Aarau

Das Multikulti-Schulhaus neben den «Staumauern» wird 25 – die dienstälteste Lehrerin blickt zurück

Das Primarschulhaus Telli ist eine Welt für sich – und schon 25 Jahre alt. Zeit für einen Schulbesuch bei der dienstältesten Lehrerin, Ursula Gautschi.

Ganz bescheiden hat das Primarschulhaus Telli seinen Geburtstag gefeiert. Ein Vierteljahrhundert lang gibt es das wohl multikulturellste Schulhaus in Aarau bereits – Zeit für einen Schulbesuch bei der dienstältesten Lehrerin, Ursula Gautschi. Schon seit 20 Jahren unterrichtet sie im Telli-Schulhaus, derzeit Werken und Textiles Werken. «Es kommt mittlerweile vor, dass ich die Kinder meiner ehemaligen Schüler in der Klasse habe», sagt sie am Tisch ihres heimeligen Schulzimmers, in dem den Besucher das Gefühl beschleicht, es habe sich in seiner Buntheit seit 25 Jahren kaum verändert.

Das Telli-Schulhaus entstand nicht nur, weil der Stadtrat jedem Quartier seine eigene Primarschule versprochen hatte, sondern vor allem, weil die Telli in den 70er- und 80er-Jahren massiv gewachsen war: die Staumauern, das Aaredörfli und ein paar Einfamilienhäuser. Langfristig hatte das Schulhaus im Scheibenschachen nicht mehr genug Platz für all die vielen Kinder aus dem Quartier ennet der Aare. Also mussten in der Telli Schrebergärten für eine neue Primarschule weichen. Im späteren Schulgarten, der mittlerweile ebenfalls dem Zeitgeist und dem Platzmangel zum Opfer gefallen ist, habe man noch jahrelang uralte Herdöpfel ausgegraben, erinnert sich Ursula Gautschi.

Der Anteil fremdsprachiger Kinder ist hoch

Am 9.8.1994 zogen die Schüler feierlich vom Aareschulhaus im Scheibenschachen über den Zurlindensteg, ihrem neuen Telli-Schulhaus entgegen, die Siebensachen in Bündeli geschnürt und auf Leiterwagen gepackt. Fünf Klassen, zehn Angestellte – die Dimensionen waren überschaubar. Heute zählt die Schule 38 Mitarbeitende, 11 Klassen, 200 Schüler und 80 Kindergärtler.

Etwa acht von zehn Schülern sind nicht deutscher Muttersprache, der Nationenmix ist sehr heterogen. «Mir ist das eigentlich egal – für mich sind es einfach Kinder, mit denen ich arbeite», sagt Gautschi. «Wer das anders sieht, bewirbt sich hier wohl nicht für eine Stelle.» Im Gespräch sagt sie oft: «Die Kulturen sind halt unterschiedlich.» Oder: «Bei ihnen zu Hause macht man es halt so.» Nur ein einziges Mal habe sie erlebt, dass die Multinationalität zu einem gröberen Konflikt geführt hatte: Als sich zwei Kinder verschiedener Nationalitäten heftig stritten. Gautschi erinnert sich auch, dass ein Bub im Unterricht erzählte, wie er in den Ferien auf Zypern die Raketen über Syrien sah – ungeachtet dessen, dass neben ihm ein syrisches Flüchtlingsmädchen sass. «Da habe ich schon einen Moment leer geschluckt. Und dann den Krieg mit den Kindern thematisiert.»

Die zentrale Veränderung im Telli-Schulhaus kam 2002: das städtische Siedlungsentwicklungsprojekt «Allons-y Telli». Die immer zahlreicher werdenden ausländischen Familien sollten besser integriert und in eine Gemeinschaft geführt werden. Viele Projekte daraus laufen noch heute, oft in Zusammenarbeit mit dem Gemeinschaftszentrum. Es gab Deutschkurse für Eltern und Kinder, Adventssingen im Quartier, ein Musical – «Ein Riesenbrocken in der Organisation, aber es ist genial geworden», sagt Gautschi –, eine Ernährungswoche als Massnahme gegen Schoggistängeli und Chips. Die Eltern der ausländischen Kinder hätten sehr gut mitgemacht, sagt Gautschi. Und: Die Primarschule Telli bekam als erste im Kanton eine Schulsozialarbeiterin. «Das war und ist ein ganz grosser Gewinn», betont Ursula Gautschi.

Die Primarschule Telli hat mittlerweile einen Schülerrat institutionalisiert. Je zwei Kinder pro Klasse werden in den Rat gewählt. Demokratie für Anfänger. «Es ist zentral, dass Kinder zu Wort kommen», betont Gautschi. «Sie haben nämlich schon etwas zu sagen, wenn man ihnen zuhört.» Der herumliegende Abfall auf dem Spielplatz beschäftigt die Schüler beispielsweise. Und: «Sie haben einen Pausenkiosk initiiert. Einmal im Monat wird er abwechselnd von einer Klasse bereitgestellt. Die Schülerinnen und Schüler wetteifern darum, wer die schönsten Gemüse- und Früchtespiessli macht. Viele backen auch gerne.»

Legendäre Feiern auf dem Schulhausdach

In der Telli feiert es sich auch gut. Das Fest zum zehnjährigen Bestehen des Schulhauses ist Ursula Gautschi in lebhafter Erinnerung. «Draussen auf dem Parkplatz wurde ein riesiges Kulturendessert-Buffet aufgebaut. Es kamen Massen von Leuten, ich habe nur noch gestaunt.»

Ein beliebter Festplatz für die Lehrpersonen war das Schulhausdach. Auch wenn sie mitunter von neugierigen «Staumauer»-Bewohnern per Feldstecher beobachtet wurden. Doch das ist vorbei. 2014 wurde das Schulhaus um ein Geschoss aufgestockt. Und das neue Dach ist bedeckt von Solarpanels. «Der Verlust der Dachterrasse hat uns schon gereut», sagt Gautschi.

Aber: Seit dem Umbau gibt es eine Bibliothek. Für Ursula Gautschi, gelernte Buchhändlerin, eine wichtige Errungenschaft. Denn hier haben die Schüler Zugang zu Büchern aller Altersstufen und nicht nur zum Fundus ihrer Klassenperson. «Es kommt durchaus vor, dass ein fremdsprachiger Drittklässler ein Buch für Erstklässler auswählt. Das ist egal – Hauptsache, das Kind liest.»

Im Sommer wird es heiss in den Zimmern

Es kommt Ursula Gautschi fast kein kritisches Wort über die Lippen, wenn sie von ihrem Arbeitsplatz spricht. Höchstens zur Infrastruktur. Alle Klassenzimmer liegen Richtung Süden, im Sommer werde es hier «grauenhaft heiss», sagt sie. Und die Lehrerin ist auch kein Fan vom mannshohen Fenster neben jeder Klassenzimmertür. «Es hat schon Kinder, die choge oft aufs WC müssen, wenn draussen auf dem Gang etwas läuft.»

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