Stadtratswahl
"Das ist ja schlimmer als bei der Papstwahl" – der Wahlkrimi in Aarau ist noch nicht entschieden

Eine gefühlte Ewigkeit lang mussten die Stadtratskandidatinnen und -kandidaten, Parteimitglieder, Freunde und Stimmbürger am Sonntagnachmittag auf die Resultate warten. Ein Stimmungsbericht zwischen Apéroplatten, Luftballonen und Weissweingläsern.

Katja Schlegel
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Die aktuelle Stadtpräsidentin Jolanda Urech (links) gratuliert ihren SP-Parteikollegen Daniel Siegenthaler und Franziska Graf-Bruppacher zur Wahl.
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Wahlen Aarau
Die Präsidiumskandidaten Daniel Siegenthaler (l.), Angelica Cavegn Leitner und Hanspeter Hilfiker.
Simon Burger bedauert sein schlechtes Ergebnis. Die Korken liess er im «Schützen» trotzdem knallen.

Die aktuelle Stadtpräsidentin Jolanda Urech (links) gratuliert ihren SP-Parteikollegen Daniel Siegenthaler und Franziska Graf-Bruppacher zur Wahl.

Katja Schlegel

Daniel Siegenthaler ballt die Fäuste. «Hopp Aarau» bricht es aus ihm heraus, und die Menge vor dem «Gossip» in der Rathausgasse jubelt zurück, da werden Küsschen verteilt und Sonnenblumen, da wird umarmt und gratuliert, da wird ein Tränchen weggeblinzelt, dort schlottert ein Kinn hinter vorgehaltener Hand. Die Erleichterung ist gewaltig, der Druck, der abfällt auch. Nicht nur der Wahlkampf war lang, das Warten auf die Ergebnisse am Sonntagnachmittag hat die Nerven überstrapaziert.

Stunden vorher. Die Gassen sind voll, man geniesst den Spätsommer, schleckt Glace. Oder man tigert ungeduldig vor dem Schaukasten vor dem Rathaus auf und ab. Und wartet. So wie Hanspeter Hilfiker. Wo Kandidaten, Parteimitglieder und Freunde in Restaurants auf die Resultate warten, leeren sich langsam aber sicher die Apéroplatten.

Die Minuten wollen nicht verstreichen, wieder ein rascher Blick aufs Natel, wieder ein Kopfschütteln in die Runde. Es ist unerträglich. Wie die Zeit totschlagen? «Mit Trinken.» Geht die Tür des Rathauses auf, fliegen die Köpfe herum. Fehlalarm, einmal mehr. «Das ist ja schlimmer als bei der Papstwahl», sagt einer. Wieder geht die Tür auf, wieder tritt den Wartenden nur ein verdutztes Gesicht entgegen.

Das Lauffeuer geht um

16.20 Uhr, die ersten Telefone klingeln. Aufregung in der Pelzgasse. Die Mitteilung geht um wie ein Lauffeuer, Angelica Cavegn Leitner soll es in den Stadtrat geschafft haben, für das Präsidium brauche es einen zweiten Wahlgang.

Freude vor dem «Theo» in der Pelzgasse, wo «Pro Aarau» feiert, doch die Ungeduld hält an. Wer hat es noch geschafft? Franziska Graf-Bruppacher eilt ins «Gossip», ist sie gewählt? Graf zuckt mit den Schultern, noch hat ihr Telefon nicht geklingelt. Dann endlich. 16.39 Uhr. Die Würfel sind gefallen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hängen die Zettel mit den Wahlresultaten im Schaukasten. Die drei Stadtpräsidiumskandidaten beglückwünschen sich vor dem Rathaus gegenseitig. Geschafft hat es keiner der drei. Chancen sehen zwei. Für Cavegn ist klar: Sie überlässt Hilfiker und Siegenthaler den Kampf.

Das sagt sie Minuten später auch im Kreis ihrer Freunde vor dem «Theo». «Kann man dich nicht noch bearbeiten?», fragt jemand, aber Cavegn schüttelt den Kopf. Und bläst bereits wieder zum Angriff: Die Einwohnerratswahlen stehen bevor. Am Sonntagabend noch würden die Listen verschickt, um festzumachen, wer wann am Stand steht oder Plakate hängt. Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Ein Zwei-Flaschen-Weinabend

«Heute ist ein Zwei-Flaschen-Weinabend», sagt eine vor dem «Petite Italie» am Rain – und sagt damit eigentlich alles: Silvia Dell’Aquila («Für unser Aarau») hat die Wahl verpasst. 165 Stimmen liegt sie hinter Suzanne Marclay-Merz (FDP) zurück, 3453 Stimmen hat sie gemacht. «Als Parteilose ist das ein gutes Resultat», sagt Dell’Aquila. Aber es sei schade, dass wiederum viele Leute nicht im Stadtrat vertreten sind.

Für einen, der nebenan am Geländer lehnt und in die Sonne blinzelt, ist klar, was zur Nichtwahl geführt hat: «Es darf in Aarau einfach nicht zu laut sein. Schade.» Mit dieser Niederlage hat sich das Thema Politik für Dell’Aquila erledigt. Fertig lustig, aus die Maus. «Ich hänge die Politik an den Nagel», sagt sie und nimmt einen Schluck. Ein Zwei-Flaschen-Weinabend, die Kollegin hatte es ganz richtig gesagt.

165 Stimmen weiter vorne ist die Welt in bester Ordnung: Vor dem Hotel Kettenbrücke am Zollrain stehen Suzanne Marclay-Merz und Hanspeter Hilfiker inmitten von FDP-Parteikollegen und Freunden – derweil Hanspeter Thür mit einem ganzen Büschel Luftballons winkend vorbei in die Stadt zieht –, und nehmen Gratulationen entgegen. Gross ist die Freude über die Wahl, über das Halten des zweiten Sitzes. Und gross ist Marclays Freude darüber, dass der Wahlkampf für sie nun vorbei ist. «Ich freue mich, am Samstag nun endlich wieder einmal über den Markt spazieren zu können», sagt sie und lacht.

Nicht ums herzhafte Lachen ist es Simon Burger. Er ist auf dem letzten Platz gelandet, die SVP ist damit künftig nicht mehr im Stadtrat vertreten. Das nagt. «Natürlich gewinnt man lieber», sagt Burger. Aber er könne diesem Wahlergebnis auch das Gute abgewinnen: die Arbeit im Einwohnerrat. «Als Einwohnerrat kann ich mehr meine eigene Linie fahren.» Burgers Wahlkampfleiter Beat Krättli doppelt nach: «Für uns wird es einfacher; wir können breiter denken, quer denken. Und wir können den Finger auf die Punkte legen, wo wir es für nötig halten.» Die Korken knallen lassen die Burgers am Sonntagabend im «Schützen» trotzdem: Simon Burgers Frau Nicole hat die Wahl in den Kreisschulrat Aarau-Buchs geschafft.

Nicht aus der Ruhe gebracht hat dieser Wahlsonntag nur einen: Werner Schib (CVP). Er habe auf dem Sofa auf die Ergebnisse gewartet, erzählt er im «Riviera». Woher diese Gelassenheit? Schib lächelt. «Nach all den Jahren kommt die wie von alleine.»