Aarau

Das gemalte Kreuz bleibt – und auch Marias Zehen bleiben farblos

Claire Rast über die Madonna und weshalb Abnützungsspuren auch nach der Restauration noch zu sehen sein sollen.

Claire Rast über die Madonna und weshalb Abnützungsspuren auch nach der Restauration noch zu sehen sein sollen.

Die Madonna aus der Pfarrkirche wird restauriert – in neuem Glanz erstrahlen darf sie aber nicht, verrät die Restauratorin Claire Rast.

Irgendjemand hat der Madonna mit einem unglücklich platzierten Kerzlein den vergoldeten Umhang versengt. Und dem Jesuskindlein klebt der Schmutz nach abertausenden Streicheleinheiten so dick auf Wange und Oberarm, dass das Fleischfarbene ergraut ist. Doch nicht nur die Gläubigen haben der Marienstatue zugesetzt, auch der Zahn der Zeit hat an den Heiligen genagt, hat Risslein ins Holz gesprengt und Farbe abplatzen lassen. Und deshalb blicken Maria und das Kind aktuell nicht auf Aarauer Kirchenbänke der Pfarrkirche Peter und Paul, sondern in prächtige Oltner Gärten. Hier, im Atelier von Claire Rast, werden sie seit Anfang Juli restauriert.

Wenn Claire Rast arbeitet, dann tut sie das wie eine Chirurgin: mit Skalpell und Tupfer, mit Klemme und Lupe – und einer unglaublichen Sorgfalt. Sie kennt jeden Quadratzentimeter der Figur, kennt von jedem Material die chemischen Eigenschaften, weiss, ob sich die Farbe mit Wasser, Alkohol oder Aceton lösen lässt. Ausserdem wird jeder Schritt dokumentiert und jede verwendete Substanz notiert, damit die künftigen Restauratoren wissen, womit sie es zu tun haben.

Ein neuer Daumen für Maria

Die auffälligsten Mankos wurden bereits von Schnitzerin Selina Gentinetta beseitigt: Die Madonna hat ihren Daumen wieder, das Jesuskind seinen Mittelfinger. Die beiden ergänzten Teile passen so genau, dass die Korrektur kaum erkennbar ist. Gerade reinigt Rast mit einem Schwämmchen die Oberflächen von Russ, Fett, Wachs und Staub. Ganz sorgfältig, bedächtig. «Man braucht Geduld für diese Arbeit», sagt sie. «Geduld, Neugierde und Respekt dem Objekt gegenüber mit seiner Beschaffenheit.»

Bei jedem Arbeitsschritt überlegt sich Rast, wie weit sie mit ihrer Arbeit geht: Die fehlende rechte Pupille der Madonna wird sie retuschieren, ebenso die abgeplatzten Stellen an Nase und Lippen. «So kann ich den Gesichtsausdruck wieder lesbar machen.» Ansonsten wird sie sich zurückhalten, höchstens kleinste Fehlstellen farblich retuschieren und lose Farbschichten fixieren. Übermalt wird nichts.

«Nach getaner Arbeit wird die Figur nicht ‹in neuem Glanz› erstrahlen», sagt Claire Rast. Würde sie das, hätte sie etwas falsch gemacht. «Ich konserviere. Ich sichere das, was ist.» Früher hätte man jede Ritze, jedes abgeplatzte Stück gespachtelt, grundiert und neu vergoldet oder die Gewänder komplett übermalt. Heute lässt man diese Schrammen, diese Lebensspuren. Rast überlegt bei jedem Makel aufs Neue, wie weit sie mit ihrer Arbeit geht: Das Kreuz, das jemand in die Hand der Maria gemalt hat, bleibt. Ebenso wie die farblosen Zehen, die will Rast nur mit Lack schützen, damit nicht noch mehr Substanz verloren geht. Auch die Brandspur wird nicht ganz verschwinden, genauso wenig wie die verrussten Fingerspitzen des Jesuskindleins.

Ein Recht auf Geschichte

Warum solle sie solche Spuren auch verschwinden lassen, fragt Rast, und streicht dem Jesus mit der behandschuhten Hand über den Locken-Blattgold-Kopf. Schliesslich sei die Figur rund 400 Jahre alt. «Sie hat ein Recht auf ihre Geschichte. Würde man die Spuren übermalen, würde die verloren gehen.» Man dürfe ruhig sehen, dass die Füsse der Madonna tausendfach berührt wurden – und diese Berührungen tausendfach Trost und Kraft gespendet haben. «Indem ich der Figur diese Spuren lasse, zolle ich ihr Respekt. Ihr und den Gläubigen.»

Und doch schlagen zwei Herzen in ihrer Brust: «Aus Sicht der Gläubigen ist es toll, dass die Figur Teil ihres Lebens ist, ein greifbarer Teil.» Aus historischer Sicht sind die Berührungen heikel, sie schaden der Substanz, genauso wie schwankende Raumtemperaturen, mangelnde Luftfeuchtigkeit und Licht. Welches Interesse denn nun höher zu gewichten ist, darüber möchte sie im Moment nicht urteilen.

Madonna wird innig vermisst

Lange müssen die Gläubigen nicht mehr auf ihre Madonna warten. Diese Woche wird sie in die Kapelle der Pfarrkirche zurückkehren, pünktlich zur Feier von Mariä Himmelfahrt. Und bald folgt ihr die hölzerne Skulptur des Heiligen Antonius. Auch diese Figur musste restauriert werden, dem Schutzpatron der Suchenden fehlt seit Jahrzehnten die linke Hand. «Aufgrund von Erinnerungen von Sakristan Hans Henzmann gehen wir davon aus, dass Antonius ein Brot in der Hand hielt», sagt Claire Rast. Diese Hand wird ebenfalls von Schnitzerin Selina Gentinetta angefertigt.

Obwohl für die Madonna dank der Kölliker Marienstatue ein Ersatz gefunden worden war, freut sich Priester Adrian Bolzern auf die Rückkehr. «Die Gläubigen vermissen ihre Madonna sehr», sagt er. So sehr, dass sogar Tränen geflossen sind. «Auch wenn die Kölliker Maria ein schöner Ersatz ist, so ist sie doch nicht unsere.»

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