Aarau
Das Rezept: mutig, aber nicht zu elitär

Jazz Live Aarau blickt auf eine 20-jährige Erfolgsstory zurück und feiert sie mit einem Konzert der Extraklasse

Ueli Wild
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Weltklasse: Paolo Fresu (Flügelhorn, links) und Daniele di Bonaventura (Bandoneon).

Weltklasse: Paolo Fresu (Flügelhorn, links) und Daniele di Bonaventura (Bandoneon).

Ueli Wild

Paolo Fresu sitzt ruhig auf seinem Stuhl. Doch wenn er das rechte Bein anhebt, den rechten Fuss und den linken Unterschenkel verschränkt und dabei die Seele seines Flügelhorns aus dem Trichter herauslockt, biegt sich mit dem Körper des Musikers der Spannungsbogen im Saal der «Spaghetti Factory». In einer Kirche könnte das Publikum nicht aufmerksamer sein. Kein Wunder: Es ist eine Art sakraler Raum, in den der sardische Trompeter und Flügelhornist die Leute mitnimmt, zusammen mit dem ebenfalls italienischen Bandoneonisten Daniele di Bonaventura. Die beiden reisen fliessend, fast übergangslos hin und her zwischen dem freien Atmen auf einer einsamen Hügelkuppe und der Hektik eines in Wallung geratenen Herzens, zwischen Leihgaben aus der Volksmusik und Anklängen an das Spiel des frühen Miles Davis oder eines Chet Baker: heiser-verhalten, gefühlvoll suchend, kaum je aggressiv. Ausgedehnte Moll-Passagen dominieren, Melodien von umwerfender Schönheit, aber nie sentimental. Weltklasse.

Gründer Georges Weiersmüller

Mit Paolo Fresu und Daniele di Bonaventura sowie dem Barbara-Balzan-Quartett, das im zweiten Set zum Zuge kommt, hat sich Jazz Live Aarau etwas besonderes geleistet, aus besonderem Anlass: Jazz Live Aarau, gegründet vom 2012 verstorbenen Amateur-Jazzpianisten Georges Weiersmüller, feiert dieses Jahr das 20-jährige Bestehen. In den Anfängen gab es noch kein fixes Programm mit zwölf Konzerten im Winterhalbjahr wie heute. Georges Weiersmüller verfügte über exzellente Verbindungen in der internationalen Jazz-Szene und konnte so immer wieder mal Stars auf der Durchreise nach Zürich oder anderswo für einen Auftritt in Aarau abfangen. Weggefährten wie Peter Häuptli, Peter Günthart und Bruno Lüthy erinnern sich: Auch das Lokal wechselte. Eine zeitlang fanden die Konzerte im «Chez Jeannette» statt, dann im «Affenkasten». Seit 2007 geniesst Jazz Live Aarau Gastrecht in der «Spaghetti Factory». Der Saal hier weist eine ideale Grösse auf für ein Publikum von jeweils 50 bis 90 Personen. Da der Saal am Abend für Nachtessen gebraucht wird, finden die Konzerte am Samstagnachmittag um 15.30 Uhr statt. Offenbar ein idealer Termin: «So kann man am Morgen im Garten arbeiten», sagt Bruno Lüthy, «und den Abend hat man noch frei.» Auch bei den Musikern sei der Nachmittagstermin beliebt: «Am Abend ist am gleichen Tag ein zweiter Gig an einem andern Ort möglich.»

Über 200 Konzerte bis heute

Zu Georges Weiersmüllers Zeiten, als mehr internationale Grössen bei Jazz Live Aarau auftraten, fanden die Konzerte eher am Abend statt. Klingende Namen finden sich unter den Acts , die häufig recht spontan angesagt wurden, so etwa Michel Petrucciani, Archie Shepp, Glenn Ferris und Häns’che Weiss. Über 200 Konzerte hat Jazz Live Aarau bis heute veranstaltet, etwa 550 Musikerinnen und Musiker traten dabei auf. 50 bis 60 erhalten aktuell pro Jahr eine Auftrittsgelegenheit. Häufig sind es inzwischen hervorragend ausgebildete Absolventen der schweizerischen Jazzschulen. «Wir haben sehr viele valable Anfragen», sagt Bruno Lüthy, «das Unangenehme ist nur, dass wir zwei Dritteln absagen müssen.»

Jazz, räumt der Erlinsbacher ein, sei vielfach schon elitäre Musik. Aber Angst, dass das in der Regel über 50-jährige Publikum wegstirbt, hat er nicht. Mit zunehmendem Alter begännen sich immer wieder Leute für modernen Jazz oder moderne Klassik zu interessieren. Die ganz moderne Sparte deckt in Aarau der Jazz Club ab. Jazz Live Aarau liebt die Abwechslung und fokussiert sich eher auf den Abschnitt der Jazzgeschichte zwischen Bebop und Free Jazz. «Wir gehen an die Schmerzgrenze», sagt Lüthy. Aber ganz Modernes gibt es bloss in «homöopathischen Dosen». Mutig, aber nicht zu elitär, könnte man sagen.

Jazz Live Aarau ist nicht als Verein organisiert, sondern als einfache Gesellschaft. Das Organisationsteam erfährt gegenwärtig einen Generationenwechsel. Unterstützung gewähren über 60 Supporter, Sponsoren, die Stadt Aarau, das kantonale Kuratorium sowie als Gastgeberin die «Spaghetti Factory». Und natürlich, so die Verantwortlichen, sorge auch das treue Stammpublikum dafür, dass man finanziell auf gesunden Beinen stehe. Hoffentlich für die nächsten 20 Jahre.