Aarauer Kettenbrücke

Das Gefühl der bebenden Brücke ist geblieben

Die Kurbeln für das Verschieben der Brücke sind gesetzt.

Die Kurbeln für das Verschieben der Brücke sind gesetzt.

Peter Studers Vater hat im Bad die Fotos vom Abbruch der Aarauer Kettenbücke entwickelt.

«Komm», hatte die Grossmutter gesagt und ihn auf die Brücke gezogen. «Bleib stehen und fühle, was passiert.» Und der siebenjährige Peter blieb stehen und fühlte. Fühlte unter den Füssen, wie das Fuhrwerk die marode Brücke beben liess, wie die Bretter unter dem Gewicht nachgaben. Ein Gefühl, das Peter Studer nicht vergessen hat, auch wenn es Jahrzehnte her ist.

Heute gibt es diese Brücke, die originale Aarauer Kettenbrücke, längst nicht mehr. 70 Jahre ist es her, seit die neue Aarebrücke eingeweiht wurde, die nun ihrerseits dem Abbruch geweiht ist. Doch das Interesse für die Brücken ist ungebrochen. Und als Peter Studer kürzlich mit dem Bus über die Kettenbrücke fuhr und die aktuellen Bauarbeiten sah, da kam ihm in den Sinn, dass sein Vater Franz Studer die ursprüngliche Kettenbrücke ja noch fotografiert hatte.

Die Männer kurbelten bis kurz vor Mitternacht

Die Bilder gibt es noch immer, fein säuberlich im Album eingeklebt. Vater Franz sei ein begeisterter Fotograf und Filmer gewesen, sagt Studer, auch im Auftrag seines Arbeitgebers, der Elektrizitätswerke Aarau (heute Eniwa). «Im Badezimmer wurden die Filme dann entwickelt», erinnert sich Peter Studer, «auf einem Brett, das über die Badewanne gelegt wurde.»

Die Bilder von Franz Studer zeigen die Kettenbrücke kurz vor der Verschiebung der Fahrbahn im September 1948. Die Ketten sind bereits abgetrennt, die elf Kurbeln für das Verschieben bereits gesetzt. «Je zwei Mannen haben gekurbelt, um die Fahrbahn auf die Ersatzbrücke zu schieben», erinnert sich Peter Studer an die Erzählungen des Vaters.

Kurz vor Mitternacht und nach zweieinhalb Stunden Kurbeln war die Fahrbahn um 15 Meter verschoben. Emsig wurden nun die bereitgestellten Zufahrtsrampen an die Fahrbahn gezimmert und Wasser- und Telefonleitungen schnellstens angeschlossen. Bereits um 6 Uhr in der Früh konnten die ersten Fahrzeuge über die Notbrücke fahren.

Besonders beeindruckt haben den Buben damals die Arbeiten an den Brückenpfeilern, die unter Wasser geschalt, armiert und betoniert wurden. Diese wurden im Caisson-Verfahren gebaut: Ein sogenannter Senkkasten wurde ins Flussbett gerammt und das Wasser abgesaugt, sodass die Arbeiter im Trockenen unter Wasser arbeiten konnten.

«Über zwei Schleusen wurden dann Kies und Sand herausbefördert», sagt Studer. Noch heute überkomme ihn eine gewisse Ehrfurcht, wenn er daran denke, was die Arbeiter damals geleistet hatten. «Brücken sind ein Jahrhundertwerk.» Bloss, gefallen tut ihm die aktuelle Brücke nicht. «Das ist halt einfach eine Brücke. Kein Vergleich zur schönen, alten Kettenbrücke.»

Valli-Dampfwalzen für den Belastungstest

Peter Studer war natürlich auch dabei, als die neue Brücke am 6. November 1949 eingeweiht wurde. «Als das Band durchschnitten war, durften wir mit unserer Lehrerin, Fräulein Matter, einmal hin- und zurücklaufen.» Als Belastungstest waren davor sechs Dampfwalzen von Valli (mit einem Gewicht von je zwischen zwölf und 15 Tonnen) auf die Brücke gefahren worden, sagt Studer und strahlt.

«Das alles hat mich geprägt», sagt er. Studer ist nicht nur ebenfalls begeisterter Hobby-Fotograf wie sein Vater, er ist auch Mitglied des Dampfwalzen-Teams Aarau, das sich um die zehn Valli-Dampfwalzen mit Jahrgängen zwischen 1928 bis 1934 (sieben davon fahrtauglich) kümmert.

Gebrochen ist beim Belastungstest tatsächlich was, wenn auch nicht an der Brücke: Eine der tonnenschweren Walzen erlitt auf der Brücke einen Bolzenbruch und musste von einem Lastwagen abgeschleppt werden.

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