Schulschwänzen
Das droht den Aargauer Schulschwänzern heute

Der neue Eintrag im Zeugnis ist nicht die einzige Strafe bei unentschuldigten Absenzen in der Schule – heute kommt auch mal der Psychologe zum Einsatz.

Samuel Schumacher
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Nachsitzen, Arbeitseinsätze im Altersheim, Gespräch mit den Eltern bei der Schulleitung: Diese Strafen drohen Schulschwänzern an den Aargauer Oberstufenzentren. Das sind altbekannte Massnahmen – nur Sätzchen schreiben muss man heute nicht mehr. Würde Bart Simpson bei uns zur Schule gehen, müsste er wohl eher zum Schulpsychologen.

Nachsitzen, Arbeitseinsätze im Altersheim, Gespräch mit den Eltern bei der Schulleitung: Diese Strafen drohen Schulschwänzern an den Aargauer Oberstufenzentren. Das sind altbekannte Massnahmen – nur Sätzchen schreiben muss man heute nicht mehr. Würde Bart Simpson bei uns zur Schule gehen, müsste er wohl eher zum Schulpsychologen.

ZVG

15 000 Stunden: So lange muss jeder Schweizer Schüler die Schulbank drücken – mindestens. Die einen freuen sich jeden Morgen auf die neuen schulischen Herausforderungen, die anderen aber haben irgendwann die Nase voll.

Konsequenz: Sie schwänzen. Im internationalen Vergleich sind unsere Schüler zwar recht brav. Laut einer Studie von 2012 schwänzen nur rund fünf Prozent regelmässig die Schule. Nur in Japan, Korea, Island, Holland und Irland sind die Schüler noch braver.

Trotzdem: Schulschwänzen wird an manchen Oberstufenzentren in der Region zunehmend zum Problem. «Bis vor wenigen Jahren gab es dieses Phänomen bei uns nicht. In letzter Zeit aber wird vermehrt geschwänzt, in praktisch allen Klassen», erzählt Edgar Kohler, Schulleiter am Oberstufenschulhaus Lenzhard in Lenzburg.

Kohler begrüsst es, dass unentschuldigte Absenzen an den Aargauischen Oberstufen ab nächstem Schuljahr in die Zeugnisse eingetragen werden müssen.

«Gewisse Jugendliche lassen sich selbst von Strafnachmittagen und Bussen nicht mehr beeindrucken. Wenn ihre unentschuldigten Absenzen in Zukunft im Zeugnis stehen, dann dürfte das den notorischen Schulschwänzern aber kaum noch egal sein.» Wer sich mit einem solchen Zeugnis für eine Lehrstelle bewerbe, der habe einen klaren Nachteil.

Altersheim und Bauernhof

Das neue Absenzenreglement gibt den Schulen ein einheitliches Instrument, um Schulschwänzer zu bestrafen – zumindest auf Papier. Wie reagieren die Schulen aber unmittelbar aufs Schwänzen heute? Eine Umfrage bei Oberstufenschulen in der Region zeigt: Die meisten Sanktionen, die den Schulschwänzern drohen, sind altbekannt: Nachsitzen, Arbeitseinsätze, Elterngespräche. Die Strafen sind zwar weniger schmerzhaft als noch zu Gotthelfs Zeiten. Viel origineller geworden sind sie nicht.

Hinzu kam aber der schulpsychologischen Dienste bei Härtefällen. Eine Massnahme, die alle befragten Schulen kennen. Im Schulhaus Lenzhard kommt der Schulpsychologe dann zum Zug, wenn alle anderen Disziplinierungsversuche scheiterten.

Wer zum ersten Mal schwänzt, muss die verpassten Lektionen nachholen. Im Wiederholungsfall informiert die Schulpflege die Eltern und bestellt die Müssiggänger am Mittwochnachmittag zum Arbeitseinsatz ins Altersheim oder auf einem Bauernhof. In Extremfällen werden Bussen verhängt. «Es gibt notorische Schwänzer, bei denen selbst Bussen nichts nützen», sagt Kohler. Solche Schüler müssen dann beim Schulpsychologen antraben.

Auch in Möriken-Wildegg wird der Schulpsychologe im Notfall gerufen. Arbeitseinsätze im Altersheim gibt es nicht, dafür zuerst die unangenehmen Elterngespräche. «Und wenn das Gespräch zwischen dem Lehrer und den Eltern das Problem nicht klärt, schalten wir die Schulleitung ein», erklärt Gesamtschulleiter Beat Schenk.

Klassisches Nachsitzen droht den Schulschwänzern an der Kreisschule Kölliken Muhen. «In den seltenen Fällen, in denen Schüler regelmässig schwänzen, hat das fast immer familiäre Ursachen», erklärt Schulleiter Philipp Grolimund. Deshalb geht man dort das Problem grundsätzlich zusammen mit der Schulsozialarbeit an.

In Aarau wird jeder Fall separat betrachtet – am Ende droht aber mehr als nur ein Termin beim Schulpsychologen. «Das Spektrum reicht von Nachsitzen bis zu befristetem Schulausschluss», sagt Remi Bürgi, Geschäftsleiter der Schule Aarau. Der befristete Schulausschluss ist die härteste Massnahme, mit Oberstufenschüler rechnen müssen.

20 Franken pro Lektion

Ungemütlich ist es für Schulschwänzer auch an den Berufsschulen. Viele Schulschwänzer gibts auf dieser Stufe zwar nicht. «80 Prozent schwänzen nie, nur etwa 1 Prozent erscheint regelmässig nicht zur Schule», bestätigt Konrektor Paul Knoblauch. Dieses eine Prozent kommt das Schwänzen allerdings teuer zu stehen. In Aarau kostet Schulschwänzen 10 Franken pro Lektion, an der Berufsschule Lenzburg gar 20 Franken (plus 5 Franken Verrechnungsgebühr pro Rechnung).

«Dass Schulschwänzer an der Berufsschule gebüsst werden, ist vom Kanton so vorgegeben», erklärt Paul Knoblauch. Die Berufsschule Aarau nimmt dadurch jährlich einen fünfstelligen Betrag ein, der für Exkursionen eingesetzt wird.

«Das ist zwar eine gute Regelung. Dennoch wäre es uns am liebsten, wenn wir keinen einzigen Rappen verdienen würden», betont Knoblauch. Zusätzlich zu den Bussen werden entschuldigten und unentschuldigten Absenzen der Berufsschüler in die Zeugnisse eingetragen.

Zurück zur Oberstufe: Endet die Ära der Schulschwänzer, wenn die unentschuldigten Absenzen nun im Zeugnis stehen? Kaum, glaubt der Lenzburger Schulleiter Edgar Kohler. «Die Angst vor den negativen Folgen eines Zeugniseintrages für die Lehrstellensuche könnte Eltern dazu bewegen, Absenzen nicht wahrheitsgetreu zu entschuldigen.»

Aber er findet immerhin: «Dass unentschuldigte Absenzen ab kommendem Sommer im Zeugnis stehen, hat einen positiven Effekt für all jene, die nicht schwänzen. Und das ist immer noch die klare Mehrheit aller Schüler.»