Aarau
Damit der ganze Papierkram keinen verzweifeln lässt

Das Projekt «Wegbegleitung» will Menschen unterstützen, die mit verschiedenen Situationen überfordert sind. Während einer begrenzten Zeit erhalten sie Unterstützung von freiwilligen Mitarbeitern.

Katja Schlegel
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Monika Lüscher leitet die Vermittlungsstelle von «Wegbegleitung».

Monika Lüscher leitet die Vermittlungsstelle von «Wegbegleitung».

zvg

Manchmal kann Urs Müller einfach nicht mehr. Die Briefumschläge mit den Gemeinde-Wappen und Versicherungs-Logos oben links stapeln sich ungeöffnet auf seinem Küchentisch. Längst hat Müller die Übersicht über den Papierkram verloren. Die Fragerei, die Anweisungen, die Pflichten, die Fristen, die Mahnungen, er kann es nicht mehr hören.

Urs Müller gibt es nicht, der Name ist erfunden. Aber Menschen wie ihn schon. Menschen, die mit den Briefen aus den Ämtern heillos überfordert sind, die sich davor fürchten, sie überhaupt zu öffnen. Und schon gar nicht direkt beim Amt oder der Beratungsstelle vorbei gehen.

«Wir bieten Nischenangebot»

Sozialarbeiterin Monika Lüscher und ihr Team von Freiwilligen kümmern sich in Schöftland um solche Menschen. Das von den katholischen und reformierten Landeskirchen gemeinsam geführte Projekt nennt sich «Wegbegleitung» und ist für Menschen gedacht, die sich in einer schwierigen Situation befinden, die sie nicht mehr alleine bewältigen können.

Seit März 2012 leitet Lüscher die Vermittlungsstelle Wegbegleitung in Schöftland, welche von der katholischen Pfarrei angeboten wird. Ausserdem läuft das Projekt seit 2012 auch in der katholischen Pfarrei Brugg und den reformierten Kirchgemeinden Leutwil-Dürrenäsch und Mellingen und seit 2014 in Windisch.

Nach zwei Jahren Pilotphase zeigt sich: Die Nachfrage in Schöftland ist mit knapp 100 Anfragen und letztlich fast 50 Wegbegleitungen innert zwei Jahren so gross, dass das Projekt nun ausgeweitet und auch in Aarau eingeführt werden soll. Die katholische Pfarrei Peter und Paul Aarau und die reformierte Kirchgemeinde Aarau wollen das Projekt in Kooperation mit der Pfarrei Schöftland ebenfalls in einer zweijährigen Projektphase einführen und aufbauen, wie sie kürzlich mitgeteilt haben. Geleitet werden soll das Aarauer Projekt ebenfalls von Monika Lüscher.

Warum ist die Nachfrage nach solchen Wegbegleitungen plötzlich so gross? Lüscher glaubt nicht, dass die Nachfrage gewachsen ist; der Bedarf nach einer solchen Unterstützung habe wohl schon immer existiert. «Es gibt viele gute Fachstellen und Beratungen für alles Mögliche, die Schwelle, dorthin zu gehen, ist aber für viele zu hoch. Die Leute zu solchen Fachstellen zu begleiten oder sie bei administrativen Arbeiten auch zu Hause zu unterstützen, das ist ein Nischenangebot, das bisher niemand abdeckt», sagt Lüscher.

Die meisten Personen brauchen Hilfe in den Bereichen Beziehungen, Familien und Einsamkeit sowie im Bereich Administration und Ämter. Auch bei der Wohnungssuche sind die Wegbegleiter oft gefragt. «Die Hilfe in Anspruch nehmen oft Menschen mit Mehrfachbelastungen; Menschen mit Schulden oder kleinem Budget, Menschen mit schwierigen familiären Konstellationen», sagt Lüscher. Im Schnitt sind die Klienten zwischen 40 und 60 Jahren alt, Schweizer und Personen mit Migrationshintergrund halten sich in etwa die Waage.

Manchmal kommt es vor, dass die Fälle die Kompetenzen der Freiwilligen übersteigen. Dann werden die Klienten an die Fachstellen weitervermittelt; das war bei rund der Hälfte der Anfragen der Fall. «Wir verstehen unsere Unterstützung als Hilfe zur Selbsthilfe», sagt Lüscher. Deshalb wird auch mit jedem Klienten eine Vereinbarung aufgesetzt, die die Wegbegleitung zeitlich begrenzt und das Ziel definiert. In der Regel dauert eine Begleitung sechs Monate.

Die zeitliche Begrenzung ist nicht nur für die Klienten wichtig, sondern auch für die Freiwilligen. «Es hilft uns, Freiwillige für ein Engagement zu begeistern», so Lüscher. Denn die Rekrutierung neuer Helfer sei nicht einfach.

Wichtig ist der Respekt

Auch für die Region Aarau sucht Lüscher jetzt nach Freiwilligen. Die Ansprüche: Man sollte mit beiden Beinen im Leben stehen und eine hohe Sozialkompetenz aufweisen. Wichtig ist auch der Respekt: «Man muss nicht alles, was die Klienten tun, für gut empfinden. Aber man sollte ihnen unbedingt mit Respekt begegnen.»

Das kann zuweilen auch belastend sein. «Die Freiwilligen müssen lernen, sich abzugrenzen.» Dazu werden die Freiwilligen in Einführungskursen sorgfältig in die Arbeit eingeführt und in Weiterbildungen geschult. Auch finden immer wieder Treffen für den Erfahrungsaustausch statt.

Infoveranstaltung für interessierte Freiwillige am Donnerstag, 6. November, 18.30 Uhr im Haus zur Zinne, Kirchgasse 19, Aarau