Aarau
Chorleiter Thomas Baldinger – des Dirigenten Derniere mit einer Premiere

Vor dreissig Jahren hat er den Chor musica vocalis rara gegründet. In Muri und Aarau trat der Chor zum letzten Mal auf, mit der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach.

Jürg Nyffenegger
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Thomas Baldinger setzte im Chor-Kanton Aargau neue Impulse.

Thomas Baldinger setzte im Chor-Kanton Aargau neue Impulse.

HO

Dieses Werk von Bach hat der Dirigent Thomas Baldinger bislang noch nie dirigiert. Eine schönere Premiere hätte man sich in dieser Derniere kaum wünschen können. Die Konzertbesucher erlebten, wie nahe Baldinger seinen Chorsängern, den Orchestermusikern, den Solisten steht, wie intensiv er sich mit ihnen auseinandersetzt, wie präzis er dirigiert, jedes Detail pflegend, ohne die grosse Linie zu verlieren, keine Geste zu viel, aber auch keine zu wenig.

Mit Musica vocalis rara vereinten sich das Collegium Vocale Lenzburg und das Capriccio Barockorchester, das in Rheinfelden eine neue Heimat gefunden hat.

Das Orchester mit Konzertmeister Dominik Kiefer an der Spitze spielte, wie für Bach-Interpretationen heute allgemein üblich, auf historischen Instrumenten, und dieser dunkle Klang vermochte die beklemmende Stimmung der Passion überzeugend aufzufangen.

Wunderschöne Soli der Violinen, des Cellos, der Flöten und Oboen setzten Glanzlichter. Erwähnenswert auch das Continuo, das mit den Gesangssolisten phänomenal harmonierte. Schade, dass im informativen Programmheft die Namen der Orchestermitglieder fehlten.

Grossartige Solisten

Bach hat den Solisten in der dreistündigen Passion, die am Karfreitag 1727 erstmals in der Thomaskirche zu Leipzig erklang, eine wichtige Aufgabe zugedacht. Sie alle nahmen sich der anspruchsvollen Partitur engagiert an und berührten das Publikum, in der vollbesetzten katholischen Kirche Aarau zutiefst.

Da war Hans-Jürg Rickenbacher als Evangelist, der erzählte, der die tragische Geschichte um den Tod Jesu zum packenden Erlebnis gestaltete. Das Publikum hing ihm geradezu an den Lippen, als er vom Verrat und den bitteren Tränen und dem Tod Jesu berichtete.

Die übrigen Solisten standen dem Evangelisten in nichts nach: die Sopranistin Lena Kiepenheuer, der Altus Jan Börner (grossartig die beiden im Duett gegen Ende des ersten Teils), Stefan Vock, dem die Stimme Jesu anvertraut war, der Tenor Dino Lüthy und der Bariton Matthias Heim.

Klangschöne Chöre

Eine zentrale Rolle kommt den Chören zu. Bach schrieb seine monumentale Passion für zwei Chöre und zwei Orchester. Neben zahlreichen Chorälen verkörpern die Chorsänger das Volk, das zum Beispiel lautstark die Kreuzigung verlangt.

Gerade da spürt man die hohe Aktualität des Werkes. Unrecht siegt über Recht, der Mob gewinnt, der echte Übeltäter kommt frei, der unbequeme Mahner wird getötet.

Beide Vokalensembles waren optimal vorbereitet, was für Thomas Baldinger üblich ist. Da sass jeder Ton, jede Differenzierung kam so, wie es sich der Dirigent wünschte. In der Kirche war es totenstill, als der Choral «Wenn ich einmal soll scheiden» angestimmt wurde, im Pianissimo, aber dennoch den Raum füllend. Da spürte wohl jeder Zuhörende, dass er einem ganz grossen Ereignis beiwohnte.

Alle Mitwirkenden verdienen grössten Respekt, denn einfach ist es nicht, in der Interpretation eines dreistündigen Werks vom ersten bis zum letzten Takt mit höchster Aufmerksamkeit und Präsenz mitzuwirken.

Es braucht einen Dirigenten, der mit seiner Begeisterung, seiner Motivation, seiner grenzenlosen Liebe zur Musik am Pult steht, einen Leiter, der es versteht, den grossen Bogen und die Spannung aufrecht zu erhalten.

Der Chor, der sich nun auflöst, wird in Zukunft fehlen und im aargauischen Konzertleben eine grosse Lücke hinterlassen. Der Dank für unvergessliche Stunden gehört Thomas Baldinger, ganz besondere Konzertprogramme gestaltet hat. Es war sein Wunsch, mit der Matthäuspassion den Schlusspunkt zu setzen. Ein schöneres Abschiedsgeschenk kann es in der Tat nicht geben.

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