Schon Mitte der 80er-Jahre, sagt Ruedi Birchler (60) – als Musiker bekannt unter dem Pseudonym Charlie Midnite – habe er begonnen, Songs zu schreiben. 1974 hatte der Rohrer mit zwei Kollegen eine Band gegründet. Die Geschichte klingt bekannt: Die Eltern fanden die Idee nicht gut. Mit Musik brachte man damals Drogen in Verbindung – und überhaupt ein wildes Leben. Aus Sicht der jungen Musiker bedeutete das Ganze vor allem eines: «Im Loch unten üben». Und alle hofften auf den grossen Durchbruch: Raus aus dem Übungskeller.

«So einfach ist das nicht», stellt Ruedi Birchler heute fest. «Glück gehört dazu – man muss zur rechten Zeit am richtigen Ort sein.» Zudem: «Wir haben nie die Nähe zu den Medien gesucht – wir wollten unser eigenes Ding machen.»

Das will Ruedi Birchler heute noch. Viele hören irgendwann auf, Musik zu machen. Birchler ist all die Jahre dabei geblieben. Seine Band Poker Alice hatte eine Zeit lang «relativ viele Gigs». Poker Alice – benannt nach Alice Ivers (1851–1930), die im «Wilden Westen» als Zigarren rauchendes Poker-Genie und Bordellbetreiberin zu Berühmtheit gelangte – hat mehrere CDs aufgenommen. Vor rund 20 Jahren kam er auch zu seinem Künstlernamen. «Charlie», sagt er, «nannten mich die Leute vorher schon, ‹Midnite› kam dazu, als wir 1996 für die Single ‹Half Past Midnite› erstmals im Studio waren.

Zwei, drei Jahre lang versuchte Charlie Midnite als Profimusiker zu leben. «Aber mit einer Familie», musste er erkennen, «ist das schwierig.» Heute arbeitet er als Controller bei der Villiger Söhne AG.

Das bisher schwierigste Projekt

Charlie Midnite ist ein ungemein produktiver Songwriter. Und sein neustes Werk, das Konzeptalbum «Treasure Island Part I» ist ehrgeiziger als alles Bisherige. «Das Komplizierteste, was wir bisher gemacht haben», sagt er selber, «das Schwierigste, das Eigenste.» Im Grunde gehe ihm das Liederschreiben relativ schnell von der Hand, aber hier sei es schwierig gewesen. Angefangen hat das Ganze vor rund drei Jahren. Zwei, drei Songs lagen vor, aber es ging nicht weiter. Das vorhandene Material verschwand vorübergehend in einer Schublade.

«Treasure Island» («Die Schatzinsel») basiert auf dem gleichnamigen Abenteuerroman des schottischen Autors Robert Louis Stevenson und handelt von der Suche nach einem Piratenschatz. Jedoch, sagt Ruedi Birchler, sei es nicht darum gegangen, den Stoff an sich umzusetzen, sondern die Bilder, die sich bei der Lektüre vor dem inneren Auge auftun. Fragt man ihn, was ihn an der Story fasziniert habe, bricht der Individualist aus ihm heraus: «Die Figuren im Roman, das sind Typen – denen gehört die Welt.» Die Projektion des eigenen Drangs, sich nicht verbiegen zu lassen? Im realen Leben, auch im Musikerleben müsse man doch «immer machen, was die andern wollen», sagt Birchler. Dabei gebe es nichts Schlimmeres, als sich zu verdealen.

Auch wenn es oftmals unbefriedigend ist, Musik stilistisch einzuordnen: Wo ist für Birchler «Treasure Island» zu Hause? Das Ganze, sagt er, sei eine Mischung aus Americana, Folk, Country und Rock. «Und ich habe mich bemüht, eingängige Melodien zu finden – ein Lied sollte man im Kopf behalten können.» Entstanden sind die Aufnahmen in Oberentfelden und in Nashville TN. «Ich habe gute Freunde in den USA gefragt, ob sie Sänger organisieren können.» Sie konnten. «Amerikaner sind offen und begeisterungsfähig», sagt Charlie Midnite, der 2016 für ein paar Tage nach Nashville flog, wo ein Teil der Tracks aufgenommen wurde. «Wir waren relativ gut vorbereitet», sagt er. «Wir hatten schon fast ein Jahr an den Demos gearbeitet, die teils auch weiterverwendet wurden.»

Sara McLoud mit an Bord

Insgesamt waren über 16 Musikerinnen und Musiker ins Projekt involviert, darunter auch Ruedi Birchlers stimmgewaltige Tochter Sara (25), die unter dem Pseudonym Sara McLoud ebenfalls schon mehrere CDs eingespielt hat. Mit Vaters Band als Begleitung. «Wir kommen gut miteinander aus», sagt Ruedi Birchler. «Und es kommt am günstigsten, wenn man alles miteinander macht.»

Während Charlie Midnite nun darauf hofft, dass «Treasure Island Part I» die gebührende Anerkennung findet, ist «Part II» schon ziemlich weit gediehen: Die Demos, man könnte auch von Basis-Tracks sprechen, sind praktisch fertig. Im Frühsommer stehen die nächsten Aufnahme-Sessions in Nashville an. Birchler ist überzeugt: «Da werden wir wieder eine schöne Woche verbringen.»

Als Musical konzipiert

Mit den narrativen Passagen und den nach Rollen verteilten Stimmen ist «Treasure Island» eigentlich als Musical konzipiert. Will Charlie Midnite das Werk eines Tages auf die Bühne bringen? «Das wäre natürlich das Ziel», sagt er. Und schränkt gleich ein: «So etwas ist immer eine finanzielle Frage – und dann muss man Kompromisse eingehen. Das aber fällt mir schwer.» Auf die Inspiration aus literarischen Stoffen will Ruedi Birchler auch über «Treasure Island» hinaus vertrauen: In der Pipeline, verrät er, sind Mark Twains «Tom Sawyer» und der unheimliche «Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde», ein weiteres Werk aus der Feder von Robert Louis Stevenson.

Als Ruedi Birchler war Charlie Midnite in Aarau auch als freisinniger Schulpfleger tätig. Wobei er «freisinnig» wörtlich versteht: «Ein freier Sinn hat für mich nichts mit Neoliberalismus zu tun.» In der Schulpflege war er für die Information zuständig. Die Wiederwahl hat er im Herbst, als das Gremium von sieben auf fünf Sitze verkleinert wurde, verpasst. Er hätte eh nur noch die Übergangsphase (bis 31. Juli 2018) mitgemacht. «Mit der künftigen Kreisschule Aarau-Buchs wollte ich nie etwas zu tun haben. Ich habe auch gesagt, ich wolle kein Plakat von mir sehen.» Die Arbeit in der Schulpflege habe er aber gerne gemacht. Im ersten Moment sei er nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses schon enttäuscht gewesen. «Etwas anderes zu behaupten, wäre nicht ehrlich.» Nach wenigen Sekunden habe sich die Enttäuschung jedoch gelegt. Und für den Musiker Charlie Midnite, das schimmert aus seinen Worten durch, war die Nichtwiederwahl von Ruedi Birchler auch «eine Art Befreiung». Langweilig wird es ihm bei all den in der Pipeline lagernden Projekten bestimmt nicht.

«Treasure Island Part I» und andere Alben von Poker Alice/Charlie Midnite sind online erhältlich via Amazon oder als CD über www.midniteshop.ch