Sechs Uhr abends, die Kirchenglocken läuten. Feierabend. An der Remise im Garten des Forums Schlossplatz öffnet sich ein Laden. Ein Gesicht kommt zum Vorschein, ein junger Mann stellt sich auf einen weissen Schemel. Dann, nach dem Verstummen der Kirchenglocke lehnt er sich ans Geländer und beginnt mit den Leuten unter ihm zu reden. Nach seiner Rede steigt er zur Gruppe hinunter, unterhält sich mit ihr. Danach geht jeder wieder seines Wegs.

Der Aarauer Nachwuchsautor Pino Dietiker setzt sich im Rahmen des 20-Jahr-Jubiläums des Forums Schlossplatz Aarau schreibend über das Thema Platz auseinander. Bis 14. September hat er im Forum eine Schreibstube eingerichtet, in der er Besucher empfängt. Seine literarischen Gedanken über das Thema Platz sind unter www.platz-im-netz.ch nachzulesen. Oder werktags, nach dem 18-Uhr-Kirchenschlag, während einer Platzrede auf dem Schlossplatz zu hören.

Seine Stimme ist wohlklingend, schmeichelnd, eindringlich. Die Worte sind erheiternd, komisch oder gar spöttisch, aber nie oberflächlich. Obwohl es in seinen Texten primär um den Begriff geht, erkennt man darin auch den Platz Aarau: «Wer a sagt, legt den Grundstein einer Stadt». – Flussstadt, Brunnenstadt, über siebzig sollen es sein, in vielen Becken treiben Flaschen, auf vielen Rändern stehen Dosen, an fast allen Brunnen verkünden Schilder: Santé, zum Wohl.»

Rapper auf dem Schlossplatz

Die Ausdruckskraft des Autors beeindruckt Nadine Schneider, Leiterin des Forums Schlossplatz. Als Jungautor habe er bereits eine ganz eigene Sprache. «Er schafft Bilder, die mich als Leserin zum Erforschen und Durchstreifen einladen.» Der 23-jährige Schriftsteller wuchs im Scheibenschachen auf und kennt Aarau wie seine eigene Hosentasche. Der Schlossplatz sei für ihn ein wichtiger Ort, aber auch der Kirchplatz, weil er da schon als Rapper aufgetreten ist.

Der Stadt etwas Neues abzugewinnen, ist für den Studenten des Literaturinstitutes Biel eine Herausforderung. Aus diesem Grund residiert Pino Dietiker zwei Wochen lang in der Remise des Forums. Eine Residenz habe einen Fremdheitseffekt. «Trete ich morgens auf den Schlossplatz, bin ich mitten im Geschehen.» Anders, als wenn er vom Scheibenschachen herkommt, da fühlt er sich mehr zu Gast in der Burg. Er überquert den Fluss – für den Autor ein Symbol der Vergänglichkeit – und steigt in die Stadt hoch.

Während der Jungautor über den Begriff Platz sinniert, streift er durch die Gassen. Er erlebt sich als Flaneur, als Beobachter. Als einer der stehen bleibt, sich beinahe unverschämt die Szenen in den Gassen zu Gemüte führt. Er spielt mit dem Begriff Platz, wirft ihn hoch wie ein Gummiball. Dreht und wendet ihn nach seinem eigenen Gusto: vom Platzkonzert zum Rastplatz, vom Revolutionsplatz zum Platzhalter, vom Brutplatz zum Umschlagplatz.

Der Bogen zum Schlossplatz Forum ist gespannt. Pino Dietiker sitzt an seinem Arbeitsplatz – ein Tisch, ein Laptop, eine Leuchte, eine Plastikblume – und füllt den leeren Platz mit Worten aus. Wenig später läuten die Kirchenglocken. Es ist sechs Uhr abends. Zeit für die Platzrede. Der Autor kennt seinen Platz, den Schemel in der Remise.