Buchs
Das Duo von der Ein-Mann-Liste

Reto Fischer und Seylan Elbas beginnen heute ihre ungewöhnliche Politkarriere.

Nadja Rohner
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Reto Fischer (47) und Seylan Elbas (27) werden heute Abend als Buchser Einwohnerräte in Pflicht genommen.

Reto Fischer (47) und Seylan Elbas (27) werden heute Abend als Buchser Einwohnerräte in Pflicht genommen.

Dass Reto Fischer (47) mit seiner Ein-Mann-Liste gleich zwei Sitze im Buchser Einwohnerrat gemacht hatte, war an sich schon eine kleine Sensation – dabei war er sogar ganz nahe an einem dritten Sitz. Heute Abend tritt er sein Amt offiziell an. Mit dabei: Seylan Elbas (27). Fischer hat seinen zweiten Sitz an die Studentin mit türkischen Wurzeln vergeben. Von Anfang an hatte er betont, er wolle einer Frau mit Migrationshintergrund diese einmalige Chance geben, weil diese beiden Bevölkerungsgruppen im Einwohnerrat untervertreten seien.

Reto Fischer, Marketingfachmann und Lehrer, arbeitet im Rolling Rock und hat bis vor sechs Jahren in Aarau gelebt. Nach Buchs kam er, wie viele andere auch, weil dort gerade eine bezahlbare Wohnung frei gewesen war. Mitte 2017 entschied er sich, für den Einwohnerrat zu kandidieren – als Parteiloser. «Die ganze Einbürgerungsgeschichte hat mich damals beschäftigt», erzählt er beim Treffen in der «Burestube». «Ausserdem die Buchser Finanzlage und die Frage, ob wir mit Aarau fusionieren sollen. Mir blieben zwei Möglichkeiten: Entweder, die Faust im Sack zu machen und am Stammtisch zu fluchen – oder zu kandidieren und auf politischem Weg Einfluss zu nehmen.» Obwohl er in seinen frühen Zwanzigern der SP angehört hatte, kann sich Fischer heute mit keiner Partei komplett identifizieren. Deshalb entschied er sich für einen Alleingang, finanziell unterstützt mittels Crowdfunding. Mit einer Wahl habe er zwar nicht sicher gerechnet, «aber ernsthaft drauf gehofft».

Neben vielen Gratulationen – Regierungsrat Urs Hofmann schrieb SMS und ein Kärtli – gingen bei Fischer in den ersten Tagen nach seiner Wahl auch negative Reaktionen ein. Und das nur, weil er zunächst mit dem Gedanken spielte, den zweiten Sitz an Funda Yilmaz zu vergeben. Obwohl innert 24 Stunden klar wurde, dass dies nicht klappen würde – Yilmaz wird im Sommer aus Buchs wegziehen –, erntete Fischer noch wochenlang böse Blicke und Worte.

Als er sich dann für Seylan Elbas entschied, «habe ich nur positives Feedback erhalten», erzählt Fischer. Elbas lebt seit ihrer Geburt in Buchs, sie ging hier zur Schule – in die gleiche Klasse wie zwei SVP-Einwohnerräte – kennt viele Leute. Sie hat Reto Fischer zwar gewählt und ihm per Mail ihre Unterstützung ausgesprochen, persönlich kennen gelernt haben sich die beiden aber erst am Wahltag. «Ein paar Tage später kam ein SMS von ihm: ‹Hesch Du chorz Ziit?› – Da wusste ich, dass es Ernst ist», sagt sie und lacht. Ihre erste Reaktion: «Warum eigentlich nicht?». Nach kurzer Bedenkzeit sagte sie zu.

Das sind die Mitglieder des neuen Einwohnerrates:

Im November 2017 wurde der neue Buchser Einwohnerrat für die Amtsperiode 2018 bis 2021 gewählt. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie, um zu sehen, wer im Buchser Parlament sitzt.
41 Bilder
Géraldine Bruder-Wismann, SP
Tatjana Lambrinoudakis, SP
Dimitri Spiess, SP
Rebecca Wetter, SP
Salahaddin Al-Beati, SP
Roman Häusler, SP
Thomas Meier, SP
Silvan Kaufmann, SP
Marc Jaisli, SVP
Dieter Stüssi, SVP
Christiane Suter, SVP
Robert Arthofer, SVP
Remo Müller, SVP
Sandra Meier-Jaisli, SVP
Jasmin Blaser, SVP
Wolfgang Schibler, SVP
Hans Hartmann, SVP
Stefan Steul, SVP
Reto Fischer, parteilos
Seylan Elbas, parteilos
Reto Bianchi, GLP
Werner Schenker, Grüne
Barbara Fäh-Müller, Grüne
Jürg Kaufmann, FDP
Tobias Studiger, FDP
Beat Spiess, FDP
Jürg Lochinger, FDP
Doris Kleiber, FDP
Hansruedi Gurtner, FDP
Barbara Gurtner, FDP
Markus Notter, FDP
Martin Gysi, EVP
Maja Frey, EVP
Andreas Burgherr, EVP
Ueli Frey, EVP
Joel Blunier, EVP
Heidi Niedermann, CVP
Urs Knecht, CVP
Christine Knüsel, CVP
Doris Michel, CVP

Im November 2017 wurde der neue Buchser Einwohnerrat für die Amtsperiode 2018 bis 2021 gewählt. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie, um zu sehen, wer im Buchser Parlament sitzt.

Chris Iseli

Pass als Weihnachtsgeschenk

Auch Elbas hat nach Bekanntgabe ihrer aussergewöhnlichen Wahl wochenlang Gratulations-SMS bekommen, sogar aus der Türkei und von ihren Dozenten an der Zürcher Hochschule der Künste, wo die gelernte Kauffrau heute Kunst und Medien studiert. Obwohl sie in der Schweiz geboren wurde, hat sie den Roten Pass erst mit 17 beantragt, mit 18 wurde sie eingebürgert. «Am 24.12.2008!», sagt sie wie aus der Pistole geschossen. «An diesem Tag habe ich den Pass und die ID erhalten. Das weiss ich noch so genau, weil es für mich wie ein Weihnachtsgeschenk war. Es war mir wichtig, hier in der Schweiz eine Stimme zu haben. Und als Einwohnerrätin will ich auch die Stimme der Migrantinnen und Migranten sein, die schon lange hier leben, aber nicht mitreden dürfen.»

Die beiden wollen sich für einen besseren Austausch zwischen den Kulturen einsetzen. «Das Multikulti hier macht mir Freude», sagt Fischer, «aber man spürt einen Graben zwischen dem Dorf und dem Bereich Aarauerstrasse mit den vielen ausländischen Lebensmittelläden. Buchs tut so, als gehöre das nicht dazu.» Auch für die Jungen müsste in Buchs mehr getan werden, finden sie.

Fischer und Elbas werden sich mit der GLP (Reto Bianchi) und den Grünen (Werner Schenker und Barbara Fäh) zu einer Fraktion zusammenschliessen. Fischer kandidiert ausserdem für die Finanz- und Geschäftsprüfungskommission. «Ich bin voller Tatendrang, aber am Anfang werde ich mich wohl etwas zurückhalten», sagt Fischer – «Kannst du das?», fragt Elbas und blickt ihn mit gespieltem Erstaunen an.