Analyse

Das 1500-Seelen-Nest Biberstein: Die letzte Bastion der Europhilen?

Der Blick über den Schlosshof zeigt den alten Dorfkern und die neuen Terrassenhäuser an den bevorzugten Wohnlagen. Mathias Marx

Der Blick über den Schlosshof zeigt den alten Dorfkern und die neuen Terrassenhäuser an den bevorzugten Wohnlagen. Mathias Marx

Die Gemeinde Biberstein hat als einzige der Region für den EWR und gegen die SVP-Einwanderungsinitiative gestimmt. Allgemein wählt das Dorf eher wie urbane Gemeinden. Ein Erklärungsversuch.

350 Ja, 389 Nein – auch wenn nur 39 Stimmen dazwischen liegen, das Resultat ist relativ deutlich: Die Gemeinde Biberstein hat am 9. Februar die Masseneinwanderungsinitiative der SVP abgelehnt. Der Nein-Stimmen-Anteil betrug 52,6 Prozent.

Auch Aarau, Küttigen und Suhr lehnten die SVP-Initiative ab, sogar deutlicher als Biberstein. Der Unterschied zu diesen Gemeinden liegt darin, dass die kleine Gemeinde am Südhang des Hombergs 1992 bereits den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR 1992 befürwortete, also zweimal für Europa votierte und damit im Westen des Kantons allein dasteht.

Gleich stimmten damals und jetzt nur Gemeinden wie Baden, Ennetbaden, Wettingen und Obersiggenthal im Osten des Kantons, deren Einwohner in den global tätigen Firmen wie ABB oder Alstom zusammen mit Deutschen, Spaniern und Indern ihren Lohn verdienen. Oder wie Magden und Rheinfelden, wo die gut situierten Stadtflüchtlinge aus Basel bereits vor Jahren zugezogen sind. Diese Erklärungen führen im Fall von Biberstein nicht weiter.

Der Rückschluss, sein Dorf sei aufgrund der beiden Abstimmungen europafreundlicher als andere Gemeinden, ist für Peter Frei, seit 16 Jahren Gemeindeammann der 1500-Seelen-Gemeinde, eh zu voreilig, auch wenn er einräumt, dass einzelne Indikatoren wie Steuerkraft, Lage, Besiedlung oder Ausländeranteil die Europafreundlichkeit belegen könnten. Was aber zeichnet die Bibersteinerinnen und Bibersteiner besonders aus? «Sie sind offen, interessiert und informiert», sagt der Gemeindeammann, selber ein waschechter Bibersteiner, nach kurzem Überlegen.

Das damalige Ja zum EWR aus der politischen Geschichte des Dorfs abzuleiten, ist kaum haltbar. Biberstein war in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Dorf der Arbeiter, die nebenher als Kleinbauern ihr Brot verdienten. Lange Zeit war die SP eine etablierte Partei im Dorf, spielt aber heute keine grosse Rolle mehr. Die liberal-bürgerlichen Kräfte sammelt seit vielen Jahrzehnten die BVB, die Bürgerliche Vereinigung Biberstein.

Im Trend der urbanen Gemeinden

Nein zur SVP-Initiative sagten am 9. Februar die urbanen Gemeinden, nebst Aarau auch Gemeinden wie Suhr und Küttigen, die mit der Stadt zusammengewachsen sind. In Buchs übrigens, das mit Aarau ebenso eng verwachsen ist, war das Resultat so knapp (6 Stimmen Differenz), dass es gerade so gut zu einem knappen Nein hätte kippen können.

Die Bibersteiner entsprechen eher einem urbanen Trend. Dies zeigte sich auch bei anderen Abstimmungen wie der Familieninitiative, dem Nationalstrassenabgabegesetz oder der Aufhebung der Wehrpflicht. Deutlich wird das vor allem beim Arbeitsgesetz, mit dem am 22. September 2013 die Ladenöffnungszeiten liberalisiert wurden. Die Stadt Aarau lag mit einer Zustimmung von 57 % knapp über dem schweizerischen Mittel. Ausser Biberstein (61 % Ja) lagen alle anderen Regionsgemeinden in etwa beim Bezirksmittel von rund 54 % Ja-Stimmen.

Im Gegensatz zu Gemeinden wie Buchs oder Suhr, die früher und schneller wuchsen, erfuhr Biberstein nach 1950 eine gemächliche Entwicklung. Ein eigentliches Wachstum setzte in der ersten Hälfte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts ein. Das Dorf, dessen Zentrum sich auf einer erhöht über der Aare liegenden Terrasse befindet, wurde mehr und mehr als attraktive Wohnlage entdeckt. Es wuchs von 1000 Einwohnern im Jahr 1990 auf heute 1500 an. Einen Bauboom löste die Eröffnung der dritten Baregg-Röhre im Jahr 2003 aus. Der Arbeitsplatz im Raum Zürich war nun auch von Biberstein aus ohne Stau erreichbar.

Ideal gelegene Wohngemeinde

Viel früher schon hatte die Gemeinde begonnen, die Erschliessung ihrer Baugebiete an die Hand zu nehmen. Biberstein wurde als ruhige, gut erreichbare, stadtnahe Wohngemeinde entdeckt. Gut qualifizierte und ebenso gut verdienende Leute zog es nach Biberstein, durch Fluss und Wiesen von der Stadt und anderen Siedlungen getrennt – beschaulich und überschaubar und dennoch der Stadt nahe.

