Aarau
Das Mekka der Schweizer Freestylesport-Szene zügelt in die Telli

Der Aarauer Skatepark «Rolling Rock» packt im Oktober seine Siebensachen und zieht in die neue Halle in der Telli. Damit endet eine Ära, die vor 18 Jahren begann. Mehrere hundert Schulklassen aus der ganzen Schweiz kamen Jahr für Jahr hierher.

Katja Schlegel
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Noch stehen erst die Holzkonstruktionen im neuen «Rolling Rock» in der Telli. Geschäftsleiter Simon Eichenberger freut sich aufs Einrichten.

Noch stehen erst die Holzkonstruktionen im neuen «Rolling Rock» in der Telli. Geschäftsleiter Simon Eichenberger freut sich aufs Einrichten.

Jiri Reiner

Noch riecht es in der gewaltigen Halle nicht nach feuchten Socken. Es riecht nach Holz, nach heimelig. Noch vor sechs Wochen war die einstige Lagerhalle leer, jetzt sind Zwischenböden, Wände, Banden drin. Sie skizzieren, was Mitte Dezember fixfertig sein soll.

Den Rest malt Simon Eichenberger, Geschäftsleiter der Rolling Rock AG, dazu: Als würde er im Geiste sein Wohnzimmer neu einrichten, marschiert er herum, markiert mit ausgestreckten Armen Kletterwände, Rampen und Verkaufstheke, hier kommt der Eingangsbereich hin, da die Skatebahn, hier die Beachvolley-Halle, dort ein Lift in den oberen Stock, da oben die Toilettenanlagen mit Duschen, der Breakdance-Raum, die Trampoline.

Ausgetanzt: Lichterlöschen auch im Zoo Club

Der Zoo Club, der im Keller des «Rolling Rock» eingemietet ist, muss ebenfalls ausziehen. Ab heute Donnerstag verabschiedet sich das Zoo-Team mit einer dreitägigen Abschiedsparty von seinen Gästen: Heute Abend gibt es Hip-Hop und R’n’B auf die Ohren, am Freitag Ghettofunk und am Samstag Deep’n’Techhouse.

Der Abschied kommt abrupt: «Eigentlich wollten wir am Samstag mit der ersten Party nach der Sommerpause die neue Saison einläuten», sagt Dominic Zimmerli, der den Zoo Club vor drei Jahren mit Giuseppe Guarino und weiteren Aktivisten als Verein gegründet hat. «Wir dachten, dass wir bis Ende Jahr bleiben können.» Doch jetzt ist der Räumungsbefehl der HRS früher gekommen – auch wenn es wegen der Beschwerde gegen die Stadionbewilligung sein kann, dass das Gebäude noch jahrelang steht.

«Darauf, dass wir wegen der Beschwerde länger bleiben könnten, wollten wir uns aber nicht verlassen und haben mit der Suche nach einer neuen Location begonnen», sagt Zimmerli. Er ist überzeugt: «Auch wenn jetzt das Kapitel mit dem Zoo im Torfeld Süd zu Ende geht, braucht Aarau einen Club wie diesen.» (ksc)

«Hier kann ich mich mit meinen Ideen austoben», sagt Eichenberger und grinst. Erfahrungswerte aus 18 Jahren könne er in diese Halle packen, «ein Traum wird wahr». Platz genug hat Eichenberger ja; rund 2200 Quadratmeter Fläche stehen ihm in der Halle an der Neumattstrasse in der Telli zur Verfügung, rund 1000 mehr als im Torfeld Süd. Und doch sei die Planung mitunter eine Millimeterarbeit gewesen, da wurde versetzt und gequetscht, umgestellt und verworfen. Doch jetzt hat alles sein Plätzchen. Die Skater, die Beachvolleyballer, die Rollhockeyaner, die Breakdancer, die Kletterer, alle sind sie in einer einzigen Halle glücklich. Polysportiv nennt man ein solches Angebot.

Noch dauert es aber drei Monate, bis sich die Trendsportler hier austoben können. Erst sind noch die Handwerker gefragt. Und die Zügelmänner. Ein Teil der Halfpipe-Anlage aus der Halle im Torfeld Süd soll saniert und in der Halle in der Telli wieder aufgestellt werden. Dazu wird die Anlage Mitte Oktober geschlossen, der Shop in der Halle bleibt noch bis Mitte Oktober offen.

