlebenschance zwischen diesen. Damit es funktioniert, haben wir vieles in der Schweiz genau studiert.» Nicht nur die direkte Demokratie und der Föderalismus sind damit angesprochen, sondern beispielsweise auch das schweizerische Berufsbildungsmodell.

Ausgabentransparenz im Internet

In der Mongolei ist seit dem Ende der kommunistischen Ära ein Prozess der Dezentralisierung im Gang. Beim Haushalt wurde den Gemeinden eine gewisse Autonomie gewährt. «Und da die Gefahr besteht, dass die lokalen Lords die Gelder für sich selber abzweigen», sagt Purevsuren, «haben wir parallel dazu ein Mitbestimmungsrecht der Bevölkerung bei der Verwendung der Mittel eingebracht.»

In der Schweiz haben sich die Mongolen in einer frühen Phase darüber informiert, wie das Instrument der Abstimmung funktioniert. Pfisterer ergänzt: «Das Geld muss jetzt vor die Gemeindeversammlung, und die kontrolliert, dass das Geld der Bevölkerung zugutekommt.» Transparenz werde grossgeschrieben: «Jeder Dollar muss abgerechnet werden, und zwar im Internet kontrollierbar.»

Die Mongolei versteht sich ein wenig als eine Schweiz in Asien. Und es gibt in Asien auch Länder wie Myanmar (früher Birma), die auf die Mongolei als Erfolgsmodell schauen. Demokratische Ideen und Errungenschaften werden so weitergetragen. Darum sei es wichtig, dass die Demokratie in der Mongolei nicht scheitere, betont Purevsuren. «Myanmar», sagt Thomas Pfisterer, «ist eine Paradebeispiel.»

Dort, wo ein halbes Jahrhundert lang das Militär geherrscht hat, habe die Mongolei «sehr viel an politischer Aufbauarbeit geleistet». Das gelte auch für Lundeg Purevsuren persönlich. Dieser habe Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi – die Ikone der birmanischen Demokratiebewegung und heutige Staatsberaterin – mehrfach getroffen und Einfluss genommen.

Auf die Feststellung hin, dann gebe es ja einen Zusammenhang zwischen dem Urpferd und der Demokratisierung in Asien, antworten Pfisterer und Purevsuren übereinstimmend mit einem Lachen: «Ja das Thaki nimmt eine Brückenfunktion wahr.»

An den Schauplätzen von 1798

Dann nimmt Thomas Pfisterer seien Gast mit auf eine spezielle historische Stadtführung. Er zeigt ihm die Orte in Aarau, die 1798 eine Rolle spielten, als die moderne Schweiz aufgegleist wurde. Aarau als Wiege einer sich von da an schrittweise entwickelnden direkt-demokratischen Schweiz.

So stehen die beiden vor dem unteren Rathaus, hier wo der Freiheitsbaum stand. Pfisterer schaut hinauf zum Balkon des Rathauses und sagt: «Dort oben hat Peter Ochs am 12. April 1798 die ‹einzige, unteilbare, demokratische und repräsentative Republik› verkündet. Dann lässt Pfisterer die Geschichte 200 Jahre vorwärtsspulen. Beim Rathaus-Portal zeigt er auf den Briefeinwurf: «Da kommen die Stimmcouverts hinein.»