Das neue Bettenhaus der Barmelweid ist nicht nur von aussen schön anzusehen. Wer durch die langen, leicht geschwungenen Gänge spaziert, trifft auf zwei Dutzend grossformatige Fotos – Wälder, Einzelbäume. Daneben alte Bekannte: Waldmalereien von Felix Hoffmann (1911–1975). Die Fabelbilder zierten früher die Wand des nun abgerissenen Speisesaals der Barmelweid. Dass sie hier im Neubau ein zweites Leben erhalten haben, ist Renate Buser zu verdanken. Die in Basel lebende, international bekannte Künstlerin hat ihre Naturfotos, die in den Wäldern rund um die Barmelweid entstanden, in einen Dialog mit Hoffmanns Fresken gestellt. «Felix und Renate», heisst ihr Werk. Dass Buser sich aktiv darum bemüht hat, die «Kunst am Bau» im Bettenhaus machen zu dürfen, hat einen Grund: Die Barmelweid ist ihre Heimat. Hier ist sie aufgewachsen, als fünftes und jüngstes Kind des Chefarztes Max Buser. 1957, wenige Jahre vor ihrer Geburt, zügelte die Familie ins Chefarzt-Haus im Nordwesten des Areals. «Ein grosses Haus mit einem grossen Garten – und der Primarschule im Keller», erinnert sie sich. Denn seinerzeit hätten viele Kinder auf der Barmelweid gelebt – von Pflegerinnen, Handwerkern, Ärzten, dem Abwart. Nein, sie sei als Chefarzttochter nie bevorzugt gewesen, verneint Buser lachend, «das hätte auch nicht dem Stil meiner Eltern entsprochen». Nur einmal bekam sie eine Spezialbehandlung: Als ihre beste Freundin, ein Jahr älter, eingeschult wurde. Die kleine Renate harrte vor dem Schulfenster aus. «Bis die Lehrerin, Frau Joho, mich hereingeholt hat und ich mitmachen durfte, ein Jahr früher als normal. Deshalb war ich bis in die Kantizeit bei weitem die Jüngste der Klasse.»

Mit Rollschuhen in den Gängen

Wenn Buser über ihre Kindheit auf der Barmelweid spricht, fallen Wörter wie «grossartig» und «paradiesisch». «Es ist schon ein sehr spezieller Ort, um aufzuwachsen. Früher war die Barmelweid fast immer über der Nebelgrenze, und wir konnten bis zu den Alpen sehen – heute ist das wegen des Klimawandels leider nicht mehr so, die Nebelgrenze liegt oft höher. Wir hatten viele Freiräume und waren sehr autonom unterwegs – für uns war die Barmelweid samt Wäldern rundherum einfach ein richtig grosser Spielplatz. Es gab unterirdische Gänge – sie existieren wohl heute noch –, in denen wir mit den Rollschuhen herumgesaust sind. Die Schwestern haben aber schon darauf geachtet, dass wir den Betrieb nicht stören – sie kannten uns ja.» Mit den Patienten seien sie hingegen kaum in Kontakt gekommen – «man musste ja Abstand halten, wegen der Tuberkulose». Eine richtig grosse Clique seien sie gewesen, die Barmelweid-Kinder, «wir haben uns immer am Kiosk oder beim Lädeli getroffen. Das alles gibt es heute nicht mehr.» Nein, besonders wehmütig mache sie das nicht: «Die Klinik ist deshalb so gut unterwegs, weil sie sich entwickelt hat. Und da müssen halt alte Bauten manchmal etwas Neuem Platz machen.»

Aber manchmal, sinniert Buser, lohne es sich, die Geschichte zu erhalten. So wie die schönen Tierfabeln von Felix Hoffmann. Der Künstler hat sie 1955 im Bella-Vista-Saal gemalt, seine Tochter war Patientin auf der Barmelweid. Buser ist mit den Tierfabeln aufgewachsen. «In diesem Speisesaal haben wir viele Feste gefeiert; Taufen, Geburtstage. Ich hätte es sehr schade gefunden, wenn sie abgerissen worden wären.» Deshalb hat sie sich ein Konzept überlegt, um sie in den Neubau zu integrieren. Es gelang dank der Zusammenarbeit mit Restaurator Stefan Buess (siehe Text unten) – und dank zusätzlichen Beiträgen aus dem Swisslos-Fonds sowie einer Stiftung.

Ihre Geschwister hätten das Werk noch nicht gesehen, sagt Buser, «aber ich werde es ihnen sicher noch zeigen». Der Vater ist schon 2003 gestorben, die Mutter im vergangenen Jahr – 97-jährig. Auch sie war Ärztin. «Mit 50 Jahren erfüllte sie sich ihren Traum einer Psychotherapie-Praxis in Aarau – und arbeitete bis 83.»

Fotografie selber beigebracht

1975, als Renate Buser 14 Jahre alt war, hatte der Vater nach langen Jahren genug vom Chefarzt-Posten auf der Barmelweid, die Familie zügelte nach Aarau. Genau im richtigen Moment für die Jugendliche, «die Natur hatte ich gesehen, ich wollte in die Stadt». Sie besuchte die Neue Kantonsschule in Aarau. In die Mediziner-Fussstapfen der Eltern mochte sie nicht treten, auch nicht Primarlehrerin werden, obwohl die Eltern dazu rieten.

Mit 20 zog Renate Buser nach Basel und besuchte die Kunstgewerbeschule. Sie liess sich zur Zeichen- und Werklehrerin ausbilden, Malen stand im Fokus. Geprägt hat sie ein fast einjähriger Studienaufenthalt bei Emilio Vedova an der Kunstakademie in Venedig. Die Stadt, die Freiheit – «In Basel war alles sehr organisiert – in Venedig hingegen hat mir niemand gesagt, was ich machen soll». Doch als sie später Vedova an die Salzburger Sommerakademie begleitete, als Übersetzerin für den Meister und dessen Schüler – «immer spazio, luce und colore, das war nicht schwierig» – merkte Buser: «Es gibt so viele Leute, die malen und damit auf keinen grünen Zweig kommen.» Zurück zu Hause in Basel begann sie, sich mit Fotografie zu beschäftigen. «Ich habe mir alles selber beigebracht. Es hat mich nicht mehr losgelassen, und es hat sich entwickelt.» Es folgten Stipendienaufenthalte in Paris, Montreal, Berlin. Von der Kleinbildkamera ist sie auf eine Grossbild-Plattenkamera gekommen. «Fotografie interessiert mich im Zusammenhang mit Raum. Ich arbeite sehr viel mit Architektur und mache viele fotografische Installationen, auch im öffentlichen Raum, an Fassaden.»

Die Landschaftsaufnahmen, die nun den Neubau auf der Barmelweid zieren, seien deshalb sehr untypisch für sie. «Ich habe die Arbeit an diesem Projekt extrem genossen, und es lebt durch meinen biografischen Bezug. Zuvor war ich lange nicht mehr auf der Barmelweid. Nun habe ich sie während eines Jahres während aller Jahreszeiten besucht, um die Fotos zu machen. Es war wie eine Zeitreise. Die Bilder sind intuitiv entstanden, ohne festen Plan, je nach Licht und Wetter. Um das Winterfoto habe ich gebibbert – ich wollte unbedingt ein Schnee-Bild, aber es hat und hat nicht geschneit. Als ich Kind war, gab es hier oben noch richtig viel Schnee.» Schliesslich klappte es, selbst wenn Buser in ihrem Atelier alles stehen und liegen lassen musste, um rasch auf der Barmelweid den Neuschnee einfangen zu können.