Jahrelang war das Hexenmuseum Schweiz in Auenstein beheimatet, etwas versteckt im Wohn- und Industriequartier. Nun steht die Neueröffnung im Schloss Liebegg in Gränichen vor der Tür – aber das gefällt nicht allen. Darauf lassen Inserate im «Lenzburger Bezirksanzeiger» und im «Landanzeiger» schliessen: «Betet für den Aargau und um Verhinderung des Hexenmuseums auf Schloss Liebegg», steht da (siehe Ausriss unten).

Ein Absender fehlt. Aber eine kurze Recherche lässt erahnen, wo die Urheberschaft zu suchen ist: Der Verein «Gebet für die Schweiz» ist nicht begeistert davon, dass sich Hexen im Schloss einquartieren. Auf seiner Website (gebet.ch) schreibt er: «Offiziell heisst es, dass Brauchtum und Kultur des Hexenwesens einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgemacht und darüber informiert werden soll. Doch die dahinterstehenden Hexen und Wiccas wollen offensichtlich auch die Praxis des Hexenwesens vorantreiben.»

Dabei hat der Verein «Gebet für die Schweiz» ganz eigene Pläne mit Schloss Liebegg: Im Januar versammelte die Organisation rund 200 Beterinnen und Beter auf dem Schloss, «um den Ort als Gebetshaus mit Ausstrahlung auf Europa zu beanspruchen». Auch am vergangenen Sonntag hat so ein Anlass stattgefunden, der nächste ist für den 22. April geplant.

«Dieses Haus ist ein Gebetsschloss»

Der Grund dafür hat einen Namen: Baronin Juliane von Krüdener (siehe Text am Artikelende). Hans-Peter Lang, Leiter von «Gebet für die Schweiz», ist fasziniert von der Missionarin. Der Gründer der Sozialstiftung «Wendepunkt» und «Aargauer des Jahres 2012» stiess in einer Chronik auf die Geschichte von Krüdeners, die mit ihren Predigten bis zu 2000 Menschen auf dem Schloss zu versammeln vermochte. «Diese verschüttete Segensquelle will der Herr wieder freilegen», schreibt Lang im Bulletin von «Gebet für die Schweiz».

So sollen «das Licht und die Segensströme Gottes ins Wynental, in den Kanton Aargau, weiter in die Schweiz und über unsere Landesgrenzen hinaus in die Länder Europas fliessen». Und weiter heisst es dort: «Wir proklamieren die göttliche Bestimmung: ‹Dieses Haus ist ein europäisches Gebetsschloss!›» Ein Teilnehmer des Gebets-Anlasses vom Januar, so steht es ebenfalls auf «gebet.ch», habe im Traum sogar gesehen, wie «ein Engel des Herrn» einen «mächtigen Markierungsstein» auf eine nicht näher bezeichnete «Hexenwiese» bei Schloss Liebegg gesetzt habe: «Als Zeichen des erneuerten Hoheits- und Gebietsanspruchs des Allmächtigen an dieser Stelle.»

Es klingt also nicht danach, als wäre der Gebetsverein, der sich unter anderem gegen Abtreibungen ausspricht, erpicht darauf, seine neu entdeckte religiöse Stätte mit den Hexen zu teilen. Zumal diese hier auch einschlägige Kurse anbieten.

Auf Anfrage der AZ erklärt Hans-Peter Lang, «Gebet für die Schweiz» leiste «keinen Widerstand» gegen das Museum. Er will vom Bet-Aufruf per Inserat keine Kenntnis gehabt haben. «Das Museum wurde vom Kanton bewilligt. Sie haben eine Überzeugung, wir haben einen Glauben. Meiner Ansicht nach gehen der Museumsbetrieb und die Andachten aneinander vorbei.»

«Kein Museum dieser Art»

Die Museums-Verantwortlichen haben aber nicht den Eindruck, dass die Betenden ihnen freundlich gesinnt sind. Wicca Meier-Spring, die Direktorin des Hexenmuseums Schweiz, kann nicht verstehen, weshalb dies so sei: «Wir sind ein anerkanntes historisches und volkskundliches Museum und zeigen die Geschichte der Hexenverfolgungen der letzten 350 Jahre in Europa.» In den vergangenen Jahren habe sie viel in Archiven gearbeitet und die Hexenprozesse erforscht, sagt Wicca Meier-Spring. Diese Forschungsergebnisse werden im Museum gezeigt: «Es gibt im deutschsprachigen Europa kein Museum dieser Art.»
Dass nun eine religiöse Vereinigung gegen das Museum schiesst, befremdet sie: «Warum können wir nicht nebeneinander leben?» Die Scheune, in der «Gebet für die Schweiz» seine Andachten abhält, grenzt direkt ans Museum. «Wir haben beim Einrichten des Museums extra das Radio abgestellt, um nicht zu stören», sagt Wicca Meier-Spring. Ihr Ehemann Christoph Meier ist – wegen der räumlichen Nähe – Ohrenzeuge geworden von Gottesdiensten: «Es wird gegen uns gebetet.» Man predige die Liebe und grenze Andersdenkende aus, sehe im Museum den Anti-Christ. «Mich erschüttern solche Sachen», sagt Meier-Spring. Seit die Welt existiere, gebe es Glaubenskriege; dass es das im 21. Jahrhundert in der Schweiz noch gibt, kann sie nicht verstehen. Es sei schwierig, mit Menschen zu reden, die die Wahrheit zu besitzen glaubten. Die Angst davor hätten, dass die Ungläubigen die Schweiz übernähmen und gegen alle seien, die nicht ihrem Glauben anhängen. «Man bekämpft, was man nicht kennt», sagt sie.

Widerstand habe es schon bei der Eröffnung des Museums vor acht Jahren am Standort Auenstein gegeben, erinnert sich Christoph Meier. Damals hat EDU-Grossrat Samuel Schmid eine kritische Interpellation eingereicht, worauf der Regierungsrat nach einem Augenschein den Status als Museum bekräftigt habe. Es sei sogar für Schulen empfohlen worden.

Liebegg-Betreiber überrascht

Das Hexenmuseum ist eine neutrale Institution. Es gehört sowohl dem Verband Aargauer Museen und Sammlungen als auch dem Verband der Museen der Schweiz an. Der Verein Schloss Liebegg, der die Anlage im Auftrag des Kantons Aargau verwaltet und bespielt, steht denn auch hundertprozentig hinter dem Hexenmuseum. Das betont Präsident Urs Bachmann. «Dieses anerkannte Museum wird dazu beitragen, eine neue Publikumsgruppe für das Schloss zu erreichen.» Bachmann hat zwar mitbekommen, dass «Gebet für die Schweiz» einen gewissen Anspruch auf das Schloss erhebt. Dass nun aber sogar per Inserat dazu aufgerufen werde, gegen das Hexenmuseum zu beten, habe ihn überrascht. «Wir werden uns im Vorstand nun überlegen, ob wir die beiden Seiten für eine Aussprache an einen Tisch holen sollen. Die Liebegg ist ein Schloss für alle und soll es bleiben.»

Baronin Juliane von Krüdener mit ihrer Tochter.

Baronin Juliane von Krüdener mit ihrer Tochter.