Aarau

Da wird sogar der Star-Designer eifersüchtig: Frau Düsentrieb bastelt sich einen Hund

Machte ein Praktikum beim weltweit wohl bekanntesten Designer Philippe Starck: Chantal Bavaud (29)

Machte ein Praktikum beim weltweit wohl bekanntesten Designer Philippe Starck: Chantal Bavaud (29)

Erst winkte die Tenniskarriere, heute ist Chantal Bavaud Designerin. Auf einen ihrer Entwürfe ist sogar einer der weltbesten Designer neidisch.

Als Kind hatte sie sich sehnlichst einen Hund gewünscht. Sie bekam keinen. Also holte sie sich Karton und bastelte sich einen. Und weil Kartonhunde nichts fressen und nicht Gassi gehen wollen und auch sonst recht einfach zu handhaben sind, bastelte sie sich gleich noch einen zweiten. Heute hat Chantal Bavaud (29) einen Hund. Ein Mexikanischer Nackthund, vier Monate alt.

Ein Hund war bislang auch Bavauds erfolgreichstes Stück: «le chien savant», eine Kombination von Tisch und Stuhl fürs Kinderzimmer. Entstanden ist er während des Praktikums bei Philippe Starck, dem aktuell wohl weltweit bekanntesten Designer. Ein Praktikum bei ihm, dafür würden gewisse Leute die Schwiegermutter verkaufen. Bavaud bekam es, weil sie mit ihrem Dossier unter dem Arm bei seinem Pariser Büro klingelte.

Zwei Monate lang krampfte sie ununterbrochen, von Paris sah sie nichts. In dieser Zeit zeichnete sie auch den Entwurf für den Hunde-Tisch. Zurück in Aarau kam der Anruf: Ein Hersteller von Designer-Möbeln wolle den «chien savant» in Produktion nehmen. Ein Ritterschlag für Bavaud. In einem Interview sagte Starck sogar, er wünschte, der «chien savant» wäre seine Idee gewesen. «Ich konnte das erst nicht glauben», sagt Bavaud.

Keramik, ein zu enges Feld

Ein solches Lob von einem der besten Designer überhaupt – dabei hätte aus ihr doch etwas ganz anderes werden sollen: Tennisprofi. Doch als ihr in der Pubertät Knieprobleme einen Strich durch die Rechnung machten, sattelte sie um und besuchte nach der Bezirksschule in Nussbaumen den Gestalterischen Vorkurs in Aarau. Weil ihr das dreidimensionale Arbeiten gefiel, entschied sie sich für die Keramikdesign-Fachklasse und studierte vier Jahre lang in Bern. Doch nach vier Jahren war ihr die Keramik ein zu enges Feld geworden. Nicht nur, dass im Ofen die Arbeit von Wochen und Monaten innert Sekunden zerscherbeln kann. «Porzellan merkt sich alles. Hat die Schale einmal vor dem offenen Fenster gestanden, sieht sie vor dem Brennen perfekt aus, nach dem Brennen ist sie aber völlig verzogen.» Diesen Frust, diese Einschränkung wollte sie nicht mehr länger hinnehmen und entschied sich, Produktdesign zu studieren.

Doch so einfach war das nicht: Bavaud hatte keine Berufsmatur. Also bewarb sie sich bei der Fachhochschule auf gut Glück und meldete sich gleichzeitig für die Aufnahmeprüfung für die Berufsmatur an. Durch Letztere rasselte sie durch, die Aufnahmeprüfung für den Studiengang bestand sie mit Bestnote und wurde «sur dossier» aufgenommen.

Seit einem Jahr selbstständig

Vor einem Jahr hat sich Bavaud selbstständig gemacht. Nach einem bei Eoos während des Studiums in Wien, wo sie bis zu zwanzig Stunden täglich über den Zeichnungen für die «Slum Toilets» – einer Toilette ohne Anschluss an die Kanalisation, ein Auftrag der «Bill and Melinda Gates Foundation» – brütete, hatte sie genug vom Praktikantenleben. «Die Herausforderung war grossartig und das Erlebte lehrreich. Aber es hat mir zu viel Kraft geraubt», sagt sie. Und das alles für einen kümmerlichen Lohn, das wollte sie nicht mehr.

Jetzt putzt Bavaud Klinken, bewirbt sich um Förderbeiträge und nimmt an Wettbewerben teil. Über Wasser hält sie sich mit Tennisstunden und kleinen Aufträgen. Das braucht einen langen Atem. Ihre Ideen für neue Stücke holt sich Bavaud im Alltag: Was sie nervt oder ihr Probleme bereitet, wird mit einer Erfindung aus dem Weg geräumt. Eine Weltenverbesserin? Bavaud schüttelt energisch den Kopf und lacht. «Eher eine Frau Düsentrieb.»

Alles in einem

Ihre Bachelorarbeit stellt Chantal Bavaud ab heute Abend beim Möbelhaus Strebel in der Aarauer Rathausgasse aus: «Nanu», ein Kinderspielzeug, mal Kutsche, Schaukel, Piratenschiff, Räuberhöhle oder Chrömerliladen. Das Halbrund lässt sich mit zwei Holzelementen und wenigen Handgriffen in alles Mögliche verwandeln. «Ich wollte etwas gestalten, das – wie im Alltag von Auftraggebern – bereits im Entwicklungsprozess kritisch hinterfragt wird», sagt Bavaud.

Und weil niemand ehrlicher sei als Kinder, habe sie sich für ein Spielzeug entschieden. «Ein Kind zeigt dir sofort, wenn ihm etwas passt. Gefällt es ihm nicht, lässt es das Spielzeug links liegen.» Dazu kam, dass sie etwas Nachhaltiges produzieren wollte, etwas, das mehrere Generationen lang hält und die Fantasie der Kinder anregt. «Natürlich hat ein Kind Freude an einem Feuerwehrauto aus grellrotem Plastik, das hupt. Aber ein Kind hat auch genügend Fantasie, in einem Stein ein Feuerwehrauto zu sehen.» Oder einen Hund in einem Stück Karton.

Enthüllung Design-Schaufenster Heute, 17 Uhr, Möbel- und Einrichtungshaus Strebel, Rathausgasse 6–8, Aarau.

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