Aarau
Das Chrämerlädeli in der Altstadt bietet kleine Lebensfreuden

Die Altstadt ohne Chrämerlädeli und Irene Schmid wäre nur halb so schön. Eigentlich hatte sie nie im Verkauf arbeiten wollen – jetzt führt sie es seit 30 Jahren. Und ihren Mann hat sie auch hier kennengelernt.

Katja Schlegel
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Vor 30 Jahren hat Irene Schmid das Chrämerlädeli übernommen, ohne recht zu wollen. Heute will sie es nicht mehr hergeben.

Vor 30 Jahren hat Irene Schmid das Chrämerlädeli übernommen, ohne recht zu wollen. Heute will sie es nicht mehr hergeben.

Chris Iseli

Wie viele tausend Sachen hier stehen, weiss Irene Schmid nicht. Aber sie weiss von jedem Stück ganz genau, wo es zu finden ist. Eigentlich unglaublich. Schliesslich gibt es hier, eingehüllt von einem Hauch Räucherstäbchenduft, nichts, was es nicht gibt: Seifenschalen in Badewannenform, aus dem ein Engelchen klettert. Lippenbalsam im Plastikvögeli, jodelnde Flaschenöffner und Kaufrauschpillen. Es gibt sogar Marienkäfer zum an die Wand kleben, denen man ein Handtuch zwischen die Flügel klemmen kann. Und alles steht dicht an dicht aufgereiht bis unter die Decke, vorsichtig schiebt man sich durch die Regale und hofft inständig, nirgends hängen zu bleiben und Schaden anzurichten.

Das ist das Chrämerlädeli an der Pelzgasse, «s Lädeli zum Verwiile», wie Schmid es nennt. Die Adresse in der Altstadt, wo Generationen ihren Götti-Kindern die Adventskalender gefüllt und kleine Sammler ihr ganzes Sackgeld in Kleberli investiert haben. Die Adresse, an der man die Karte für jeden Anlass findet. Einfach der Ort, an dem jeder schon etwas gefunden hat, um einem lieben Menschen eine Freude zu bereiten. Ein Ladenkonzept, vielfach kopiert und doch nie so gut wie das Original, altmodisch und doch sehr lebendig.

Das Lädeli als zweites Leben

Einzigartig macht dieses wunderbare Durcheinander aber nicht das Angebot, sondern die Frau, die hier seit 30 Jahren an der Kasse steht: Irene Schmid, eine Institution. Freundlich grüssend taucht sie hinter einem Regal oder einem Kartenständer auf, hat immer einen guten Ratschlag, ist immer geduldig. 1985 hat sie das Chrämerlädeli übernommen, ohne recht zu wollen. Heute will sie es nicht mehr hergeben, auch wenn sie schon längst nicht mehr arbeiten müsste.

Das Chrämerlädeli an dieser Adresse war nicht neu. Geführt hatte es damals Roger Frey, ein Marktfahrer. «Ich wollte nie im Verkauf arbeiten, das hat sich einfach so ergeben», sagt Schmid. Als zweites Leben, nachdem die Kinder gross waren. «Dieses Lädeli ist geprägt von den Leuten, die vorbeikommen. Es tut mir gut, diese Leute zu erleben», sagt Schmid. Immer wieder hatte sie sich vorgenommen, all die Geschichten und Anekdoten aufzuschreiben. Dazu gekommen ist sie doch nie, irgendwie habe es halt immer an der Zeit gefehlt.

Ein Erinnerungsstück aber, das kommt nicht weg: die Stickerwand. An kleinen Häkchen hängen die Folien mit den Kleberli, den glitzrigen und pelzigen, den papierenen und jenen aus Plastik. 80 Rappen kosten vier Kleber. So, wie schon vor 20 Jahren. Der Verkaufsschlager von einst sind die Kleber längst nicht mehr. Sie haben eher nostalgischen Wert: «An dieser Wand haben so viele Leute eine Riesenfreude. Das weckt bei vielen die Erinnerungen an die Schulzeit», sagt Schmid.

Dass es Irene Schmids Art ist, die den Laden einzigartig macht, weiss keiner besser als ihr Mann Claudio Poffa. Er war einst selber Kunde bei ihr, kam so oft in den Laden, dass er ihr vor lauter Gewohnheit die Arbeit abnahm und die Preiskleber vor dem Einpacken selber vom Artikel klaubte und auf den Handrücken klebte. Dieses Jahr ist es 20 Jahre her, dass sie geheiratet haben. Und noch immer platzt Poffa fast vor Stolz, wenn er über seine Frau spricht. Aus der ganzen Schweiz kämen Leute extra wegen seiner Frau hierher. «Sie hat eine unbändige Freude daran, Freude weiterzugeben. Und das spüren die Kunden.» Und deshalb sei es für ihn auch kein Problem, dass seine Frau weiterhin im Laden stehe. «Lebensfreude kann man nicht per Knopfdruck ausschalten. Solange sie Freude an ihrer Arbeit hat, muss sie weitermachen.»

Vielleicht ist es die heile Welt, dieses Altmodische, Bedächtige, das den Leuten so gefällt. Dieses Unübersichtliche, in dem das Stöbern zur Schatzsuche wird, dieses scheinbar Ungeordnete, in dem noch alles liebevoll von Hand angeschrieben ist. Irene Schmid rennt keinen Trends hinterher, Ladenhüter staube sie nur selten aus. «Wobei», sagt sie und verschwindet im hinteren Teil des Ladens, «gerade heute Morgen habe ich etwas ausgestaubt, was im Weg gestanden ist.» Sagt es und bringt einen handgetöpferten Parfum-Zerstäuber. Der stamme noch aus den Anfangszeiten, als Töpfersachen wahnsinnig gefragt waren.

Gibt es denn etwas, was ihr in all den Jahren so ans Herz gewachsen ist, dass sie es nicht verkaufen würde? Irene Schmid blickt prüfend in den Laden und schüttelt den Kopf. Unverkäuflich seien eigentlich nur zwei Dinge, sagt sie und lacht. «Mein Mann und die Murmelibahn, damit die Kinder spielen können.»