Kunden aus der ganzen Schweiz

Es ist eine Ära, die mit dem Umzug zu Ende geht. Über 18 Jahre ist es her, seit Simon Eichenberger und Thomas Georg, beide 27 Jahre alt und mit etwas Geld im Sack, auf die aus den USA herüberschwappende Inline-Welle aufsprangen und beschlossen, eine Skaterhalle zu eröffnen – obwohl sie selber nicht skaten konnten. Die Halle im Industriequartier war schnell gefunden, die Finanzierung irgendwann auch gestemmt. Und so eröffneten die beiden am 30. August 1996 das «Rolling Rock», überzeugt davon, genau das Richtige zu tun.

2,63 Millionen Franken...

... kostet das Trendsportart-Projekt in der stadteigenen Halle an der Neumattstrasse 26 in Aarau. Im Dezember 2013 hat der Einwohnerrat einen Finanzierungsbeitrag von 2,23 Millionen zugesprochen, davon 1,11 Millionen als verzinstes, rückzahlbares Darlehen. 200 000 Franken übernimmt die Rolling Rock AG, weitere 200 000 Franken hat der Kanton zugesichert. Die Eröffnung der neuen Sport- und Freizeitstätte ist auf Mitte Dezember geplant.

Taten sie auch. Rund 300 Schulklassen aus der ganzen Schweiz kommen heute jedes Jahr ins «Rolling Rock», gleich viele Geburtstage werden hier jährlich gefeiert, 20 000 Eintritte werden jeweils gezählt. 2005 trat Georg aus der AG aus und gründete den Kraftreaktor in Lenzburg, der ehemalige Lehrling Patrick Studer trat ein.

2007 eröffneten Eichenberger und Studer den Rolling-Rock-Shop in der Rathausgasse, der Onlinehandel wurde ausgebaut. Das «Rolling Rock» wurde zum Mekka der Schweizer Freestylesport-Szene. Hierher kommen Kunden aus dem Tessin und dem Welschen, weil es hier Freestyle-Scooter-Ersatzteile gibt, die man schweizweit sonst nirgends kaufen kann. Und dazu gibts Chäschüechli für dreieinhalb und Hotdogs für fünf Stutz, noch so günstig wie bei der Eröffnung vor 18 Jahren, nur der Eintrittspreis hat irgendwann von 6 auf 7 Franken aufgeschlagen.

Keine schlaflosen Nächte

Schlecht geschlafen habe er all die Jahre nie, sagt Eichenberger. Selbst in den letzten Jahren nicht, als das Hin und Her wegen des Stadionneubaus, mit polysportiver Mantelnutzung oder ohne, für eine Verzögerung nach der anderen sorgte. Seit Jahren schon stehen die Profilstangen auf dem Dach des «Rolling Rock», genau hier soll das Stadion irgendwann einmal zu stehen kommen. Und dann immer die bange Frage, wohin mit dem «Rolling Rock»? Wo lässt sich eine zweite solche Sporthalle einrichten?

Doch selbst diese Ungewissheit habe nicht übermässig an ihm genagt, sagt Eichenberger. «Ich hatte mit dem Online-Handel und dem Shop an der Rathausgasse ja weitere Geschäftsfelder, weitere Standbeine aufgebaut.» Aber ja, sagt er dann doch, erleichtert sei er schon gewesen, als die Stadt ihm die Halle in der Telli anbot. Die Zukunft der Skateanlage habe ihm schon sehr am Herzen gelegen: «Die Halle ist meine Leidenschaft.»

Auch wenn das Kapitel «Torfeld Süd» in ein paar wenigen Wochen zu Ende ist; Rührseligkeit kommt bei Eichenberger keine auf. Das ist nicht seins. «Ich nehme viele gute Erinnerungen mit, trauere dem Vergangenen aber nicht nach.» Er freue sich auf das, was kommt. Und ganz besonders auf eines: 18 Winter lang haben Eichenberger und sein Team in der zugigen Halle im Torfeld Süd Tag für Tag geschlottert. Künftig wird es ihnen wohlig warm sein.