Aarau

Das «Festival am Gleis» feiert die Vielfalt

«Ein Open Air mitten in der Stadt» – ein nicht kommerzieller Event erfuhr auf dem Wenk-Areal in Aarau seine Premiere.

Musik weht über die Wiese – und Lachen, der Abend ist noch jung. Neben Feuerschalen und einem besprayten Wohnwagen köchelt Risotto in einem grossen Topf. Die Zeltdorf-Atmosphäre wird nur durchbrochen von den kreischenden Bremsen der Züge, die wenige Meter entfernt vorbeifahren. Vorbei am Areal des Jugendtreffs Wenk, wo am Freitag und Samstag das erste «Festival am Gleis» stattfand. Anstelle einer Eintrittskasse gibt es am Empfang einen Korb für die Kollekte. Farbige Glühbirnen strahlen Wärme aus, um den kalten Wind und die tiefe Wolkendecke vergessen zu machen.

Nicht vom Wetter abhalten lässt sich Familie Hofer-Gülck. Ihr hat der Auftritt der True Blue Band mehr als gefallen: «Wir kennen Jan, den Gitarristen. Er hat sehr berührend gespielt», sagt Elke (48). Und Basil (8), der wohl jüngste Festival-Besucher, erklärt: «Eigentlich ist das hier ja für Jugendliche. Dass ich der Jüngste bin, macht mir aber nichts aus.» Mira (15) findet die Kulisse besonders schön: «Die Wiese und die Lichter erzeugen eine ländliche Atmosphäre, dabei ist das Gelände direkt am Bahnhof.» Alle zusammen sind sich einig, dass Aarau mehr solche Veranstaltungen vertragen könnte.

Dem kann Khaled Wahidi (24) nur zustimmen. «Es ist cool hier, Aarau bräuchte mehr solche Sachen.» Der Afghane lebt seit knapp drei Jahren in der Schweiz. Vom «Festival am Gleis» erfahren hat er über Bekannte, die es mitorganisieren. «Da wollte ich auch mithelfen», sagt er und strahlt. Ein paar Schritte weiter steht David Boner (20). Er geht immer in Aarau in den Ausgang. Im Sommer an die Aare, im Winter ins Kiff oder ins Flössi. «Zürich ist nicht so meines», sagt der Oberentfelder. Die grossen Clubs, das Tanzen, das möge er nicht so. Das «Festival am Gleis» findet er dagegen genial.

Als Festival für alle gedacht

Diese Rückmeldung freut die Veranstalter: die Vereine «Vielfalterei» und «Barracuda Club und Shop» zusammen mit der Jugendarbeit Aarau. Letztere hat mit dem Jugendhaus Wenk vor allem die Location beigesteuert. Vier OK-Mitglieder nehmen sich am Festival Zeit, ihre Motivation zu erklären. Moritz Gemperli (27) von der «Vielfalterei» sagt: «Wir wollten eine Veranstaltung organisieren, die allen offensteht – auch jenen, die wenig Geld oder weniger Zugang zu kulturellen Veranstaltungen haben.» Dani Schneider (54) vom «Barracuda» ergänzt: «Wir hatten unabhängig voneinander die Idee, mitten in der Stadt ein Open Air durchzuführen. Also spannten wir zusammen.» Damit leisten sie einen Beitrag für kulturelle Diversität. Sie sind überzeugt: Wenn es in Aarau mehr Raum für Zwischennutzungen gäbe, würde dieser genutzt. «Viele Leute haben keinen Heimathafen, dafür kann Neues entstehen», sagt Dani Schneider. Auch Michelle Benz (29) von der «Vielfalterei» beobachtet ein Aufkommen verschiedenster Angebote: «Je mehr Neues entsteht, desto mehr Leute haben Lust, auch etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Das spürt man in Aarau.»

Der Vierte im Bunde, Christoph Rohrer (33) von der Jugendarbeit, freut sich über den Einfallsreichtum der Organisatoren: «Vieles ist improvisiert und spontan vor Ort entstanden, aber durch die Energie der Leute super herausgekommen.» Etwa 50 Leute haben Freiwilligenarbeit geleistet, um Kosten zu sparen. Die Organisatoren verlangen keinen Eintritt, es gibt aber eine Kollekte. «Wir sind froh, wenn wir mit einer schwarzen Null herauskommen», sagen sie unisono.

Dass der Event nicht kommerziell ist, schlägt sich auch in den Musiker-Gagen nieder: «Zu den meisten Bands haben wir eine persönliche Verbindung – sie passen zu uns und kommen hierher, obwohl sie an anderen Orten mehr verdienen könnten», erklärt Dani Schneider. Wichtig ist den Organisatoren, einen breiten Mix an Musikstilen anzubieten: Von Rock über Indie-Dub bis zu Techno und Wave ist alles dabei. Zehn Bands und mehrere DJs standen auf der Bühne. Doch der Anspruch auf Vielfalt hört nicht bei der Musik auf: Am Samstag fanden ein Brunch, verschiedene Workshops und eine Jam Session statt. «Die Stadt blüht auf mit den Leuten, die aktiv sind», findet Moritz Gemperli. «Ich hoffe, dass sie weiterhin mutig sind und daran glauben, etwas verändern zu können.»

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