Es ist im Geschäft von Geigenbauer Wilhelm in Suhr schon vorgekommen, dass ein Kunde eine «Sardine» für seine Geige verlangte. Zwar drängen sich die Geigen im massiven Holzschrank im Verkaufsraum tatsächlich fast wie die Sardinen – und dies im Wert von Tausenden von Franken. Ansonsten aber haben Sardinen beim Geigenbauer wenig zu suchen. Sobald allerdings das «a» zum «o» wird, sieht es anders aus. Eine Sordine – sie kommt beim Geigenspiel als Dämpfer zum Einsatz – gibt es bei Wilhelm in Suhr sehr wohl.

Erlebt hat die Geschichte Brigitte Wilhelm (79). Die Cellistin war die erste Geigenbauerin in der Schweiz. Sie hat damals als einzige Frau neben vier männlichen Lehrlingen in Brienz die Geigenbauschule besucht. Rolf Wilhelm war einer von ihnen. Er wurde später ihr Mann. Mit ihm gründete sie nach Jahren in England und Basel 1962 in Wilhelms Elternhaus in Suhr die Geigenbau-Werkstatt Wilhelm.

«Der Vorteil im eher abgelegenen Haus an der Bachstrasse in Suhr ist der viele Platz», sagt heute Sohn Mark Wilhelm, auch er Geigenbauer. Die Idee ein Atelier auf dem Land zu haben, müsse allerdings damals wie heute als «schräg» bezeichnet werden: «Wer ein Atelier auf dem Land hat, muss das erst recht durch Qualität wettmachen.»

Die Wilhelm Geigenbau AG in Buchs wird 50 Jahre alt

50 Jahre Geigenbauer Wilhelm

Qualität scheint Geigenbau Wilhelm in Suhr zu liefern: Heute, 50 Jahre nach der Gründung, beschäftigt das Unternehmen 11 Personen, wovon 6 Geigenbauer sind. Es unterhält 1500 Mietverträge für Streichinstrumente und blickt auf einen Kundenstamm von über 10000 Personen seit der Erfassung durch den Computer im Jahre 1994. Mit dem Einzug des Computers zogen sich die Firmengründer Brigitte und Rolf Wilhelm zurück. Seit 1996 leitet MarkWilhelm, der zu Demonstrationszwecken auch mal die Geige bespielt, die Werkstatt.

Klangtüfteleien am Computer

Wilhelms Leidenschaft gilt der Restaurierung und dem Neubau von Instrumenten. Geigen werden bei Wilhelm aber erst seit einigen Jahren wieder gebaut. Dabei setzt das auch Atelier auf den Computer: «Wir tüfteln und forschen im Klangbereich.» Gemeinsam mit Kollegen und Forschern aus dem akustisch-physikalischen Bereich wird etwa das Schwingungsverhalten des Saitenhalters oder der Einfluss des Bassbalkens untersucht. «Dabei hat sich unser Verständnis für das Instrument verändert», sagt Wilhelm. Wer Hunderte von Stunden an einem Instrument arbeitet und erst am Schluss das Resultat, den Klang der Geige kennt, dem geben die Tüfteleien am Computer einen zusätzlichen Einblick in das Instrument. «Diese physikalischen Erkenntnisse», sagt Wilhelm, «haben unsere Intuition geschärft.»

Eine Geige mit Baujahr 1810

Mark Wilhelm nimmt eine Geige zur Hand, Baujahr 1810. Auf der Rückseite stehen die Initialen FG. Sie stehen für den Wiener Geigenbauer Franciscus Geissenhof. «Mich interessieren die Geschichten, die hinter den Instrumenten stehen.» Die Geissenhof-Geige gehörte einer verstorbenen Laienmusikerin des Orchestervereins Aarau. Sie soll in der Werkstatt restauriert und dann verkauft werden. «Diese Geige darf aber gerne noch ein Weilchen bei uns herumstehen», sagt Wilhelm. Er zeigt eine Geige aus Bologna, die 1740 gebaut wurde und einem Nürnberger Konzertmeister gehört. Sie erhält einen neuen Hals und wird klanglich neu eingestellt. Kunden aus Deutschland kommen zu Geigenbau Wilhelm, genauso wie Streicher aus der Region und aus Schweizer Städten. Ob es sich dabei um Kinder, die ein Instrument erlernen, oder um Berufsmusiker handelt, macht für Wilhelm keinen Unterschied. «Für alle gilt, wenn sie mit dem Bogen über die Saiten streichen, soll das Instrument einen schönen Klang hervorbringen können.» Diese Philosophie haben dem Geigenbauer Mark Wilhelm schon seine Eltern Brigitte und Rolf vorgelebt.

Dass sich daran nichts geändert hat, freut die Firmengründerin. Dankbar äussert sie sich: «Ich werde bald 80 und kann die positive Entwicklung von Geschäft und Familie miterleben.» Die dritte Generation steht schon bereit, denn Mark Wilhelms Tochter Marie hat auch einen Geigenbauer geheiratet.