Suhr

Chirurgin und Pflege-Pionierin Anna Heer hatte bereits zwei Strassen - nun auch eine Biografie

Anna Heer(1863– 1918) kam mit ihrer Familie als 14-Jährige nach Suhr und besuchte von hier aus die noch junge Mädchenbezirksschule in Aarau. Dann siedelte sie nach Zürich über und studierte, nachdem sie sich zuerst an der Kunstgewerbeschule eingeschrieben hatte, Medizin.

Anna Heer(1863– 1918) kam mit ihrer Familie als 14-Jährige nach Suhr und besuchte von hier aus die noch junge Mädchenbezirksschule in Aarau. Dann siedelte sie nach Zürich über und studierte, nachdem sie sich zuerst an der Kunstgewerbeschule eingeschrieben hatte, Medizin.

Die Chirurgin und Gründerin der Pflegerinnenschule wuchs in Suhr auf und ging später zum Studieren nach Zürich. Ihre Biografie gibt nicht nur Einblicke in ihr Leben, sondern auch in eine bewegte Zeit.

Anna-Heer-Strasse? Es gibt sie in Suhr, aber auch in Zürich. Die erste erinnert an eine kurze, aber für ihre Zukunft wichtige Zeit: Anna Heer kam 1877, im Alter von 14 Jahren, nach Suhr. Die zweite gilt der Zeit ihres Wirkens in Zürich – als Chirurgin, Unternehmerin und Pionierin der Krankenpflege.

Die Historikerin und Publizistin Verena E. Müller hat sich der Lebensgeschichte von Anna Heer (1863–1918) angenommen. Im Mai erscheint ihre Biografie über die Frau, die sich für Frauen eingesetzt hat. Das Buch gibt darüber hinaus einen Einblick in eine bewegte Zeit: wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich.

Die Familie Heer zog aus Olten nach Suhr. Komplexe Familienverhältnisse, die Anna Heer 1900 lakonisch so umschrieb: «Mein Vater hatte eine kleine Fabrik und eine grosse Familie.» Eine illustre Persönlichkeit, dieser Isaak Heer aus dem Thurgau, der bei Carl Franz Bally als «Comptoirist» arbeitete, hinter dem Rücken seines Patrons Geschäfte auf eigene Rechnung betrieb, sich mit 26 Jahren absetzte und mit der Firma Heer, Kunz & Cie. zum Begründer der später erfolgreichen Oltner Schuhindustrie wurde. In Suhr stellte er in seiner Elastic-Fabrik Heer & Co. elastische Gewebe her.

Was aber seine Tochter Anna betrifft, «das älteste von elf Kindern, von denen sieben das Erwachsenenalter erreichten», zeigte er nicht den Charakter des Querulanten, als der er sich im Wirtschaftsleben, auch in Suhr, offenbarte und der ihn vors Bezirksgericht Aarau brachte. «Derselbe Mann förderte konsequent die Bildung seiner drei älteren Töchter. Das war alles andere als üblich», schreibt die Biografin. Anna besuchte in Aarau die Mädchenbezirksschule, eine Gründung von 1874.

«Intellektuell nicht überlastet»

Dass sie eine gute Schülerin war, zeigt die Tatsache, dass sie trotz beinahe einstündigem Schulweg zu Fuss der Suhre entlang und zusätzlichen Familienpflichten als älteste Tochter «intellektuell nicht überlastet» war: Sie nahm privat Unterricht in Griechisch, um Homer im Original zu lesen. Sie tat dies zusammen mit ihrer 13 Jahre älteren Freundin Anna Peyer, Lehrerin, in deren Gesellschaft Anna Heer häufig zeichnete und malte. Und 1880 schrieb sich Anna Heer an der eben gegründeten Zürcher Kunstgewerbeschule ein.

Doch es kommt anders. Anna Heer wohnt beim kinderlosen Ehepaar Grob in Zürich. Kaspar Grob ermuntert sie, an die Höhere Töchterschule zu wechseln. Anna studiert von 1883 bis 1888 in Zürich Medizin, verbringt nach der Schlussprüfung einige Monate in London, wo sie von der Reform der Krankenpflege, propagiert unter anderem von Florence Nightingale, hört. Zurück in Zürich vertritt sie die erste Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin während deren Mutterschaftsurlaubs und schreibt ihre Dissertation: «Über Schädelhalsbrüche». Sie wird Chirurgin.

Pflegerinnenschule gegründet

Und die Familie? Sie zieht nach 12 Jahren in Suhr ebenfalls nach Zürich; die Eltern leben zeitweise an unterschiedlichen Adressen. Anna bemüht sich um eine fundierte Ausbildung zur Pflegerin für bürgerliche Töchter, dies ohne religiöse Verpflichtung. Der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein, aber auch einflussreiche Frauen und Männer, ermöglichen Anna Heer und ihrer Freundin Ida Schneider 1901 die Gründung einer Pflegerinnenschule mit Spital. Ida Schneider (1869 bis 1968) wird Oberin, Anna Heer arbeitet, neben ihrer Privatpraxis, als Chefärztin.

Der Erste Weltkrieg brachte die Schule in finanzielle Nöte, doch erholte sich die Institution und hatte bis 1998 Bestand. Anna Heer aber verletzte sich im November 1918 (Weltkriegsende, Landesstreik, Spanische Grippe) während einer Operation und starb einen Monat später an einer Blutvergiftung.

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