«Als die Gemeinde 1882 das Schulhaus an diesem Ort bauen liess, wurden die Verantwortlichen ausgelacht», erzählte Paul Lüthy gleich zu Beginn seiner Führung durch Rohr, die bei der Sporthalle startete.

Die Spötter machten sich damals darüber lustig, dass die Schule am Dorfrand zu liegen kam. Felder lagen daneben. Diese Situation hat sich inzwischen geänderte: Die gut 100 Personen, welche sich am Samstagnachmittag zum Stadtteilumgang mit dem ehemaligen Rohrer Lehrer Paul Lüthy im Schulareal unter den Linden trafen, standen mitten im heutigen Aarauer Stadtteil Rohr.

Wachstumsschub in 50er-Jahren

«Rohr erleben – gestern, heute, morgen», so der Titel der Führung, die in ihrem ersten Teil das Unterdorf zum Thema hatte. Ausserdorf und Schachen sollen in den nächsten Jahren vorgestellt werden. Nicht nur alteingesessene Rohrer nahmen am Umgang teil, auch viele Junge und Familien mit Kindern interessierten sich für die Entwicklung des Stadtteils.

«Das Unterdorf hat sich stark verändert», erklärte Lüthy und belegte mit Zahlen den enormen Bevölkerungszuwachs von Rohr. Im Jahr 1810 zählte man 400 Ansässige, 1860 bereits das Doppelte, und 2010 verschaffte Rohr der Stadt Aarau bei der Fusion mit einem Schlag 3000 zusätzliche Einwohner. Heute wohnen rund 3500 Menschen auf Rohrer Boden. «Vor allem nach dem zweiten Weltkrieg wuchs Rohr enorm», wusste Lüthy zu erzählen. «Prozentual zählte das Dorf zu den am stärksten wachsenden Gemeinden im Kanton. Damals wurde das Gebiet Richtung Aarau überbaut, Wohnblöcke entstanden.»

Vom Bauerndorf zum Stadtteil

Dies erklärt auch die grosse Veränderung, welche das Dorf Rohr in den letzten 100 Jahren durchgemacht hat. Vom armen Bauerndorf entwickelte es sich in kurzer Zeit zur Agglomerationsgemeinde. Paul Lüthy wies auf alte Häuser hin, die teilweise umgebaut wurden und immer noch stehen. Andere, wie das Griederhaus, wurden abgerissen. Das «Schlösschen» fiel der Begradigung der Strasse Ende der 50er-Jahre zum Opfer.

«Das ist sehr schade», meinte Lüthy, «das Haus mit den Türmchen war etwas Besonderes.» Seinen Zuhörern konnte er ein Foto zeigen, auf welchem eine Ecke des Schlösschens zu sehen war. Das dazugehörende Waschhaus steht jedoch noch und gilt mit Baujahr 1579 als ältestes Gebäude von Rohr.

Die alteingesessene Rohrer erinnerten sich während der Führung gerne an vergangene Zeiten zurüc: An die Gartenwirtschaft des Restaurants Sternen beispielsweise, den Nussbaum, der davor stand – oder war es eine Kastanie? Aber auch die alten Bauernhäuser und deren Bewohner waren ein Thema. Lüthy erzählte die Anekdote einer Aarauerin, die nicht nach Rohr ziehen wollte, weil es nur eine Strasse und Miststöcke gegeben habe. «Meine Frau hingegen, eine Emmentalerin, beschwerte sich damals, dass es hier nur Tankstellen stehen», erzählte Lüthy, der 1968 nach Rohr kam.

Paul Lüthy selbst schätzt an Rohr sowohl die Nähe zur Stadt wie auch zur Natur. «Die Gemeinde hat in Sachen Begrünung viele Anstrengungen unternommen. Als ich hierher kam, fand ich kaum ein Wiesenschaumkraut oder eine Margerite.» Für die neustens im Hintefeld geplante Bautätigkeit wünschte er sich Respekt dem Wald wie auch dem Dorfbild gegenüber.

Wird zu viel gebaut?

Einige Teilnehmer sehen im Wachstum von Rohr ein grundsätzliches Problem. «Es gibt zu viele Leute hier, sie verpflastern alles», beschwerte sich eine Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Max Burgherr hingegen findet, dass sich Rohr positiv entwickelt habe. «Die Gemeinde hat immer darauf geschaut, dass nichts Verrücktes hingestellt wurde», meinte der bald 90-Jährige, der seit 1951 im Dorf lebt, und ergänzte: «Man hat früher auch viel gebaut, da kann man jetzt nicht dagegen sein.»