Oberentfelden
Christian Heilmann und sein Mausoleum der Bürsten

Archivar Christian Heilmann putzt einen Dachstock zm Industriemuseum raus. Im Herbst soll das Industriemuseum aufgehen und – da der Dachstock nicht beheizbar ist – in den kommenden Jahren jeweils in den Sommermonaten geöffnet sein.

Sabine Kuster
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In Oberentfelden entsteht ein Bürstenmuseum
7 Bilder
Zahnbürsten-Rohlinge.
Elektrische Zahnbürste in einem Versuchsmodell.
Gläserbürsten für Gastronomiebetriebe.
Teppichbürsten, Blocher und Flaumer in allen Variationen.
Eine Schuhputzmaschine der Konkurrenz – zum Abgucken.
Werbeplakat.

In Oberentfelden entsteht ein Bürstenmuseum

Christian Heilmann stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Behalten oder wegschmeissen? Die Schuhwichse, welche er zusammen mit einer Schachtel Schuhbürsten gefunden hat: Behalten oder wegschmeissen? Die vielen Abwaschbürsten in allen Formen und Farben: Behalten oder wegschmeissen? Und was soll Heilmann mit dem gelben Kanister Teppichshampoo tun? Vertreter der Bürstenfabrik Walther haben früher damit gleich vor Ort gezeigt, wie gut die Walter Bürsten bürsten.

«Walther Bürsten bürsten gut, Walther Bürsten bürsten besser.» Der Spruch hängt an einem Balken im Dachstock der alten Bürstenfabrik Walther in Oberentfelden. Wir befinden uns im Trakt B1 zuhinterst auf dem Industrieareal, das heute der Genossenschaft «Alte Bürsti» gehört und von den unterschiedlichsten Handwerksbetrieben, Künstlern und Vereinen genutzt wird.

Mehrere tausend Bürsten

Christian Heilmann steigt die knarrende Holztreppe hinauf. Schon hier liegt Staub. Oben gibt es noch mehr davon. Staub hat sich auch auf die Bürsten gelegt. Sie sind überall, Heilmann weiss nicht, wie viele es sind, mehrere tausend wohl: Zahnbürsten, gewöhnliche und elektrische, WC-Bürsten, Teppichroller, Flaumer, Blocher, Striegel für Pferde, Reisbesen, Bürsten für Wischmaschinen, Bürsten für Gläser. Manche sind kaum einen halben Zentimeter breit, dafür einen Meter lang, eine hat statt Borsten Gummilappen, die inzwischen steinhart geworden sind. Manche Bürsten sind die Haare ausgefallen. Auch die Feuchtigkeit macht ihnen zu schaffen. Und die ältesten Rohlinge der Zahnbürsten sind so spröde geworden, dass sie bei Berührung

Bürstenfabrik Walther

Die Bürstenfabrik Walther wird 1868 von Samuel Thut-Walther gegründet. Zu ihren besten Zeiten sind über 300 Mitarbeiter beschäftigt (1945). 1987 wird die Firma nach Schwierigkeiten aufgeteilt, der Konsumgüteranteil geht samt Markennamen und Fabrik in Ebnat-Kappel an die Firma Just über (ab 1989 Trisa). Noch heute sind deshalb Bürsten der Marke Walther erhältlich. Ein Teil der Produktion in Oberentfelden wird still gelegt, ein anderer geht in die neu gegründete Firma Wasag über. Die Gemeinde erwirbt 1995 das Areal in Kombination mit einem Landabtausch und ermöglicht Wasag einen Neubau auf Gemeindegebiet. Wasag stellt heute technische Bürsten her. Der letzte Geschäftsführer der Bürstenfabrik, Friedrich Adolf Walther, ist vergangene Woche am 19. Juni in Aarau im Alter von 91 Jahren gestorben. (kus)

Das Material aus dem Zeitalter vor dem Staubsauger ist alt und wirkt auch so. Nur auf den Werbeplakaten ist der Glanz der Produkte noch zu sehen, die Hausfrauen glücklich gemacht haben sollen.

Auch Produkte der Konkurrenz

Mitten in diesem überstellten Bürsten-Mausoleum steht Christian Heilmann, Bibliothekar der Zentralbibliothek in Zürich und Archivar der Gemeinde Oberentfelden. «Aufräumen ist nicht das, was ich gerne mache», sagt Heilmann, «mich reizen einfach Orte, wo Geschichten auftauchen.»

Nach diesen sucht er auch hier, im Dachstock der ehemaligen Bürstenfabrik Walther. Er zeigt auf eine Tür zu einem kleinen Raum, worauf mit Kreide das Wort «Museum» geschrieben steht. Bereits als hier noch Bürsten hergestellt wurden (1868–1995), war offenbar eine Art Ausstellung über die Konkurrenz eingerichtet. Ein grosser Teil der hier gelagerten Bürsten, sind fremde Produkte, die zum Nachbauen gekauft wurden.

In einem zweiten Raum hängen die eigenen Modelle, die für Firmen hergestellt wurden und fein säuberlich nummeriert und katalogisiert sind. In diesen Katalogen, die er im Staatsarchiv in Aarau kopieren konnte, schmökert er jetzt. Es fällt Heilmann leicht, sich in ein neues Thema einzuarbeiten, auch wenn er in diesem Fall sagt: «Mein Fachwissen über Bürsten ist dürftig», und dass er nicht derjenige sei, der zu Hause putze. Doch manchmal rutscht ihm vor lauter Identifikation mit seiner Arbeit ein «wir» raus, wenn er von der Bürstenfabrik spricht.

Um die Bürsten wird es sauber

Behalten oder wegschmeissen? Noch bis im Sommer ist er abends nach der Arbeit und sonntags am Aussortierten. Danach soll der Dachstock zu einer würdigen Umgebung für Bürsten werden: Aufgeräumt und frei von Staub. Ein Beamer soll die alten Produktions- und Werbefilme zeigen, das Filmmaterial lässt Heilmann momentan digitalisieren. Vor allem dafür haben die Ortsbürger an ihrer Versammlung Anfang Juni 5000 Franken gespendet.

Anderes hat Heilmann gratis bekommen: Für den Stammbaum der Familie Walther, den er aufhängen will, hat er einen alten Bilderrahmen in Weltformat aus der Zentralbibliothek mit dem Zug von Zürich nach Oberentfelden geschleppt.

Im Herbst soll das Industriemuseum aufgehen und – da der Dachstock nicht beheizbar ist – in den kommenden Jahren jeweils in den Sommermonaten geöffnet sein.