Das Dorf besteht aus Einfamilienhäusern, Terrassen- und Eigentumswohnungen. Für den Quadratmeter Bauland zahlt man zwischen 500 und 700 Franken. Das muss sich leisten können, wer die Ruhe in Biberstein geniessen will. Ganz abgesehen davon, dass die Ausnützungsziffer in Biberstein tief und das Bauen am Hang aufwendig und teuer ist.

Zwei kleine Mehrfamilienhäuser mit je sechs Wohnungen stehen im Gebiet Wissenbach ausgangs Dorf Richtung Küttigen. «Das sind unsere Blöcke», sagt Peter Frei. Der Architekt weiss um die Problematik, die dahinter steckt: Die Gemeinde will die Siedlungs- und Bebauungsstruktur diversifizieren und mit Mietwohnungen ergänzen. Eine Wohnbaugenossenschaft wurde ausgewählt, um auf Land der Gemeinde im Baurecht eine Anlage mit 20 Wohneinheiten zu erstellen. Man will jüngere Personen nach Biberstein bringen, Mieter, die bezahlbare Mietwohnungen suchen. Familien sind angesprochen. Die Wohnungen sollen auch Alleinerziehenden, Patchwork-Familien und Mehrpersonenhaushalten zur Verfügung stehen.

Eingekauft wird ausserhalb

Auch die künftigen Neu-Bibersteiner werden auswärts einkaufen müssen. Die Gemeinde hat zwar vier Restaurants, jedes mit seiner eigenen Kundschaft, jedoch keinen Laden, in dem man sich mit Waren des täglichen Bedarfs eindecken könnte. Mit reduzierten Öffnungszeiten führt die Stiftung Schloss Biberstein einen Laden mit beschränktem Angebot.

«Wir liegen zu nahe bei der Stadt, um ein eigenständiges Dienstleistungsangebot entwickeln zu können», sagt Peter Frei. Wen wundert es also, dass die Bibersteiner, wie erwähnt, mit einer deutlichen Mehrheit für die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten waren. Viele dürften ihre Einkäufe auf dem Heimweg von der Arbeit tätigen. Telli-Center und Wynecenter sind ein paar Fahrminuten entfernt.

Die Pendlerquote wird auf Gemeindeebene nicht mehr erhoben. 2010 lag sie in Biberstein mit über 80 % bereits weit über dem Bezirksmittel und dürfte, wie die Abteilung für Statistik des Kantons bestätigt, aktuell einem allgemeinen Trend folgend gegen 90 % betragen. Der grösste Arbeitgeber ist die Stiftung Schloss Biberstein, die für 70 Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung Arbeits- und Wohnort ist und rund 80 Arbeitsagogen, Sozialpädagogen und Fachpersonen beschäftigt.

Hohe Steuerkraft

Die Bibersteiner sind wohlhabend. Die 780 steuerpflichtigen Bibersteiner und Bibersteinerinnen versteuerten 2009 ein durchschnittliches Einkommen von gegen 110 000 Franken und beträchtliche Vermögenswerte. Die Steuerkraft liegt je Einwohner bei 3500 Franken und damit über jener anderer Gemeinden. Die Stadt Aarau, die eine Steuerkraft von 3830 Franken ausweist, profitiert vom im Vergleich mit den Landgemeinden hohen Anteil an Aktien- und Quellensteuern. Der Steuerfuss liegt in Biberstein bei 88 Prozent, so tief wie in keiner anderen Gemeinde der Region. Der Steuerfuss sei kein matchentscheidender Standortfaktor. Das sagen alle Gemeindeammänner, ob sie nun einen hohen oder einen tiefen Steuerfuss zu vertreten haben. Das sagt auch der Gemeindeammann von Biberstein. 2011 nahm Biberstein erstmals über 4 Millionen Franken Steuern ein. 2013 waren es bereits 4,5 Mio. (budgetiert waren 4,2 Mio. Franken).

«Das Klima im Dorf ist von Vertrauen geprägt», sagt Gemeindeammann Frei und berichtet von den Einbürgerungen, welche die Gemeindeversammlung im November letzten Jahres genehmigt hat. Zwei junge Frauen aus Sri Lanka, ein Mann aus dem Kosovo, eine deutsche Frau sowie eine deutsche Familie mit zwei Kindern und eine Portugiesin bekommen den Schweizer Pass. Alle Einbürgerungsgesuche wurden bei einer oder zwei Gegenstimmen genehmigt. Den beiden Frauen aus Sri Lanka wurde sogar die Einbürgerungsgebühr massiv reduziert. Nur weil es die Bibersteiner vermögen?

Tiefer Ausländeranteil

Neun Einbürgerungen, das waren für einmal sehr viele. Pro Jahr seien es sonst eine oder zwei, sagt Frei. Der Ausländeranteil ist mit 11 Prozent sehr tief. Ein «Ausländerproblem» gibt es in Biberstein nicht. Und am Arbeitsplatz dürften die hoch qualifizierten Bibersteiner mit ebenso qualifizierten Ausländern zu tun haben.

Die Nähe zur Stadt, die gute Erreichbarkeit von Zürich mit dem öV oder dem Auto, die komfortable Wohnlage und die Siedlungsstruktur prägen das Dorf und seine Bewohnerinnen und Bewohner. Sie sind offen, informiert und interessiert, sagte Gemeindeammann Peter Frei. Und sie sind europafreundlicher.

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