Aarau
Das Ende der «Chäs-Wali»-Ära: Wo kauft man jetzt seinen Käse?

Am Samstag ging das beliebste Quartierlädeli im Scheibenschachen zu. Es bleibt die Frage: Wo kauft man jetzt seinen Käse?

Lee Ann Müller
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Ein bisschen Wehmut: Der Chäs-Wali schliesst seine Tore.
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Nach 30 Jahren und einem Tag verabschieden sich Walter Flückiger (l) und Markus Schaffer von ihren Kunden
Grossandrang am Samstagmorgen vor dem Chäs-Wali
Gossandrang am Samstagmorgen vor dem Chäs-Wali
Gute Laune trotz Abschied - Walter Flückiger witzelt mit seinen Kunden
Grossandrang vor dem Chäs-Wali trotz Regen und Wind
Langjähriger Kunde Martin Stampfli (l.)und Walter Flückiger gutgelaunt beim Abschied
Walter Flückiger verabschiedet sich bei jedem einzelnen Kunden

Ein bisschen Wehmut: Der Chäs-Wali schliesst seine Tore.

Lee Ann Müller

Das Wetter meint es nicht gut am Samstagmorgen: Raue Windböen reissen fast den Zettel mit der Aufschrift «Wir verabschieden uns» vom Tisch, es schüttet aus Eimern und das Wasser, das plötzlich von den schützenden Storen spritzt, überrascht die Menschenmenge, die sich vor dem «Chäs-Wali» im Scheibenschachen versammelt hat. «Richtiges Käsewetter», sagt Walter Flückiger, «das passt doch perfekt zu uns.» Markus Schaffer ergänzt: «Sogar der Himmel weint.»

Nicht nur eitel Sonnenschein

Genau dreissig Jahre und ein Tag haben Flückiger und Schaffer den «Chäs-Wali» am Sonnmattweg geführt – nun geht eine Ära zu Ende. Am Anfang ihrer Laufbahn sei man skeptisch gewesen, erinnern sich die beiden. Gerade weil ihr Vorgänger es nicht geschafft hatte, das Geschäft auf einen grünen Zweig zu bringen. Doch schon nach einem halben Jahr als Inhaber sei man ihnen mit Respekt begegnet, diesen «Bärner Giele, wo jo spenne, so wie die sekkle ond mache.» Zwischendurch sei es sicher auch ein Krampf gewesen, mit der grösseren Konkurrenz und den sinkenden Preisen. Durch das spezielle Käse-Angebot, den Wein und zahlreiche, frische Lebensmittel habe man sich jedoch eine treue Kundschaft aufbauen können, die immer regelmässiger für einen Schwatz vorbeikam. Jeweils bis zu 200 Kunden pro Tag suchten den Laden auf. «Wir wurden eine richtige Familie», sagt Walter Flückiger, «das war unser Erfolg.»

Ein letztes Mal Fonduemischung

Von diesen treuen Kunden verabschieden sich die beiden Geschäftsinhaber nun vor ihrem Laden. Ein Tisch ist aufgestellt, es gibt Kaffee und Gipfeli. Geschenke werden vorbeigebracht und kräftig die Hände jedes Einzelnen geschüttelt. Jeder nimmt sich Zeit für ein paar Abschiedsworte. Eine ältere Kundin aus Aarau, die seit siebzig Jahren beim Quartier-Lädeli einkauft, erinnert sich: «Der Vorvorgänger hat die Milch jeweils noch mit dem Auto vor die Haustür gebracht.» Es sei schade, dass der «Chäs-Wali» nun schliesse, gerade bei der wachsenden Bevölkerung aus der Aarenau-Siedlung. Aber einmal gehe eben alles zu Ende.

Stammkunde Martin Stampfli aus Hunzenschwil muss kurz vor dem Wegfahren prompt noch einmal umkehren: Die Fonduemischung ging im Abschiedstrubel ganz vergessen. Im Plastiksack hat er bereits vier verschiedene Sorten Käse verstaut. Der Emmentaler habe es ihm am meisten angetan, erzählt er. «300 Gramm pro Woche habe ich jeweils beim «Chäs-Wali» gekauft. Wo kriege ich den jetzt nur her?»

Er ist nicht der Einzige, der sich nun einen neuen Käselieferanten suchen muss, auch andere Kunden diskutieren diese Frage. Einig ist man sich in einem: Den abgepackten Käse aus der Migros oder dem Coop, den wolle man nicht.

Tatsächlich zu Ende?

Am Montag werden Walter Flückiger und Markus Schaffer die übriggebliebenen Lebensmittel aussortieren und verteilen. Dann ist endgültig Schluss. «Ich habe keine Liste für nächste Woche», sagt Schaffer, «ab Montag ist das Leben anders.» Ganz weg vom Fenster seien sie aber nicht, versichert Flückiger: «Wir werden sicher noch bei einigen Kunden klingeln und vorbeischauen.»

Anschliessend steht eine wohlverdiente dreimonatige Reise auf dem Programm. Unter den Stammkunden wird gemutmasst, wie es mit den beiden Inhabern nach ihrer Reise weitergeht. Niemand kann richtig glauben, dass es endgültig zu Ende ist.

Verraten will Walter Flückiger lieber noch nicht zu viel. Aber er schmunzelt. Vielleicht gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer für die «Chäs-Wali»-Ära? Die Sonnenstrahlen und wärmeren Temperaturen an diesem Samstagnachmittag versprechen jedenfalls Gutes.

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