Buchs/Aarau
Chocolat Frey: Seit 125 Jahren weht Schoggiduft über der Stadt

125 Jahre, nachdem Robert Frey als 26-Jähriger am Aarauer Stadtbach Kakao zu mahlen begann, ist bei Chocolat Frey vieles anders. Doch noch immer weht, je nach Windrichtung, Schokoladeduft über Stadt und Umgebung.

Sabine Kuster
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Mensch kontrolliert Maschinenarbeit, weiter hinten ist es umgekehrt.

Mensch kontrolliert Maschinenarbeit, weiter hinten ist es umgekehrt.

Noch immer ziert das Einhorn aus dem Familienwappen der Familie Frey das Logo der Schokoladefabrik. Und noch immer bringt jede Kakaobohnenlieferung einen Hauch der weiten Welt hierher.

Blinde Passagiere aus Ghana

Seit 1978 befindet sich die Fabrik in Buchs. Wer zu den Kakaobohnen will, muss sich erst mal umziehen: Graue Schutzkleidung ist Vorschrift in diesem Teil der Fabrik.

Die gewöhnlichen Kakaobohnen kommen aus Westafrika, die hochwertigen aus Lateinamerika. Sie werden eingeschifft, vom Hafen von Amsterdam per Lastwagen nach Köln gefahren und von da mit der Bahn bis ins Torfeld nach Aarau. In der Schoggi-Frey prasseln die Bohnen aus riesigen Kunststoffsäcken in die Reinigungsmaschine.

In den Säcken steckt auch anderes: Die Arbeiter im Bohnentrakt haben in einer kleinen Ausstellung die «Souvenirs» gesammelt, die mit samt den Bohnen versehentlich die Reise nach Europa angetreten hatten: Eine Dose mit Münzen, ein Glas voller Murmeln, Schmuck, Teile von Spielzeug, Knochen oder ein winziges Parfumfläschchen.

Zur Hauptsache sondert die Maschine jedoch Steine aus. André Erpen, Teamleiter Grundfabrikation, kann sie aufgrund ihrer Farbe ihrem Herkunftsland zuordnen, weil er die Böden kennt, auf welchen die Bohnen getrocknet werden: Die roten Steine kommen aus Ghana, die Zementstücke aus Ecuador.

Zuerst geschieht alles im geschlossenen Vorgang. Die Bohnen werden nach der Reinigung erhitzt, beziehungsweise entkeimt, geröstet und dann gemahlen. Es riecht hier nicht nach Schokolade, sondern leicht säuerlich nach dem Essig, den die rohen Bohnen enthalten. Die gerösteten Kakaobohnen schmecken herb.

Die erste Probe schmeckt sandig

Im Haupttrakt der Fabrik – diesmal in weisser Kleidung, mit Haarnetz und geschrubbten Händen – sehen wir endlich die braune Masse. Sie bröckelt, gemischt mit Zucker, Milchpulver, zusätzlichem Kakaobutter und Emulgatoren, aus einem Trichter – und schmeckt sandig. «Schweizer Schokolade wird auf mindestens 20 My fein gewalzt», sagt Produktionsleiter Thomas Hinterberger, der uns durch die Fabrik führt. Das sind Stäubchen von 0,002 mm.

Aus der Walze rieselt eine schmale Spur über ein Förderband direkt in die Conchiermaschine – das Herzstück der Schokoladenproduktion.

Diese riesigen Rührwerke mischen während 24 bis 48 Stunden die Aromen zu einer harmonischen Masse. Sechs Tonnen Schokolade fasst jede Conche. Wenn man am Ende des Prozesses den Deckel hebt, schwappt und spritzt einem wie in einem süssen Traum die flüssig gewordene Masse entgegen.

1400 Tonnen Schokolade aufs Mal

30 verschiedene Grundmassen fliessen von da durch armdicke Rohre in eine Zentrale. Vor den Schaltern und Ventilen stehend, fühlt man sich wie im Film «Charlie and the Chocolate Factory».

Die nächste Etappe ist die nüchternste: In einem Raum stehen 46 riesige Tanks. Jeder fasst 30 Tonnen, doch selbst, wenn sie alle gefüllt sind, reicht die Reserve nur für wenige Tage. Die Arbeiter von Chocolat Frey produzieren jährlich mehr als 40000 Tonnen Schokolade.

Doch wo sind die 800 Festangestellten überhaupt? Bis jetzt tauchte zwischen den Maschinen nur da und dort mal jemand auf.

Erst in der Abfüllerei arbeiten mehr Menschen – Frauen. Auch das hat sich während der 125 Jahre Schokoladeproduktion nicht verändert: Fliessbandarbeit ist ein Frauenjob. Heute sind bei Chocolat Frey auch die Maschinenführer häufig Frauen.

In den oberen Geschossen, wo die Produkte abgepackt werden, ist an diesem Tag kein einziger Mann zu sehen. Dabei sind die Produktionsstrassen ein mechanischer (Männer-) Traum. Aus den Giessformen werden 20 Schokoriegel aufs Mal auf das Förderband geschlagen, sie reihen sich brav zur Einerkolonne, sausen um eine Ecke und werden schliesslich verpackt: «Pro Minute 141 Stück», sagt Produktionsleiter Hinterberger.

Von Hand, schätzt er, könnte eine Arbeiterin 8 bis 10 Riegel pro Minute einpacken. Es sieht aus, als würde die Maschine die Riegel mit einer einzigen Bewegung in die Folie falten. Perfekt. 200 Jahre nach der industriellen Revolution haben Maschinen nichts von ihrer Faszination eingebüsst.

Mensch und Maschine als Team

Es gibt bei Chocolat Frey inzwischen nur noch wenige Arbeitsschritte, die von Hand erledigt werden. Die Arbeiterinnen sind vor allem dazu da, die Arbeit der Maschinen zu überwachen.

Nur dort, wo die Produkte oft ändern, werden Menschen eingesetzt, weil sie schneller und billiger «umprogrammiert» sind. Deren Arbeit wird wiederum von Maschinen überwacht: Röntgengeräte stellen sicher, dass keine unvollständige Pralinenschachtel die Fabrik verlässt. Ein Luftstoss befördert alles Unperfekte – auch zerknitterte Verpackungen oder zerbrochene Schokolade – vom Fliessband.

Die Fabrik kennt nur zwei Saisons

Trotz Perfektionismus, trotz neuster Technik und trotz ständig wechselnder Überkleider, Haarnetzen, Hygienevorschriften: Die Chocolat Frey ist zumindest unten in der Schokoladeproduktion noch immer eine richtige Fabrik, kein Operationssaal. Einzelne Maschinen sind so alt wie der Standort in Buchs.

Früher war vor allem in Kriegszeiten Schokoladesaison (siehe Text unten), heute sind Ostern und Weihnachten Schokolade-Feste.

Doch wer glaubt, jetzt, kurz vor Ostern, herrsche die grosse Hektik, täuscht sich: Die Produktion läuft auf einem Minimum, viele Maschinen werden überholt. Hochbetrieb ist in Buchs nach den Sommerferien bis Anfang Februar.

Sobald die Weihnachtsschokolade im letzten Spätherbst verpackt war, wurden – mitten im Advent – die Osterhasen gegossen.