Oberentfelden
«Das schreiben Sie aber nicht auf, gälle Sie»

Vier Mal im Jahr kommen die Alt-Gemeinderäte in Oberentfelden zum «Schattenkabinett» zusammen. Doch was passiert da? Ein Erfahrungsbericht.

Katja Schlegel
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Gemeindeschreiber Max Haudenschild, Grossrätin Vreni Friker und Ammann Markus Werder alias «Eisenfuss» (v.l.).Katja Schlegel

Gemeindeschreiber Max Haudenschild, Grossrätin Vreni Friker und Ammann Markus Werder alias «Eisenfuss» (v.l.).Katja Schlegel

Fünf Minuten vorher sollte man gehen. Fünf Minuten, bevor der Gemeindeschreiber anfängt zu singen – sonst wird es sehr spät oder ziemlich früh. Das ist die einzige Regel.

Ansonsten gibt es am regelmässigen Treffen der Alt-Gemeinderäte nichts Verbindliches. Keinen Vorstand, keine Statuten, keine Beiträge.

Höchstens auf gutes Essen und guten Wein, darauf wird viel Wert gelegt. Und darauf, dem amtierenden Rat nicht in die Geschäfte reinschwatzen. Das ist seit der Gründung des «Schattenkabinetts» im Jahre 1985 Ehrensache.

Gemeindeschreiber Max Haudenschild kann nicht singen, sagt er. Die Regel ist auch uralt und wurde von Arthur Lüthy geprägt, Gemeindeschreiber von 1962 bis 1985.

Er sang gern zur späten Stunde, er war auch der geistige Vater des Oberentfelder Schattenkabinetts: Nachdem 1957 ein völlig zerstrittener Rat komplett ersetzt wurde, wurde dem neuen Rat unmissverständlich klar gemacht, zum Wohle der Gemeinde endlich für Harmonie und Einvernehmen zu sorgen. Das hatte Eindruck gemacht.

«Seither herrscht Friede im Rat und das bis heute», sagt Ulrich Hunziker, Gemeinderat von 1958 bis 1970 – «zwölf Jahre sind Bürgerpflicht, was drüber ist, ist Routine» – und heute Schreiber des Schattenkabinetts.

Dass man in Anstand und etwas gutem Willen seine Meinung sachlich vertreten kann, habe sich bewährt, und schliesslich nach dem Rücktritt Lüthys zur Gründung des Schattenkabinetts geführt: ein unverbindliches Treffen aller bisherigen und amtierenden Gemeinderäte, Gemeindeschreiber und sage und schreibe sechs Ammänner: Georg Knoblauch, Martin Hochstrasser, Bruno Treier, Max Gysin, Ruedi Berger und Markus Werder.

Das Dutzend Herren und drei Damen sitzen im Stübli im Restaurant Insel. 15 Räte haben sich angemeldet, ein paar haben sich entschuldigen lassen.

Hellgelbe Tischtücher, dunkel gebeiztes Täfer, eine Vitrinenwand voller Pokale und Kränze, die Menagen vor den Tischsets.

Es wird Paella serviert, mit und ohne Meeresfrüchte, dazu spanischer Rioja. Die Plauderei kommt in Gang, wenn auch ein wenig verhalten. Eigentlich ist das Schattenkabinett eine geschlossene Gesellschaft. Für die az macht sie für einmal eine Ausnahme.

Und das spürt man, die Herrschaften sind vorsichtig. «Was notieren Sie da alles?», fragen sie. Oder: «Das schreiben Sie aber nicht auf, gälle Sie.»

Dabei ist es gar nicht so schlimm. Es geht nicht etwa um heikle politische Geschäfte, sondern um Autobahnen und die Psyche der Frau, um Rechtsvortritt und Velowege. Und um Ammann Werders Spitzname vom Fussballplatz, «Eisenfuss», und dass er eigentlich ein Unterentfelder ist und der Unterentfelder Ammann Heinz Lüscher ein Oberentfelder. Und um Conchita Wurst, die bärtige Siegerin des Eurovision Song Contest. Und ein bisschen noch um die Abstimmung zum Schulhausneubau. Aber nur ein bisschen. Kommt der Kredit durch? Schwer zu sagen, meinen Werder, Schreiber Haudenschild und Grossrätin und Alt-Gemeinderätin Vreni Friker. Am Tisch gegenüber putzt sich derweil Gemeinderätin Monique Gammeter die Tränen aus den Augenwinkeln, so hat sie mit Kollegin Petra Huckele über ein Handy-Filmchen gelacht. Hat es jemals Knatsch gegeben in einer solchen Runde? «Nein, nie», sagt Hunziker und schüttelt energisch den Kopf. «Wir haben hier einfach glatte Abende miteinander.»

Glatt ist der richtige Ausdruck. Aber irgendwann wird es Zeit, den Heimweg anzutreten. Bevor sich Gemeindeschreiber Haudenschild überwindet und doch noch singt.