Aarau
Das literarische Kronengasse-Quartett feiert sein Bestehen

Sie ist, was sie ist: ein Ort, an dem man Bücher kaufen kann – seit 20 Jahren. Die letzte kleine Buchhandlung der Stadt feiert ihr 20-jähriges Bestehen mit einem Fest.

Aline Wüst
Merken
Drucken
Teilen
In den Bücherregalen von Christina Roca, Anja Wyss, Kathrin Richter und Ursina Bohner (v.l.) steht nur, was ihnen auch selber gefällt. Chris Iseli

In den Bücherregalen von Christina Roca, Anja Wyss, Kathrin Richter und Ursina Bohner (v.l.) steht nur, was ihnen auch selber gefällt. Chris Iseli

Vier Buchhandlungen gibt es in Aarau. Lüthy am Bahnhof, benannt nach den Besitzern. Zwei grosse Thalia-Filialen. Thalia – Göttin der Muse. Die dritte Buchhandlung heisst Kronengasse. Wie die Strasse, an der sie steht. Sie muss nicht kokettieren.

Die beiden Inhaberinnen. Kathrin Richter und Christina Roca lassen sich gern von guter Sprache verführen. Flatterhaft sind sie nicht. Sie haben klare Grundsätze. Erstens: Bücher, die nicht gefallen, werden nicht fertig gelesen. Man müsse im Leben genug oft durchhalten. Zweitens: Birkenstocks werden im Laden nicht getragen. Denn sie lieben schöne Schuhe. Drittens: egal, wenn ihre Lernenden in der Lehrabschlussprüfung nur knapp durchrutschen. Hauptsache sie haben eine Leidenschaft für Bücher – die letzte Lehrtochter hat trotzdem als zweitbeste abgeschnitten. Viertens: Es hat immer genug Schokolade – und Wein. Und der allerwichtigste Grundsatzsatz und gleichzeitig Erfolgsrezept: Am Lager sind nur Bücher, die ihnen gefallen.

Die Aarauer Schriftstellerin Claudia Storz sagt über die vier Frauen: «Sie sind vif, belesen, freundlich und machen es möglich, dass Bücher aus allen Ländern der Welt schnell da sind, wenn sie denn einmal etwas nicht an Lager haben. Und das alles – notabene! – ohne einem der unsäglichen Multis anzugehören.» Ein schönes Kompliment. Das Allerschönste sei aber, wenn ein Kunde sage, dass ihm das Buch gefallen hat, dass sie ihm das letzte Mal empfahlen. «Dann ist mein Tag gerettet», sagt Ursina Boner (41) , die seit 13 Jahren in der «Kronengasse» arbeitet. Was die Buchhändlerinnen ärgert: «Wenn Kunden bei jedem Buch fragen, ob wir es gelesen haben.

Jean Paul spricht

Richter und Roca übernahmen die Buchhandlung von Hans Christoph Sauerländer. Die siebte Lehrtochter wird zurzeit ausgebildet, unzählige Bücher haben sie gelesen und verkauft. Nicht umsonst liest man neben den Verkaufstresen einen Spruch von Jean Paul: «Dem Buchhändler gefallen keine Bücher, die bei ihm bleiben.» Die Buchhänderinnen sind eben auch Geschäftsfrauen. Deswegen gab es auch schon schlaflose Nächte. Als die Buchpreisbindung aufgehoben wurde oder der Euro purzelte.

Die schlimmen Nummern

Will eine der Frauen von den Kinderbüchern im Keller in den Pausenraum, muss sie vier Treppen hinaufsteigen. Und die Frauen tun es fast nie, ohne irgendwo noch ein paar Bücher zurechtzurücken. Es gibt noch andere Eigenheiten. Ist ein Buch nicht lieferbar, raunen sie sich Nummern zu. «V102», ein Buch fehlt kurzfristig bei der Auslieferung. «N145» –schlimm! Das Buch ist vergriffen. Das Überleben sichert der Buchhandlung auch der Verkauf von Schulbüchern. «Eine strenge, wichtige Zeit.»

Über all den Büchern und gleich unter dem Dach wohnt der Fotograf Werner Erne. Seine Haustür ist die Tür der Buchhandlung. «Mein Heimweg ist ein literarischer», sagt Erne, der mittlerweile zur Buchhandlung, gehört. Ganz leise dringen Radiolaute aus seiner Wohnung in den Pausenraum, wo jeweils entschieden wird, welche Bücher später die Regale füllen. Zweimal im Jahr sitzen die Verlagsvertreter am grossen Tisch, zeigen ihre Bücher und bringen den neusten Klatsch aus der kleinen Welt des Buchhandels in die «Kronengasse». Denise Mosimann vom Diogenes Verlag ist eine davon. Sie sagt über die Inhaberinnen: «Sie leben das, was den Beruf der Buchhändlerin ausmacht, sie sortieren und suchen aus den Unmengen neuer Titel diejenigen aus, die ihnen und ihrer Kundschaft gefallen.» Roca ruft von unten: «Wann kommt der neue Roman von Handke. Richter ruft zurück: «In zwei Wochen. Du, dem Urs müssen wir den dann auf die Seite legen.»

Die Buchhändlerinnen, die von sich sagen, dass sie manchmal krampfen wie verrückt, feiern heute ab 18 Uhr ihr Jubiläum im Kunstraum A7 in Rombach. Sie sind aufgeregt. Was sie erwartet, wissen sie nicht. Dafür weiss jede von der anderen, was sie anziehen wird – Birkenstock wird keine tragen.