Serie 1816
Das Sonnenweib sorgte für Aufruhr

Bei den hungernden Aarauern fielen die Predigten der Baronin Juliane von Krüdener auf fruchtbaren Boden – später wurde die gelangweilte Witwe aus dem Land gejagt.

Hermann Rauber
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Baronin Juliane von Krüdener mit ihrer Tochter. Gemälde von Caroline Bardua.

Baronin Juliane von Krüdener mit ihrer Tochter. Gemälde von Caroline Bardua.

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Im Mai des Jahres 1816, dem «Jahr ohne Sommer», geriet das religiöse und soziale Leben in Aarau in Aufruhr. Auf ihrer missionarischen Pilgerreise hatte sich nämlich die Baronin Juliane von Krüdener in Aarau niedergelassen. Sie residierte mit einer Schar von Anhängern im Gasthof zum Ochsen am Schlossplatz und sorgte schon bald für Aufregung. Denn das «Sonnenweib aus dem Norden» vertrat einen prophetisch-ekstatischen Pietismus und brachte ihre Botschaft schwärmerisch und mit «schauspielerischen Reizen» unter das Volk, indem sie «das wieder lebendig gewordene Urchristentum» predigte.

Die Baronin verfolgte die Absicht, das allzu rationalistische Tugend-Christentum aus dem Sündenschlaf aufzuwecken und auf das «tausendjährige Messiasreich» vorzubereiten. Die Saat fiel gerade im beginnenden Hungerjahr 1816 auf fruchtbaren Boden. Die gelangweilte Adelswitwe aus dem fernen Livland (heute Estland) richtete ihre Kanzel standesgemäss im ersten Stock des «Ochsen» ein und predigte bei gutem Wetter zum offenen Fenster hinaus. Der Zulauf war enorm, die vermeintliche Heilsbringerin wandte sich bis zu vier Mal am Tag an die wachsende Zahl der Zuhörerschaft. Bei Gelegenheit warf sie gedruckte Botschaften unter die Leute, auf denen Bibelsprüche, die Ankündigung eines neuen Erlösers oder Ermahnungen zur Busse geschrieben standen.

1816 – das Jahr ohne Sommer

Die Hungersnot 1816 im «Jahr ohne Sommer» brachte für Aarau einschneidende Veränderungen mit sich. In einer losen Serie werfen wir einen Blick auf die Stadt, wie sie vor 200 Jahren war, wer sie regierte, was sie bewegte und was der Hunger in der Bevölkerung auslöste.

Die Locken mussten ab

Worte und Texte der Krüdener spalteten die Aarauer Bürgerschaft. «Frauen liefen ihren Männern, Männer ihren Frauen, Kindern den Eltern davon», wobei in dieses «tolle Treiben» alle Stände involviert waren. Hatten junge Aarauerinnen vorher das Haar nach der Mode auf der Stirn in Löckchen von einer Seite bis zur anderen herabfallen lassen, zierlich gebrannt und gekräuselt, so wurde dank dem Einfluss der «lieblichen Morgenröte des Messiasreiches» dieser Schmuck als zu hochmütig weggeschnitten. Man entsagte sogar dem Gesang und Tanz und verzichtete auf bunte Bänder und Blumen an den Hüten.

Der grösste Dorn im Auge der Behörden aber war eine «Zeitung für die Armen» aus der Feder der Baronesse, mit der sie die «Reichen» ins Visier nahm. Diese Tendenz, die Minderbemittelten gegen die Vermögenden «in Harnisch zu bringen» (Zitat aus der damaligen Aarauer Zeitung), brachte die «Unruhestifterin» in arge Nöte. Sie brach ihre Zelte in Aarau ab und reiste weiter zur Familie Diessbach auf Schloss Liebegg. Dort legte Juliane von Krüdener am Auffahrtstag 1816 ihre Thesen vor nicht weniger als 2000 «heilsbegierigen Seelen aus der ganzen Talschaft« dar, eine «religiöse Gärung», die aus Sicht der Regierung das Fass vollends zum Überlaufen brachte.

Der Wind hatte gedreht

Das «Sonnenweib» flüchtete in der Folge nach Süddeutschland, wurde aber im Grossherzogtum Baden ebenfalls zur «persona non grata» erklärt und ausgewiesen. Im Frühling 1817 kehrte die umstrittene Wanderpredigerin über Möhlin in den Aargau zurück und tauchte bald wieder in der Kantonshauptstadt und im Gasthof zum Ochsen auf. Hier hatte der Wind aber in der Zwischenzeit gedreht, die religiöse und soziale Tätigkeit der Baronin wurde überwacht. Nach einer polizeilichen Wegweisung liess sich die Baronin samt ihrem Tross im solothurnischen Niedererlinsbach nieder, ehe sie die Schweiz endgültig verliess.

«Die Wirksamkeit der Frau von Krüdener hinterliess auch im Aargau letztlich keine tieferen Spuren», schreibt Nold Halder in seiner Kantonsgeschichte. Sie habe es zwar «mit Geist, Phantasie und Gefühl und dank den besonderen Umständen wie Misswachs, Teuerung und Not verstanden, das Volk zum Mithandeln und Mitsprechen in Herzensfragen zu bewegen», gleichzeitig aber auch den damals noch mühsam errungenen religiösen Frieden und die bürgerliche Ordnung schlechthin angegriffen, was ihr letztlich zum Verhängnis wurde.

Die Baronin aus Riga

Beate Barbara Juliane von Vietinghoff wurde 1764 in Riga geboren. Mit 17 Jahren heiratete sie Burckhard Alexius Constantin von Krüdener, einen kaiserlich-russischen Gesandten. Nach dem Tode ihres Mannes liess sie sich als reiche Witwe in Paris nieder. 1804 erlebte Krüdener eine religiöse Bekehrung und wandte sich dem Pietismus zu. Jahre später versuchte sie, in Württemberg eine die Apokalypse beschwörende «christliche Kolonie» zu gründen, wurde aber ausgewiesen. Sie hatte starken Einfluss auf die Petersburger Gesellschaft, insbesondere auf Zar Alexander I., dessen geistige Freundin sie wurde. Sie bewog ihn zur Heiligen Allianz, die ihre Handschrift trägt, und vertrat den Zaren 1815 auf dem Wiener Kongress. 1816 und 1817 bereiste sie als Busspredigerin auch die Schweiz, ehe sie nach Russland zurückkehrte. Alexander I. war inzwischen von ihr abgerückt, sie starb deshalb 1824 verarmt und vereinsamt auf der Krim.