Aarau
Damals, als Aarau kurz Hauptstadt der Schweiz war

Die bewegte Aarauer Geschichte zur Zeit der Französischen Revolution haben Reto Gloor und Markus Kirchhofer vor 20 Jahren in einen Comic verpackt. Nun liegt eine Neuauflage vor.

Romana Jeker
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Markus Kirchhofer (links) und Reto Gloor mit dem neu aufgelegten Comic.Romana Jeker

Markus Kirchhofer (links) und Reto Gloor mit dem neu aufgelegten Comic.Romana Jeker

Romana Jeker

Im Foyer des Stadtmuseums Aarau brennt noch Licht. Denn an diesem Donnerstagabend glänzt der längst vergriffene Comic «Meyer & Meyer» an seiner Vernissage in neuer Aufmachung. Der Zielgruppe des Comics entsprechend sind ausschliesslich erwachsene Gäste anwesend. Der alte Schlössli-Turm, der zum Museum gehört, kommt in der Geschichte vor, denn er gehörte einst Johann Rudolf Meyer senior.

«Es ist ein eigenartiges, ja sogar etwas mulmiges Gefühl, sein eigenes Buch nach 20 Jahren wieder neu zu lesen», meint Markus Kirchhofer. Am Inhalt und den Zeichnungen wurde zwar nichts verändert, mit neuer Farbgebung und einem historischen Anhang von Marc Griesshammer, Kurator des Stadtmuseum Aarau, wirkt die Graphic Novel dennoch ganz anders.

Meistens entsteht bei einem Comic zuerst der Text und dann werden die Bilder dazu gezeichnet. Im Fall von «Meyer & Meyer» wurde der Inhalt im Vorfeld grob geklärt und Reto Gloor entwarf bereits erste Ideenskizzen vor der Fertigstellung des Szenarios.

«Meyer & Meyer» kombiniert eine angedeutete Kritik an der Frauendiskriminierung mit einer Prise wohleingesetzten Humors und wahrheitsgemässen Daten und Fakten aus der Geschichte. «Wir haben bei pathetischen Szenen wie etwa dem berühmten Spruch ‹Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit› eine Frau eingefädelt, die die Szene unterbricht und Tee bringt, um das Ganze wieder ein wenig auf den Boden zurückzuholen», erklärt Markus Kirchhofer.

Geschichte und Fiktion

Das Team machte sich zudem den interpretatorischen Freiraum zunutze, den die historischen Quellen bieten. Wie wohl Johann Rudolf Meyer ausgesehen hat? Unter welchen Umständen verstarb er? Solche Fragen sind faszinierend und inspirieren sofort. Meyer junior liessen die beiden im Meyerschen Stollen umkommen. Das sagenumwobene Haldenmonster, das ungeborene Kinder beschützen soll, hat ihn für seine Sünden bestraft. «Gott sei Dank hat man auch in diesen 20 Jahren nicht mehr über seinen Tod herausgefunden! Unsere Lösung ist zwar eher unrealistisch, aber noch immer nicht widerlegt», sagt Markus Kirchhofer mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Persönlich mit Aarau verbunden

Warum Aarau als Zentrum des Geschehens gewählt wurde, liegt auf der Hand: In der Umbruchstimmung zur Zeit der Französischen Revolution war die Stadt ein wichtiger Schauplatz geschichtlich bedeutender Ereignisse. Für Gloor und Kirchhofer hat Aarau ausserdem einen ganz persönlichen Charakter. «Wir haben beide dieselbe Klasse an der Neuen Kantonsschule in Aarau besucht», verrät Reto Gloor. «Ich war selbst im Stollen unten. Dort habe ich hautnah erlebt, wie es von den Wänden tropft. Es war wahnsinnig dunkel.» Die Neugierde der beiden war geweckt. Was trieb wohl den jungen Meyer schon vor mehr als 200 Jahren dazu, an diesen unheimlichen Ort hinunter zu steigen? Eine mögliche Antwort findet man im Comic.

Einsatz an der Schule?

Durch den Comic werden alte Zeiten wieder zum Leben erweckt. Dem entspricht ein trockenes Geschichtsbuch nicht annähernd. Dies ist auch der Grund, warum sich der Dozent Dominik Sauerländer für das Buch einsetzt: «Der Meyer & Meyer-Comic kann nicht nur im Klassenzimmer eingesetzt werden, sondern auch für Ausstellungsbesuche oder eine Stadtrundführung durch Aarau von Nutzen sein.»

Comics und insbesondere Graphic Novels sind entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil anspruchsvoll zu lesen. Der Lehrer muss im Vorfeld viel Aufwand betreiben und die verborgenen Aussagen herausschälen, um die Informationen optimal zugänglich zu machen. In einem Probelauf mit 15 Studierenden hat Sauerländer den Comic erfolgreich in den Unterricht eingegliedert. Momentan fehlt es an Geld für einen umfassenderen Einsatz. Vielleicht lässt sich das durch eine zweite Vernissage regeln.

Die Väter von «Meyer & Meyer» hätten sicher nichts dagegen. Auch wenn sie heute eigenen Projekten nachgehen, wird ihnen die Graphic Novel sicher noch weitere 20 Jahre in guter Erinnerung bleiben.

Reto Gloor/Markus Kirchhofer, Meyer & Meyer, 96 Seiten, farbig, 22×31 cm,
Hardcover, ISBN 978-3-03731-144-8
35 Franken.