Stabwechsel in einem der renommiertesten Blumenhäuser des Kantons: Stefan und Dorcas Linder (65 und 64) haben ihr Geschäft beim Aarauer Bahnhofplatz an Antoinette und Mathias Baumberger (beide 31) übergeben. «Wir sind happy, dass wir junge, fähige, gut ausgebildete und dynamische Nachfolger gefunden haben», sagen sie.

Stefan Linder bleibt dem Laden in einem Teilzeit-Pensum erhalten. Und im Frühling nimmt er – voraussichtlich – eine weitere Herausforderung an: Er stellt sich als Mitglied des Zentralvorstands des Schweizer Floristenverbands zur Verfügung.

Antoinette Baumberger war seit 2015 als Geschäftsführerin angestellt. Als Stefan Linder sie fragte, ob sie die Firma ganz übernehmen wolle, habe sie «zuerst eine längere Bedenkzeit gebraucht», wie sie lachend erzählt. «Ich wusste, dass ich es nur machen will, wenn mein Mann mit an Bord ist.»

 Mathias Baumberger, gelernter Lastwagen-Mechaniker mit Buchhaltungs-Weiterbildung, hatte anfangs Bedenken. Er wusste um die riesige Leidenschaft seiner Frau für ihren Beruf – würde das zu viel werden, wenn beide im selben Betrieb arbeiten? Doch er fand zunehmend Gefallen an der Vorstellung: «Wir erhalten die Möglichkeit, etwas Grossartiges weiterzuführen, so eine Chance kommt nie mehr.» Nun ist er für die Administration zuständig, seine Frau fürs Florale – wie bei Linders, nur umgekehrt.

Über 150 Jahre alt

Die Blumenhandlung ist in ihren Ursprüngen mindestens so alt wie unser Bundesstaat; die frühesten Dokumente gehen auf 1848 zurück. Ein Abraham Zimmermann übergab sein Aarauer Gartenbaugeschäft samt Sämerei irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts der Familie Grossmann, die es über mehrere Generationen bis 1979 führte.

Dann ging der Blumenladen, damals noch im «Zeberthaus» an der Bahnhofstrasse ansässig, an Hans und Martha Linder über. Sohn Stefan stieg ab 1980 als Angestellter mit ein und übernahm das Geschäft zusammen mit seiner Frau Dorcas 1987. Bis 1992 hiess das Geschäft weiterhin «Grossmann». Erst nach dem Umzug an den heutigen Standort bei der Aargauischen Kantonalbank wurde es zu «Linder Blumen» – und wird es auch künftig bleiben.

Pionierprojekt für Lehrlinge

Stefan Linder hat in seiner über 30-jährigen Karriere einige Highlights erlebt. Als Doris Leuthard zum ersten Mal Bundespräsidentin wurde, hielt sie einen riesigen Strauss aus seinem Geschäft in die Kameras. Und an der Feier zu «700 Jahre Stadtrecht» durfte Linder die Aarauer Stadtkirche dekorieren.

Das ist zwar prestigeträchtig, aber die grösste Herzensangelegenheit war für ihn stets der Nachwuchs. 16 Jahre lang verantwortete er als Obmann des Aargauischen Floristenverbands die Lehrabschlussprüfungen, 45 junge Leute bildete er selber aus. 1999 initiierte er ein Pionierprojekt: «Linder young». Die bestehende, kleinere Filiale im Aarauer Bahnhof, in unmittelbarer Nähe zum Hauptgeschäft, wurde fast vollständig in die Hände der Lehrlinge gelegt.

Stefan Linder erinnert sich: «Die Frequenzen waren zurückgegangen, wir standen vor der Wahl, die Filiale aufzugeben oder etwas Neues zu probieren. Und Letzteres macht mehr Spass. Als ich einen Beitrag über die Alu Menziken las, die für ihre Lehrlinge einen ‹Betrieb im Betrieb› eingerichtet hatte, wollte ich das auch.» Was als Pilotprojekt begann, hatte sieben Jahre Bestand – bis zum Bahnhofneubau.

Uselütete so streng wie Maienzug

Auch heute beschäftigt «Linder Blumen» stets drei Auszubildende, so viele wie kaum ein Blumenladen im Aargau. Antoinette Baumberger will dies unbedingt beibehalten. «Sie hat eine unwahrscheinliche Leidenschaft für die Lehrlingsausbildung, das hat mir gefallen», sagt Dorcas Linder.

Die meisten Lernenden sind Frauen. Baumberger bedauert das mangelnde männliche Interesse: «Es ist immerhin ein handwerklicher Beruf, da muss man auch mal sägen und schrauben.» Insgesamt 13 Personen arbeiten für «Linder Blumen». Am strengsten haben sie es jeweils an Valentins- und Muttertag, im Advent und natürlich am Maienzug. «Und an der Uselütete!», fügt Baumberger an, «Die hält dem Maienzug fast die Stange.» Ihr ist wichtig, ihre Angestellten sehr partizipativ zu führen: «Jeder wird bei uns gefördert und übernimmt Verantwortung. Nur als Team kann man Grosses erreichen.»

Aus dem «Linder Blumen» ist nie eine «Boutique» geworden, wie Stefan Linder sagt. Die Versuchung sei gross gewesen, auch Dekoartikel und Ähnliches ins Sortiment aufzunehmen, aber er habe bewusst entschieden, ganz auf die Kernkompetenz Floristik zu setzen.

«Als ich das Geschäft übernommen habe, machten wir etwa 70 Prozent des Umsatzes im Laden, den Rest im Hintergrund; etwa durch Blumenlieferungen an Firmen oder für Anlässe. Heute haben sich die Umsatzanteile nahezu umgekehrt.» Das Einkaufsverhalten hat sich verändert: Blumen bekommt man heute auch im Aldi, beim Denner, bei Ikea. Und im Aarauer Bahnhof gibt es seit einigen Jahren ein Blumengeschäft, das an 7 Tagen pro Woche offen hat.

Dem Linder-Umsatz hat Letzteres nicht geschadet; auch, weil der neue Bahnhof grössere Kundenfrequenzen gebracht hat. Stefan Linder: «Zu uns kommt man nicht, wenn man auf die Schnelle einen Blumenstrauss braucht, sondern wenn man etwas Ausgesuchtes, Individuelles möchte.» – «Wir bieten kompetente Fachberatung und ein Lächeln», ergänzt Antoinette Baumberger. Die beiden wissen, was man seit Generationen über ihr Geschäft sagt: «Der Grossmann – und später der Linder – ist hochpreisig, aber er hat die grösste Auswahl und die beste Qualität.»