Gruppenpraxen
Das Aarauer Arzthaus braucht mehr Platz

Bei Patienten kommen sie gut an: die Gruppenpraxen. Experten dagegen beurteilen sie nicht nur positiv.

Nadja Rohner
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ZVG

Um Punkt 12 Uhr mittags geht es im «Arzthaus» zu wie im Bienenstock. Die Praxis im ersten Stock der Bahnhofstrasse 29 ist an 365 Tagen pro Jahr von morgens früh bis abends spät offen – und kommt damit offenbar so gut an, dass die sieben Sprechzimmer nicht mehr ausreichen. Nun wird expandiert: «Wir wollen im Erdgeschoss drei zusätzliche Sprechzimmer sowie ein Therapiezimmer für Infusionen und dergleichen einrichten», sagt CEO und Mitbegründerin Jennie Olsson. Das Baugesuch liegt bis 7. März im Stadtbüro auf.

Das Arzthaus gibt es seit vier Jahren. In dieser Zeit wurden laut Olsson knapp 14 000 Patienten betreut – die einen nur einmalig als Notfall, andere haben ihren Hausarzt im Arzthaus und kommen regelmässig wieder. «Es war von Beginn an sehr deutlich, dass gerade bei den Notfallpatienten eine grosse Nachfrage besteht», sagt Olsson. Ins Spital würden die meisten nicht wollen – lange auf einen Termin warten allerdings auch nicht. Gerade die jüngeren Patienten bestehen laut Olsson oftmals darauf, möglichst rasch einen Termin zu bekommen. Gruppenpraxen mit mehreren Ärzten können flexibler auf solche Anfragen reagieren als kleine Landarztpraxen.

Gefahr einer Überbehandlung?

Das Arzthaus ist eine jener Gruppenpraxen, die von branchenfremden Investoren gegründet wurden – Jennie Olsson und ihr Mann sind Ökonomen, die Mitbegründer Sara und Christoph Hürlimann Zahnärztin und Betriebswirtschafter. Laut Branchenkennern lässt sich mit Gruppenpraxen eine Umsatzrendite von bis zu zehn Prozent erzielen (az von gestern).

Experten rechnen damit, dass in den nächsten fünf Jahren mehr als 100 neue Gruppenpraxen entstehen (Investitionsvolumen: mehrere 100 Millionen Franken) und warnen vor einem drohenden Überangebot, das zu steigenden Kosten im Gesundheitswesen führt – denn irgendwie muss man das investierte Geld ja wieder erwirtschaften.

«Kookai» zieht aus Aarau weg

Die neuen Sprechzimmer des Arzthauses entstehen dort, wo derzeit noch Kleider und Accessoires verkauft werden: in den Räumlichkeiten der Boutique Kookai. Vonseiten der Firma heisst es, das Geschäft in Aarau mache zu wenig Umsatz und rentiere nicht mehr. Eine neue «Kookai»-Filiale in der Nähe von Aarau sei nicht geplant.

Bereits vor einem Jahr musste «Kookai» Filialen in der Ostschweiz schliessen. Der französische Mutterkonzern Vivarte hat finanzielle Probleme. Laut «Handelszeitung» stoppte Vivarte 2013 die Schuldentilgung und verhandelte mit den Kreditgebern neu. 2014 einigte sich Vivarte mit zwölf Geldgebern über eine Restrukturierung der Schulden in Höhe von insgesamt 2,8 Milliarden Euro. (NG/NRO)

Im Aarauer Arzthaus erhalten die angestellten Ärzte zudem eine Provision abhängig von den Leistungen, die sie erwirtschaften. Besteht da nicht die Gefahr, dass man die Patienten überbehandelt? «Die Krankenkassen prüfen jährlich die Wirtschaftlichkeit der abgerechneten Leistungen aller Ärzte», sagt Jennie Olsson dazu. «Ärzte, die signifikant von den durchschnittlichen Abrechnungen abweichen, müssen Geld an die Krankenversicherungen rückerstatten. Die Abrechnungen von unseren Ärzten haben aber nie grosse Abweichungen vom Durchschnitt gezeigt.»

Investorenpraxis hin oder her: Das Geschäft in Aarau läuft, obwohl in der Stadt kein eigentlicher Mangel an Hausärzten herrscht. Das Arzthaus ist denn auch keine reine Hausarztpraxis mehr: «Ziemlich schnell zeigte sich, dass wir relativ viele Patienten mit dermatologischen Problemen haben – also stellten wir einen Dermatologen ein», sagt Jennie Olsson. Dann folgten Gynäkologen und Orthopäden, die Einstellung eines Psychiaters ist angedacht.

Kein Problem bei Personalsuche

Derzeit arbeiten fünf Hausärzte mit insgesamt 370 Stellenprozenten im Arzthaus, ein weiterer kommt bald dazu. Im Gegensatz zu vielen alteingesessenen Hausärzten in der Peripherie, die keinen Nachfolger finden, hat das Arzthaus keine Probleme bei der Personalsuche. Wenig verwunderlich, findet Olsson: «Gerade junge Ärzte wollen nicht 60 bis 80 Stunden pro Woche arbeiten und die ganze Last einer Einzelpraxis tragen – da hat man ja quasi immer Dienst. Bei uns können sie Hausarzt sein und haben dennoch geregelte Arbeitszeiten sowie eine Ferienablösung.» Der fachliche Austausch mit den Kollegen in der Gruppenpraxis werde ebenfalls geschätzt – auch mit den Orthopäden, Gynäkologen und Dermatologen. Der Spezialist gleich im Nebenzimmer – besteht da nicht die Gefahr, diesen vorschnell in die Behandlung einzubeziehen und so die Kosten in die Höhe zu treiben? Olsson verneint: «Jeder Arzt will seine Patienten so gut wie möglich selber betreuen. Erst, wenn er selber nicht weiterkommt, wird der Spezialist hinzugezogen.» Weil alle Mitarbeitenden Zugriff auf die elektronische Krankengeschichte haben, fielen ausserdem teure Arztberichte zwischen Hausarzt und Spezialist weg.

Zentralisierung problematisch

Die «arzthaus.ch AG» betreibt weitere Gruppenpraxen in St. Gallen und Zürich City, im April kommt eine vierte Filiale in Zürich Stadelhofen dazu. «Das Konzept kommt an bei den Patienten», sagt Olsson. Ihr ist bewusst, dass die Zentralisierung der Gesundheitsdienstleistungen in den Zentren problematisch ist für die Versorgung der ländlichen Gebiete. «Wir sind in einer Zeit, in der sich der Gesundheitsmarkt stark verändert. Landpraxen haben es schwierig, leider werden sie sicher teilweise verschwinden.»

In Deutschland oder in Schweden, wo Jennie Olsson herkommt, sei diese Entwicklung schon viel weiter fortgeschritten. Zu einem Arzt fährt man im dünn besiedelten Nordschweden schon mal mehrere Stunden. «Wenn man krank ist, hat man aber Anrecht auf einen vom Staat subventionierten Fahrdienst», erzählt die Ökonomin.

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