Chronistengezwitscher
Als die Aarauer Stadtmühle in Vollbrand stand

Katja Schlegel
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Brand der Mittleren Mühle oder Stadtmühle in Aarau am 3. August 1966. Bilder aus dem Aargauer Tablatt von Heinz Fröhlich.

Brand der Mittleren Mühle oder Stadtmühle in Aarau am 3. August 1966. Bilder aus dem Aargauer Tablatt von Heinz Fröhlich.

At/Heinz Fröhlich / Aargauer Zeitung

Um sieben Uhr in der Früh wars. «Fürio!» soll eine 83-Jährige geschrien haben über die Dächer des Hammerquartiers, dicht schon quoll der Rauch aus den Fenstern der Mittleren Mühle, der «Stadtmühle». Nur die Feuerwehr, die rief erst keiner an. Als sie schliesslich eintraf, stand schon eine dicke Rauchfahne über der Stadt.

Vor 55 Jahren, am 3. August 1966, brannte die Stadtmühle vollständig ab. Die jüngste der Aarauer Getreidemühlen, 1586/87 von Heinrich Amsler gebaut am Ende des Mühlegässleins. Die älteste Aarauer Mühle (1304 erstmals erwähnt, aber bereits vor der Stadtgründung 1248 bereits in Betrieb) stand am Ende des Ziegelrains neben dem Frauenkloster St. Ursula. So steht es in «Der Aarauer Stadtbach» von Urs Bänziger und Martin Pestalozzi. Die Obere Mühle (ebenfalls 1304 erstmals erwähnt) an der Bahnhofstrasse (heute McDonalds) lief bis 1888. Die Untere Mühle (urkundlich erstmals 1358 erwähnt, heute Velo Grassi) gilt als ältester Gewerbebetrieb im Hammer und lief sicher bis 1888. 1905 wurde der Aquädukt für die Wasserzufuhr abgebrochen.

Das Video des Stadtmühlebrands von 1966:

Das Video vom Stadtmühle-Brand 1966.

Archiv Eniwa AG

Anwohner mussten evakuiert werden

Dramatisch gestaltete sich die Situation, als der oberste Boden der Mühle einstürzte», steht im Aargauer Tagblatt vom 4. August 1966. «An der grossen Fassadenmauer, welche die dicht an die Mühle gebauten Häuser des Hammers um mehrere Stockwerke überragt, zeigten sich Risse!» Die Fassade drohte einzustürzen.

Die Bewohner der angrenzenden Wohnhäuser im Hammer und im Stadthöfli hatten die Feuerwehr Aarau, unterstützt von den Kollegen aus Buchs und Suhr sowie den Rekruten der Inf. RS 205 aus der Kaserne, bereits evakuiert. Trotzdem habe man bange beobachtet, wie sich die Risse in den Mauern stetig vergrösserten, so der AT-Bericht. Mit jedem Einsturz eines Bodens habe sich die Situation beruhigt. «Doch jedesmal, wenn ein Boden im Feuer zusammenbrach, hielt man den Atem an, und die bange Frage war von den Gesichtern der Feuerwehrleute zu lesen: Hält die Fassade – stürzt sie auf die Häuser des Hammers! - Wenn die Fassade auf den Hammer hinunterstürzt, brennen dort sofort eine Anzahl der alten Häuser!»

So weit kam es glücklicherweise nicht. «Bis an den Rand der Erschöpfung kämpften die Feuerwehrmänner gegen das wütende Element», so der AT-Artikel. «Verbissen und oft sich in allerhöchste Gefahr begebend, suchten sich die Flammen zu überlisten, die immer wieder hochschnellten, wenn ein Windstoss durch die Trümmer fegte, unter den Brei von Glut, Asche Mehl und Wasser griff und das Feuer explosionsartig wieder entfachte.»

Gegen 10 Uhr war die Mühle grösstenteils ausgebrannt. Das Feuer hatte einen Schaden von über einer Million Franken verursacht, darunter auch Schäden an benachbarten Häusern. Die evakuierten Anwohner mussten im Bunker beim Schlössli übernachten.

Wochenlang qualmte die Ruine weiter

Bereits am Tag nach dem Ausbruch des Feuers begannen die Abbauarbeiten an der Nordfassade, während es in der Ruine noch immer schwelte. Nur zehn Tage nach dem Brand erschien im AT ein Artikel mit dem Titel «Luftschlossbauten anstelle der Stadtmühle», in dem Ideen für den Ersatz des grossen Gebäudes gesucht wurden. Die Redaktion selbst schlug vor, den Bau eins Parkhauses zu prüfen, die Leserschaft brachte ein Kulturzentrum, angegliedert an den Saalbau ins Spiel.

Vier Wochen nach Brandausbruch qualmte die Stadtmühle noch immer. An ihrer Stelle wurde schliesslich ein Mehrfamilienhaus gebaut. Es war übrigens nicht das erste Mal, dass es in der Stadtmühle brannte. Anno 1905 war Aarau aber haarscharf an der Katastrophe eines Stadtbrandes vorbeigeschrammt. Und bereits vor 130 Jahren, im Juli 1891, als im Stadthöfli ein Feuer ausbrach, konnte ein Übergreifen auf die Stadtmühle gerade noch verhindert werden.

Hinweis

Jeden Monat werfen wir einen Blick in die Chroniken der Aarauer Neujahrsblätter. Wir schauen, was die Stadt vor 20, 50 oder 70 Jahren bewegt hat, und zeigen hübsche Trouvaillen zum Grinsen, Ärgern oder Besserwissen.

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